Prostitution und Grenzüberschreitungen

    Mir als Frau aus der Prostitution geht oft gegen den Strich, wie Prostitution in den Medien verharmlost wird. Man könnte meinen, es sei ein Lifestyle wie jeder andere. Vice Österreich hat mal wieder einen älteren Artikel rausgekramt, in dem es um „Sexarbeiter“ geht – ja, nicht gegendert, denn es sind „Männer und Frauen in der Sexindustrie ihre Körper anbieten“. Ist ja gleich der erste Punkt. Denn ja, das stimmt. Aber hier wird so getan, als wäre das 50-50 – was nicht stimmt. Prostitution, Strippen usw. ist hart gegendert, 9 von 10 Prostituierten sind weiblich – und die männlichen Prostituierten bedienen zumeist auch die männliche Nachfrage. Es gibt keinen Grund, so zu tun, als gäbe es genauso viele Frauen wie Männer in der Prostitution, und als würden genauso viele Männer wie Frauen Sex kaufen. Das ist nicht der Fall. Warum? Weil Prostitution (auch Strippen, Porno etc.) Ausdruck und Stütze patriarchaler Verhältnisse ist.

    In dem Artikel sprechen u.a. eine Escortfrau und eine Prostituierte.

    Die Frau aus dem Escort weist zunächst darauf hin, dass sie immer wieder Freier hat, die es mit der Hygiene nicht so genau nehmen. Da ist natürlich die Frage, woher kommt das? Meiner Meinung nach ist auch das Ausdruck eines ungleichen Geschlechterverhältnisses. Von Frauen wird erwartet, sich immer hübsch zu machen: schminken, Intimbereich rasieren, Beine enthaaren, Achseln ebenso, Fitnessstudio, Cellulitecremes, Faltencremes, gefärbte und gestylte Haare, regelmässige Kosmetikerinnenbesuche, hohe Schuhe, figurbetonte Kleidung usw. Bei diesem Spiel kann man nicht gewinnen. Erfüllt man die Bedingungen, wird man objektifiziert („Schlampe“, „geiles Teil“, „bisschen dumm, aber dumm fickt gut“), verweigert man sich der ganzen Sache, ist man eine prüde, ungevögelte „Birkenstocktante“. An Männer werden diese Ansprüche nicht gestellt. Männer müssen sich nicht irgendwelchen Bedingungen anpassen – sie sind genug, so wie sie sind. Ihre reine Präsenz reicht aus (und berechtigt sie auch behaart, bierbäuchig, müffelnd und halbglatzig dazu, Kommentare und Bewertungen ggü. dem Aussehen von Frauen abzugeben). Dementsprechend  wird ein Mann als gut genug wahrgenommen, sobald er auch nur da ist und dementsprechend hat er oft auch kein Problem damit, seine körperliche (und sexuelle) Anwesenheit Frauen anzubieten, egal, wo es hakt (nicht geduscht? Stinkesocken? Ausschlag? Dreck unter den Fingernägeln? Ach, egal!) – erst recht, wenn er die Frau dafür bezahlt, mit ihm ins Bett zu gehen. Prostitution verstärkt dieses eh schon bestehende Ungleichgewicht hinsichtlich der Geschlechter, denn es baut männlicherseits noch mehr Hemmungen ab.

    Davon mal ab, was soll das für ein Job sein, bei dem man sich dauernd unangenehmer Erscheinungen hinsichtlich der männlichen Körperlichkeit aussetzen oder sie abwehren muss, und das auch noch in sexueller Hinsicht? Denn Freier möchten trotz dreckiger Fingernägel im weiblichen Intimbereich rumfingern, trotz verschwitzter Haut vollen Körperkontakt und von dem Rest fange ich gar nicht mal an  – schliesslich sind sie eh schon Gottesgeschenk genug, und dann haben sie auch noch bezahlt. Prostitution ist Ausdruck ungleicher Machtverhältnisse, und das merkt man spätestens hier, wo oft nicht mal die grundlegende Respektsbasis auf männlicher Seite besteht.

