„Das ist doch alles nur, weil Du Männer hasst“

    Ja. Diesen Spruch höre ich in letzter Zeit sehr, sehr häufig. Dazu muss ich gar nichts gesagt haben – ich muss nur im Raum sein. Allein das ist für manche Menschen – Männer wie Frauen – anscheinend eine Provokation.

    Woran liegt das?

    Nicht an mir.

    Sondern an der Männergewalt.

    Zunächst mal: es ist schon auffallend schräg, Frauen, die schwere Kindesmisshandlung, sexuelle Gewalt, Menschenhandel und Prostitution er- und überlebt haben, Männerhass zu unterstellen. Und zwar als EINZIGE Reaktion. Bei allem, was sie sagen.

    Sie findet, der Landtagsabgeordnete hat politisch Mist gebaut? Ach, das findet sie doch nur, weil er ein Mann ist und sie Männer hasst.

    Es stört sie, dass der Nachbar seine Kippen in den Hinterhof wirft? Ach, das stört sie doch nur, weil er ein Mann ist und sie Männer hasst.

    Sie kotzt ab, weil Männer auf der Straße nie Platz machen, sondern erwarten, dass man für sie aus dem Weg geht? Ach, das ist doch nur, weil es um Männer geht und sie Männer hasst.

    Auffallend dabei: die Probleme werden entproblematisiert und die Problembenennerin problematisiert.

    Es findet eine Problemverschiebung statt.

    Es ist megdeutlich, dass diese Männerhassunterstellung irgendwie immer nur Frauen geschieht, die sich NICHT als Einzelfall begreifen, sondern die in ihrer Analyse zu dem Schluß gekommen sind: hey, das ist gar nicht nur mir passiert, es lag auch nicht an mir, es geschieht sehr oft und es hat bestimmte Regeln – folglich haben wir als Gesellschaft ein Problem und das benenne ich jetzt.

    Ja. Das ist unbequem.

    Da kommt plötzlich eine, setzt sich hin, ist einfach da und sagt sonst so Sachen wie „Wir haben in dieser Gesellschaft ein massives Problem mit Männergewalt.“

    Das stört natürlich.

    Welche Frau möchte denn schon im Patriarchat die Augen aufmachen? All diese Scheiße sehen? Die Pornographie, die partnerschaftliche Gewalt, die Femizide, die Belästigungen, die Vergewaltigungen, die Kindesmisshandlungen, das Freiertum? Welche will das schon? Es ist so überwältigend viel und so überwältigend krass. Hielte man das aus? Könnte man was tun? Oder würde man sich gelähmt fühlen vor Angst und Schrecken und hilflos und ohnmächtig diesem Berg an Männergewalt gegenüberstehen?

    Vermutlich letzteres.

    Und deswegen gibt es viele Frauen, die unter allen Umständen die Augen geschlossen halten wollen.

    Die es nicht sehen wollen.

    Ich erkenne diese Frauen sofort.

    Es sind die, die auf mich zukommen und sagen:

    „Es tut mir Leid, dass DIR das passiert ist“, als wäre ich ein Einzelfall und es hätte halt schon aus was mit mir zu tun, dass ich das erlebt habe.

    „Es ist nur wegen Deinem Männerhass“, als wäre meine Kritik an der Männergewalt das Problem und nicht die Männergewalt an sich.

    „Es gibt auch andere Männer“, als wäre Männergewalt nur dann ein Problem, wenn ALLE Männer ALLE Frauen vergewaltigen und das 24 Stunden 7 Tage die Woche ohne Pause.

    „Du lernst schon noch den richtigen kennen“, als wäre meine Welt in Ordnung, wenn ich einen halbwegs okayen Mann habe als würde mich dann nicht mehr kümmern, was anderen Frauen passiert.

    „MEIN Mann ist anders!“, jaja, glaub mal, Deine Abwehrreaktion sagt mir genug über Deine Zweifel, und ich wette, Du hast Gründe, nicht in seinen Browserverlauf zu guggn.

    Es geht nicht darum, individuelle Männer zu hassen, auch wenn ich zugeben muss, dass es mir nicht leicht fällt, sonderlich viele sympathische und zumindest korrekt anmutende Männer zu sehen. Denn die meisten halten mit ihrem Schweigen, ihren Witzen, ihren abwertenden Bemerkungen diese ganze Atmosphäre am Laufen, die es Männern erlaubt, mit allem davonzukommen.

    Es geht um Strukturen.

    Aber ja, auch um individuelles Verhalten.

    Ich verstehe diese Reaktionen von Frauen.

    Das ist Erschrecken, das ist unbequemes SchonlängstimInnerenwissen, das ist zwanghaftes Kopfwegdrehen.

    Und deswegen sind die Frauen das Problem, die Männergewalt erlebt haben und danach laut sagen, was das Problem ist.

    Die sind dann „Männerhasserinnen“.

    Es ist so billig wie unsubtil.

    Und es ist auch unlogisch: als wäre man mit Männerhass geboren und hätte deswegen all die Männergewalt erlebt.

    Nicht etwa andersrum.

    Und was ist schon Männerhass? Alle Frauen, die ich kenne, denen Männerhass vorgeworfen wird, wollen vor allem eins: dass die Männergewalt aufhört und dass sie selbst nichts mehr mit Männern zu tun haben müssen.

    Ist das nicht legitim?

    Wohingegen Männer, die Frauen hassen, sie unterdrücken, quälen, vergewaltigen, umbringen.

    Ich weiß für mich, was ich schlimmer finde.

    Und ich feiere jede, die aufwacht, die sagt: „Ich schau jetzt hin“, die sagt: „Nee, komm, das kann nicht alles an uns Frauen liegen“, die sagt „Das sind bisschen viele Einzelfälle“, die sagt: „Ist mir egal, ob ich jetzt als Männerhasserin gelte“.

    Die unbequem ist. Und die es deswegen oft genug auch selbst unbequem hat.

    Aber nur so verändert sich was, und verändern muss es sich.

    Schönen Sonntag euch. ❤