    Beide, die Prostituierte und die Escortfrau, berichten von Grenzüberschreitungen. Immer wieder müssen sie Forderungen nach AO („alles ohne“, also ohne Kondom) abwehren. Und das selbst, wenn vorher bereits klargemacht wurde, dass das nicht möglich ist. Denn Freier haben ein Anspruchsdenken: sie glauben, eben nicht nur dafür zu bezahlen, was offiziell beschönigend „sexuelle Dienstleistung“ genannt wird, nein, oft genug glauben sie, alles zu kaufen, die ganze Frau. Mich haben 8 von 10 Freiern immer gefragt: „Was kostest du?“ Freud lässt grüßen. Die Diskussion um das Weglassen des Gummis kenne auch ich zur Genüge. Könnt ihr euch vorstellen, wie es ist, mit einem Typen zu schlafen, den man ohne Geld niemals anschauen würde, aber man braucht halt die Kohle? Schlimm genug. Und dann will der Typ auch noch NOCH näher an einen ran und in einen rein: die letzte Barriere, das Gummi, soll wegfallen. Sperma schlucken, Sperma in der Scheide haben, Sperma von einem Typen, mit dem man eigentlich nicht schlafen will – was für ein zauberhaftes Angebot. Hinzu kommt, dass Frauen in der Prostitution sehr wohl oft auf ihre Gesundheit achten – Freier aber nicht so häufig. Wer sich in Freierforen umschaut, der sieht, wie viele Freier bedenkenlos überall rumficken, Strassenstrich, Drogenstrich, alles ist dabei – und wenn sie überhaupt einen Test machen, dann gehen sie nicht etwa zum Gesundheitsamt, wo es kostenlos ist, nein, dann gehen sie Blut spenden. Und gefährden damit noch andere Menschen: denn Blutspenden als regelmässiger Freier ist eigentlich nicht erlaubt.

    Doch damit nicht genug der Grenzüberschreitungen. Beide Frauen berichten davon, dass Freier versuchen, in ihren persönlichen, privaten Bereich einzudringen, und auch ich kenne das noch gut. Jeder Freier hält sich für etwas Besonderes, schlimm sind immer nur die anderen. Genug Selbstreflektion zu erkennen, dass sie selbst auch nicht anders handeln als die „schlimmen“ besitzen nur ganz wenige Freier (und auch die hält das dann vom Freiersein nicht ab). Damit und weil sie bezahlt haben, sehen sie sich berechtigt, mehr zu bekommen als das, wofür sie bezahlt haben. Mehr als den Sex. Mehr von der Frau. Die ganze Frau. Und zu der gehört: deren Privatleben. Wie heisst du wirklich? Was machst du sonst so? Hast du Kinder? Hast du einen Freund? Können wir uns privat mal treffen? Gibst du mir deine Handynummer, damit wir uns per WhatsApp mal bisschen schreiben können? Hast du Lust, am Samstag mit mir am See baden zu gehen? Ohne Geld natürlich.

    So geht das die ganze Zeit, und man muss ständig ausweichen, abwehren, aber vorsichtig, gell, denn man möchte und darf den Kunden nicht verärgern, ein zu klares Nein bedeutet ein verletztes Männerego, und verletzte Männeregos sind gefährlich. Da fällt der Fick danach auch mal deutlich härter aus oder man hat einen neuen Stalker am Hals. Oder einen Kunden verloren – der sich dann eine Frau sucht, die nicht gelernt hat, ihre Grenzen zu wahren. Eine, bei der er nicht nur im sexuellen Bereich, sondern auch im emotionalen und psychischen Bereich aus den Vollen schöpfen kann. Was übrigens auch harte Arbeit ist.

    Dann gibt es noch die, auch das berichtet die Prostituierte im Artikel und auch das kenne ich noch, die permanent fragen, ob einem das Spass mache. Was sie nicht hören wollen: dass es einem keinen Spass macht. Was sie hören wollen: ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und mit DIR macht es mir megaviel Spass. – Das ist dann echt das letzte: seinen Missbraucher noch davon überzeugen zu müssen, dass einem der Missbrauch gefällt. Seinem Ego zu schmeicheln und ihm zusätzlich zum bezahlten Sex noch sein Ego und sein Gewissen streicheln zu müssen. Du hast das Gefühl, dass dein Freiertum Schäden anrichtet? Nun, wie wäre es damit, dann keine Frau dafür zu bezahlen, dass sie sich überwindet um mit dir ins Bett zu gehen, sondern aufzuhören, Sex zu kaufen? Die Prostituierte im Artikel sagt ganz klar: „Natürlich beruht das alles auf der schönen Idee, dass Sex beiden Parteien Spaß machen sollte. Sex gegen Geld ist aber anders. Die Leute haben oft ein Problem mit der Vorstellung, dass sie sich gehen lassen können und ich mich vollkommen auf sie konzentriere.“ Und sie hat Recht. Sex im Puff ist kein Sex, der beiden Spass macht. So viel muss klar sein. Das ist etwas, dass wir außerhalb der Prostitution im Jahr 2019 nicht mehr akzeptieren. Wir sprechen mittlerweile endlich davon, dass zum konsensualen Sex ein enthusiastisches JA gehört. Und das ist auch richtig so. Sex, der nicht beiden Spass macht, sondern nur einer Partei, während die andere es erträgt, über sich ergehen lässt, abspaltet: nennt man das nicht sexuellen Missbrauch? Na doch. Warum sollte das anders sein, nur weil Geld dafür fließt? Wollen wir eine Sexualkultur, die beiden Parteien Spaß macht, die beiden Parteien gefällt, die beide Parteien wollen? Oder sind wir immer noch der Meinung, unter „bestimmten Umständen“ sei es okay, wenn sich der Mann auf Kosten der Frau auslebt? Und was sind die „bestimmten Umstände“? Ist das nur Prostitution? Oder kann ein „bestimmter Umstand“ auch sein: wenn die Frau betrunken ist, wenn sie mit dem Mann in einer Ehe lebt, wenn sie es „verdient“ hat, wenn sie sich nicht genug wehrt, wenn sie nur leise „Nein sagt? Spätestens jetzt wird klar: Prostitution ist Teil einer rape culture. Und die gehört ja wohl abgeschafft.

    Immer wieder, auch im Artikel angesprochen, Sprüche wie: du bist doch viel zu klug, zu hübsch, zu schlau für den Puff, was machst du hier, du gehörst hier nicht hin. Das nervt unheimlich. Und es ist auch kein Kompliment, denn es zeigt, was Freier wirklich denken: dass es nämlich, im Umkehrschluss, Frauen gibt, die in den Puff gehören. Dass es eine Gruppe von Frauen und Mädchen gibt, die nichts anderes verdienen, als von Männern sexuell benutzt und ausgebeutet zu werden. Eine Gruppe von Frauen, deren Lebensbestimmung es sein soll, die Bedürfnisse von Männern zu befriedigen. Das sagt dann auch alles über das Frauenbild von Freiern, oder?

    Jetzt könnte man sagen: dann such Dir doch Deine Freier aus und nimm solche nicht. Das Problem dabei: die überwiegende Mehrheit der Freier ist so. Und meist erfährt man eben erst im Bett, auf Zimmer, wie der Kunde drauf ist. Also während der sexuellen Aktivität. Nicht umsonst wird das von Männern auch oft „Nahkampf“ genannt – weil sie es als solchen empfinden. Das stellt ihr euch nicht so schön vor? Nun, das ist es auch nicht. Und oft hat man eben nicht die Wahl, den Freier rauszuhauen oder, wenn man ihn schon als übergriffig kennt, abzulehnen. Denn man muss ja Geld verdienen.

    Was ich damit sagen will:

    Prostitution ist im Kern eine Grenzüberschreitung. Denn die eine Person möchte den Sex, die andere nicht. Sie braucht die Kohle.

    Aber zusätzlich zu dieser prostitutionsimmanenten Grenzüberschreitung kommen noch all die vielen kleinen Nadelstiche, die versuchten Übergriffe, die Grenzüberschreitungen dazu. Prostitution ist ein permanenter Kampf um körperliche, sexuelle, emotionale und psychische Grenzen. Der eine Part möchte diese gern bewahren. Der andere Part möchte sie gerne überschreiten. Und das soll also ein ganz normaler Job sein? Das ist höchstens erduldeter Missbrauch mit finanzieller Entschädigung. Wobei „Entschädigung“ es auch nicht trifft, denn den Schaden bezahlt keiner weg. Der bleibt.

    Warum ist das so, dass Prostituierte sich gegen all die vielen zusätzlichen Grenzüberschreitungen wehren müssen, jedes Mal?

    Es ist so, weil Freier Prostitution ganz richtig als Frauenkauf empfinden. Ja, offiziell bezeichnen sie es als „sexuelle Dienstleistung“ und belehren einen gerne darüber, dass das nichts anderes sei, als sich bei Friseur die Haare schneiden zu lassen. Das ganze „es ist ein Job wie jeder andere“-Gerede verdeckt nämlich hervorragend, was Freier wirklich denken und was Prostitution wirklich ist. Sie meinen, sie haben die ganze Frau gekauft, alles an ihr, und sie hätten die volle Verfügungsgewalt. Und sie haben nicht Unrecht: Prostitution ist aus der Sklaverei entstanden, sie hat ihren Ursprung nicht in irgendwelchen „Dienstleistungsgewerben“, und sie war auch nie empowernd für Frauen. Wäre sie empowernd, würden alle Menschen (eben allzuoft Männer), die wirklich Macht haben, dieses Verhalten, sich zu prostituieren, an den Tag legen. Noch nie einen BMW-Vorstandstypen dabei gesehen, wie er sich auf dem Strassenstrich anbietet? Tja, dann wird Prostitution wohl etwas anderes über das Machtverhältnis aussagen, als hier andauernd propagiert wird.

    Prostitution ist eine tragende Säule des Patriarchats, und sie ist zugleich Ausdruck des Patriarchats. Prostitution führt zu patriarchalen Verhältnissen, und sie kommt aus patriarchalen Verhältnissen, und das kann man niemals weichspülen, da hilft nämlich nur eins: abschaffen!

    “Wenn wir das Nordische Modell einführen, wandert Prostitution in den Untergrund” – eine kleine Aufklärung

      Bundesjustizministerin Christine Lambrecht warnt vor „Prostitution in dunklen Ecken“ und meint, die Einführung des Nordischen Modells sei keine Lösung, denn es gäbe nachher immer noch Prostitution – und mir als Frau aus der Prostitution geht bei solchen Aussagen so derbe die Hutschnur hoch.

      Eine kleine Aufklärung über “den Untergrund” tut Not.

      Das erste ist: Das Nordische Modell beendet nicht die Existenz von Prostitution. Soweit ist das richtig. Es dezimiert sie aber, und zwar enorm. In Schweden geht die Prozentzahl der Freier, gemessen an der Gesamtbevölkerung, jedes jahr um 0,5 % runter und ist mittlerweile bei phänomenalen 7%. Davon können wir hier in Deutschland nur träumen – je nach Statistik ist es hier jeder 3. Mann, der geht, 90%, die schonmal im Bordell waren (was nicht heisst, dass sie es immer noch tun, auch einmalige Ausflüge ins Milieu gelten) oder 3 von 4 Männern, die schonmal Prostitution genutzt haben. Könnten wir das auf 7% Freier runterschrauben, wäre das schonmal ein massiver Fortschritt! Davon mal abgesehen: Die Einführung der Strafbarkeit von Mord hat auch nicht dafür gesorgt, dass es keine Morde mehr gibt. Uns allen ist aber ja wohl klar, dass es noch mehr Morde geben würde, wenn Mord nicht strafbar wäre, oder?

      Das zweite ist: der leidige Untergrund und die „dunklen Ecken“. Was soll das überhaupt sein, der Untergrund? Es gibt in der Prostitution keinen Untergrund, denn irgendwie müssen Freier und Prostituierte sich ja finden. Wenn ein Freier, sagen wir mal, aus Berlin, auf eine Dienstreise nach Gütersloh geht und sich vornimmt, heute Abend für einen Hotelbesuch einer Prostituierten zu zahlen, dann WIRD er auch was finden, und zwar egal, in welchem prostitutionsgesetzgeberischen System – Gütersloh könnte hier auch in Sibirien liegen (wo die Prostituierten für die LKW-Fahrer an der Strasse stehen) oder in Russland, wo Prostituierte bestraft werden, oder halt in Schweden. Ein Freier, der zu einer Prostituierten will, wird sie finden, egal unter welcher Gesetzgebung, denn davon lebt die Prostitution ja, dass Freier und Prostituierte sich finden. Und wenn jetzt ein angereister Freier das finden kann, warum sollte es nicht jedeR andere auch tun? Hat der Freier Zeit, sich stundenlang auf der Strasse nach Getuschel und Geheimtipps umzuhören? Hat er Zeit, tagelang zu recherchieren? Hat er nicht. Braucht er auch nicht. Prostitution ist auffindbar. Sie muss es sein. Immer. Und wenn Freier Prostituierte finden können, warum sollten dann nicht auch Polizei, Sozialarbeiterinnen und alle anderen sie finden können? Sind die was dümmer als der Freier? Oder haben sie kein Internet? Naaaa, Kwatsch.

      Was soll das also sein, der „Untergrund“? Frau Lambrecht sagt, es wäre schlecht, das Nordische Modell einzuführen, denn dann verlagere sich alles in die „dunklen Ecken“, wo man überhaupt nicht mehr kontrollieren könne. Das ist ja nun widerlegt, Prostitution findet vielleicht manchmal in dunklen Ecken statt, aber am Ende wissen ja doch alle, die es betrifft, wo diese dunkle Ecke ist.

      Was also ist die Alternative zu der „dunklen Ecke“ und ihrem „Untergrund“, den es gar nicht gibt? Die Alternative ist die Realität in der Prostitution jetzt hier in Deutschland, in einem legalisierten und damit zuhälter-, menschenhändler- und freierfreundlichen System. Die Alternative ist, dass Prostitution und mit ihr einhergehend der ganze sexuelle Missbrauch, die Verletzungen von und Übergriffe an Frauen und Mädchen, die ganze Frauenfeindlichkeit VOR ALLER AUGEN (sozusagen im VORDER- statt Untergrund) stattfinden. Das TeenyLand-Bordell wirbt offen damit, dass dort alle Mädchen aussehen, als wären sie minderjährig. Die Bordellzimmer sehen aus wie Kinderzimmer, inkl. Teddybären, Schreibtisch wo man die Hausaufgaben machen kann etc. Haben wir ein Problem? Ach nein, damit haben wir kein Problem. Auf jeder 2. Taxe ist in manchen Städten Puffwerbung drauf (schmierige Sprüche der Taxifahrer, wenn man als Frau dort einsteigt, inklusive). Junge, rumänische, halbnackte Mädchen rekeln sich da drauf. Jeder kann sich sexuellen Zugang zu ihnen kaufen, weil es erlaubt ist, und weil sie verdammt arm sind und keine andere Wahl haben. Haben wir ein Problem? Ach nein, wir haben kein Problem. An der Kurfürstenstrasse in Berlin stehen drogenabhängige Frauen, die kaum Hilfe erhalten, die oft nicht mal ein Obdach haben. Sie steigen in fette Karren zu Typen, die echt heftige, ekelhafte Dinge von ihnen verlangen. Und alle sehen zu. Haben wir ein problem? Ach nein, wir haben kein Problem.

      Jetzt und hier findet das alles unter aller Augen statt. Und das führt auch dazu, dass wir alle abstumpfen. Dass wir uns sagen: Prostitution ist doch normal. Prostituierte zu sein ist doch normal. Die brauchen doch keine Hilfe.

      Aber meistens brauchen wir Prostituierten genau diese Hilfe eben doch.

      Wir haben die Wahl: lassen wir den Missbrauch an Frauen und Mädchen unter aller Augen geschehen?

      Oder verringern wir durch eine Strafbarkeit des Freierseins die Nachfrage und damit das Angebot massiv, und das, was an Prostitution immer noch dableibt, ist dennoch für alle auffindbar, die es angeht – Polizei, Hilfesysteme und so weiter?

      Prostitution ist in DEutschland offensichtlich. Und doch auch wieder nicht. Denn: in über 80% Deutschlands ist Prostitution auszuüben auch jetzt schon verboten – durch die Sperrbezirke. Bestraft werden bei Kontrolle aber die Frauen aus der Prostitution. So gesehen ist das, was Lambrecht als “dunkle Ecken” bezeichnet, jetzt schon da – Leidtragende sind prostituierte Frauen, denen durch Bussgeldbescheide wegen Verstosses gegen die Sperrbezirksverordnung der Ausstieg erschwert wird. In Schweden dagegen gibt es keine Sperrbezirke für Prostituierte – Prostitution auszuüben ist erlaubt. Überall. Hingegen wird für das ganze Land zum Sperrgebiet für Freier.

      Ich sehe absolut ein, dass Prostitution auszuüben im Nordischen Modell sicher nicht mehr ganz so einfach ist, wie hier im legalisierten System. Hier kann man sich anmelden (wenn man sich das leisten kann) und ab in den nächsten Puff.

      Im Nordischen Modell gibt es keine legalen Puffs mehr. Dafür ist Prostitution auf Anbieterinnenseite aber eben auch nicht strafbar. Ja, es kann sein, dass Freier dann sehr viel vorsichtiger werden, dass sie, weil sie wissen, dass die Kontaktanbahnung und der Vollzug für sie (und nur für sie) strafbar ist, Sicherheitsmassnahmen ergreifen wie: ich sage dir meinen Namen nicht und am besten, wir machen es bei mir Zuhause.

      ABER.

      Freier wollen auch jetzt und hier mega oft unentdeckt bleiben. Sie wollen nicht, dass ihre Familie davon erfährt. Sie wollen, wenn sie das Gummi abgezogen haben, keinen Stress mit der Polizei. Sie wollen nicht, dass die blauen Flecken an der Prostituierten für sie Konsequenzen haben.

      Und das ändert sich auch im Nordischen Modell nicht. Freiersein bedeutet einerseits, völlig offen agieren zu können, denn auf dem Freiersein liegt kein Stigma hierzulande, und es ist auch nicht strafbar. Und trotzdem gibt es unendlich viel, was Freier verstecken wollen. Und sie verstecken es bereits hier und jetzt.

      Warum müssen wir uns darüber streiten, wo Prostitution stattfindet, im Vordergrund, im Untergrund? Im für alle sichtbaren Megabordell, wo der Missbrauch KEINE Konsequenzen hat, weil er legal ist, oder im Nordischen Modell heimlich auf Hausbesuch?

      Warum muss Prostitution überhaupt stattfinden?

      Im Nordischen Modell geht Prostitution quantitativ zurück.

      Und auch qualitativ werden die Folgen der Prostitution für die Prostituierte geringer. Denn all die Übergriffe, die sie jetzt nicht anzeigen kann, kann sie dann anzeigen. Und der Freier weiss das. Er wird sich meistens hüten, irgendeine Grenze zu übertreten.

      Es ist so nobel, dass Frau Lambrecht meint, die Sicherheit von uns Prostituierten sei wichtig.

      Aber wovon reden wir, wenn wir von Sicherheit sprechen?

      Reden wir nur von den zusätzlichen Übergriffen in der Prostitution, Sachen, die nicht abgesprochen waren, Vergewaltigungen, ein plötzlicher Schlag ins Gesicht, anspucken usw., dem beliebten Freierspiel „falsches Loch erwischt“, ein extraharter Hatefuck, ein permanentes Austesten der Belastbarkeitsgrenzen?

      Oder reden wir auch davon, dass Prostitution immer ein sexueller Übergriff ist?

      Wenn wir ehrlich sind und konsequent analysiert haben, müssen wir von beidem reden.

      Und in beiden Fällen sind Freier die Täter. Wenn wir über Sicherheit für uns prostituierte Frauen sprechen, sprechen wir über die Taten von Freiern. Freier sind das Problem. Warum also sie machen lassen?

      Dafür würde ich irre gern mal auch nur ein einziges gerades Argument hören.

      “Wenn wir das Nordische Modell einführen, nehmen wir behinderten Männern die einzige Möglichkeit, Sex zu haben” – ist das so?

        Während meiner Zeit in der Prostitution hatte ich keinen einzigen behinderten Freier.
        Dennoch wird jetzt so getan, als würde die Einführung des Nordischen Modells in Deutschland massenhaft Behinderte diskriminieren, weil die dann keine Möglichkeit mehr hätten, Sex zu haben.
        Dazu kurz ein paar Worte.

        Erstens sind die meisten Freier nicht behindert. Sie sind nicht mal Männer, die “sonst nicht an Sex kommen”. Denn weit über die Hälfte der Freier lebt in einer Ehe oder Beziehung. Statistiken zeigen zudem, dass Freier selbst ausserhalb ihrer Prostitutionsnutzung viel mehr Sexualpartnerinnen haben als Männer, die nicht zu Prostituierten gehen. “Prostitution ist für Männer, die aus welchen Gründen auch immer sonst keinen Sex haben können” – das ist also ein Argument, das so schon gar nicht zutrifft.

        Zweitens ist die Fokussierung auf die Beibehaltung prostitutiver Praxis unter Rücksichtnahme auf Behinderte behindertenfeindlich. Denn sie geht davon aus, dass Behinderte Menschen sind, mit denen niemand Sex haben will, dass niemand sie anfassen will, dass niemand Lust empfindet bei dem Gedanken, mit ihnen ins Bett zu gehen. Dem ist nicht so. Ich habe vielen Bekannte und FreundInnen, die die eine oder andere Beeinträchtigung haben, und viele von ihnen sind in Partnerschaften oder haben ein Sexualleben. Hört auf, Behinderte als Menschen abzustempeln, mit denen keiner wollen kann! Und hört auf, Menschen mit Beeinträchtigung vorzuschieben, um sicherzustellen, dass ALLE Männer gesicherten Zugang zur Gruppe Frauen kaufen können! Das ist BENUTZEN und sonst nichts. Wenn ihr, liebe Freier, Frauen kaufen wollt, dann sagt das offen so, aber schiebt nicht behinderte Menschen vor. Um die geht es euch nämlich gar nicht.

        Drittens: jedeR hat ein Recht auf Sexualität. Und zwar auf seine eigene. Aber niemand hat das Recht, dafür jemanden zur Verfügung gestellt zu bekommen. Das ist ein Unterschied. Diese Regel hat für ALLE zu gelten. Es gibt so viele Menschen, die ihre Sexualität nicht bzw. nur mit sich selbst ausleben können. Alte Menschen, schüchterne Menschen, körperbeeinträchtigte Menschen, Menschen mit seelischen Belastungen, einsame Menschen. Das ist traurig, aber es wäre noch trauriger, würden wir, um dieses Leid zu lindern, anderes Leid produzieren, nämlich indem wir eine Gruppe von Frauen dazu ausersehen, die Bedürfnisse anderer zu stillen, während sie ihre eigenen wegdrücken müssen. Das ist nicht die Lösung!

        Und viertens, hier zum aktuellen Fall, siehe Screenshot. Ja, dieser Freier sitzt im Rollstuhl. Aber ich sage es mal ganz knallhart:

        1. Dieses “Alle Frauen sind böse”- ist purer Chauvinismus.

        2. Es ist nicht wahr, dass “alle Frauen” denken, im Rollstuhl wäre man nur “ein halber Mann”.

        3. Frauen schulden ihm nichts. Gar nichts. Keinen Sex. Kein Wort. Nichts.

        4. Von Frauen abgelehnt zu werden, gibt ihm nicht das Recht darauf, von irgendwem den Sex, der ihm anderswo nicht abgeliefert wird, zu fordern.

        5. Die Forderung, Frauen zur Auslebung der eigenen Sexualität zur Verfügung gestellt bekommen zu müssen, ist reinste Incel-Denke.

        6. Es gibt kein Recht auf Sex.

        7. Wenn Du, lieber Tweeter, schon begriffen hast, dass Frauen keine Lust auf Dich haben, ist es umso härter, dass Du meinst, Du müsstest trotzdem unbedingt mit ihnen Sex haben. Ich verrate Dir ein Geheimnis: wenn eh schon keine Bock auf Dich hat, dann gilt das für uns Prostituierte erst recht. Wir zeigen es bloss nicht, weil Du zahlst.

        8. Wenn Du denkst, dass es trotzdem okay ist, mit Frauen Sex zu haben, obwohl die keinen Bock auf Dich haben, bist Du ganz tief drin im Vergewaltigergedankengut.

        9. Bei dieser Deiner Einstellung gegenüber Frauen wundert mich nicht, dass Du keinen Sex hast, ohne dafür zahlen zu müssen.

        10. Das Frauen keinen Bock auf Dich haben, liegt nicht am Rollstuhl, sondern daran, dass Du ein ein harter Unsympath bist.

        Nach dem Vorschlag der CDU und Teilen der SPD, die jetzt für das Nordische Modell inklusive Freierbestrafung plädieren, werden wir jetzt öfter das Pseudoargument “Und was ist mit aaaaaaall den behinderten Männern?” hören.

        Dazu hier nochmal der Link zwei Texte über Prostitution und Menschen mit Beeinträchtigung von mir.

        “Sexualassistenz – Wolf im Schafspelz”

        und

        “Warum Sexualassistenz auch nur Prostitution ist”

        Zwischen den Fronten

          Waaaaaah. Gerade macht Presseschau mal wieder überhaupt keinen Spass.
          Die FPÖ in Österreich möchte Asylbewerberinnen verbieten, mit Prostitution Geld zu verdienen, während ihr Verfahren noch läuft.

          Erstmal den Kopf aufräumen. Und dann feststellen: wir Frauen in und aus der Prostitution sind mal wieder die Gearschten. Aber von vorne.

          Österreich ist ein Land mit einer äusserst konservativen Prostitutionspolitik. Das bedeutet: Freier sein ist voll okay, Prostitution ist voll okay, Prostituierte sind pfui. Und weil sie pfui sind, müssen prostituierte Frauen dort alle 6 Wochen zu einer verpflichtenden medizinischen Untersuchung. Ja, ihr habt richtig gelesen: UNTERSUCHUNG. Nicht Beratung. UNTERSUCHUNG. Ja, das bedeutet: so richtig mit ab auf den Gynstuhl, Beine breit und drin rumfummeln. Unschön? Nicht nur das. Sondern ein klarer Verstoß gegen die Menschenwürde und gegen die körperliche Selbstbestimmung von Frauen. Und wenn ich mir das mal kurz erlauben darf: unsere werte CDU hier wollte genau das ins 2017 in Kraft getretene ProstSchG einschreiben. Denn augenscheinlich kommt es bei prostituierten Frauen auf einmal mehr Beinebreitmachen dann schon gar nicht mehr an. Aber wir wundern uns ja nicht jetzt, dass von Frauenfeinden frauenfeindliche Vorschläge kommen.
          Jedenfalls ist es in Österreich so, dass Asylbewerberinnen und Asylbewerber nicht arbeiten dürfen, während ihr Verfahren läuft. So weit, so scheisse. Aber prostituieren dürfen sie sich. So weit, so noch scheisserer. Es riecht nach Kolonialismus hier und nach einer fetten Kombi aus Rassismus und Frauenverachtung – die Arbeitsplätze dürfen AsylbewerberInnen keinem wegnehmen dürfen, gell, aber unseren weissen Herren die Schwänze lutschen, das geht. Passt schon.

          Das ist ein Zustand, der geändert werden muss. So weit so klar. Jetzt kommt ausgerechnet die rechte FPÖ ums Eck und befindet, dass nichtösterreichische Frauen von Schleppern, Menschenhändlern und anderen Kriminellen unter Druck gesetzt werden, sich zu prostituieren. Und damit hat die FPÖ auch noch recht! Erwartungsgemäss kommt aber kein ordentlicher Lösungsvorschlag. Denn die FPÖ fordert ein Prostitutionsverbot für Asylbewerberinnen. Das ist deswegen bescheuert, weil es zu kurz gedacht und, wie anders zu erwarten von den rechten, frauenfeindlich ist. DENN. Frauen werden in Österreich in die Prostitution gedrängt, weil es so viele Freier gibt, die die Nachfrage stellen. Damit ist es für Kriminelle klar, dass es sich lohnt, Frauen in Österreich zur Prostitution zu zwingen. Da kann man richtig Kohle machen bei. Sind ja genug Abnehmer da! Aber anstatt logisch vorzugehen und ein Sexkaufverbot zu fordern und damit die Nachfrage zu reduzieren und es für Menschenhändler und Zuhälter unrentabel zu machen, Druck auf Frauen auszuüben, lässt sich die FPÖ an den Frauen aus. Denn das Herrenrecht, eine Gruppe von Frauen zur ständigen sexuellen Verfügbarkeit in sklavenähnlichen Zuständen zu halten, das darf nicht angetastet werden.

          Stattdessen wird an prostituierten Frauen rumreguliert. Wo ist da der Sinn? Warum reguliert man an denen rum, die Gewalt erfahren? Denn eine Asylbewerberin, die dabei erwischt wird, wie sie sich prostituiert oder wie sie prostituiert wird, hat ganz gewiss straf- und aufenthaltsrechtliche Konsequenzen zu befürchten. Was soll das? Bestrafen wir jetzt Opfer von Gewalt? Würden wir auch an Frauen rumregulieren, die von ihrem Partner geschlagen werden? Würden wir sie bestrafen, weil es ja schliesslich verboten ist, jemanden zu schlagen, und sie aber geschlagen worden sind? Niemals, das ergäbe überhaupt keinen Sinn. Aber genau das wird hier vorgeschlagen.

          Ich konstatiere: der Lösungsvorschlag ist zum kotzen. Genauso zum kotzen ist aber auch, dass die FPÖ die einzige Partei ist, die das Problem anspricht. Aus allen anderen Ecken hört man dazu mal wieder nur die Grillen zirpen. Denn während die FPÖ wenigstens zu ihrem Frauenhass steht und kein Problem damit hat, ihn offen herauszuposaunen, wird das Thema „In Deutschland und Österreich werden Frauen aus armen Schichten, mit gewaltbesetzten Biographien und aus anderen, als minderwertig erachteten Ländern dafür hergenommen, dem weissen Herrenmenschen die Schwänze zu lutschen“ hier unter den Tisch fallen gelassen. Warum? Nun, weil unsere „bürgerliche Mitte“ und leider auch die Linke nicht wirklich ein Problem mit Frauenhass hat, sondern ihn uns noch als Empowerment, choice und Befreiung verkauft. Und das bisschen Rassismus und Klassismus, dass da am Sexismus dranklebt, ach, man nimmt es in Kauf. Kommt ja schon nicht mehr drauf an, gell?
          Nicht mal Organisationen, die explizit für Frauenrechte eintreten sollten, haben uns Frauen aus der Prostitution noch auf dem Schirm. Auf den Lösungsvorschlag der FPÖ angesprochen, sagt eine österreichische Beratungsstelle für Frauen aus der Prostitution: „”Wir haben oft Frauen beraten, die in sehr langen Verfahren steckten, und wir wissen, dass es für die Menschen positiv ist, wenn sie das Gefühl haben, dass sie auch erwerbstätig sein können. Auch wenn es Sexarbeit ist.”

          Einfach mal sacken lassen.

          Und sich dann fragen, wer überhaupt für uns eintritt. Die Rechte? Ganz sicher nicht. Die Linke? Kann man allzu oft nur abwinken, selbst als sehr linke Person. Feministinnen? Solange sie nicht radikalfeministisch sind: goodbye.
          Schade. Die einen wollen an uns rumregulieren, die anderen wollen auch ein Stück von unserer sexuellen Ausbeutung und die wieder anderen reden unsere Ausbeutung schön.
          So wird sich an den herrschenden Zuständen niemals was ändern!