Legalisierung, Prostitutionsverbot, Entkriminalisierung, Nordisches Modell – wie gesetzgeberisch umgehen mit Prostitution?

    Mein Name ist Huschke Mau[1], und ich bin eine Frau aus der Prostitution. Momentan bin ich Doktorandin. Seit 2014 bin ich als Aktivistin für das Nordische Modell aktiv und halte Vorträge. Im Januar 2018 habe ich das Netzwerk Ella[2] gegründet, wir sind ein Zusammenschluss von Frauen, die in der Prostitution waren oder noch sind, und wir definieren das, was wir erlebt haben und noch erleben, als Gewalt. Die Konsequenz, die wir daraus ziehen, ist die Forderung nach der Einführung des Nordischen Modells auch in Deutschland. Wir haben erfahren, wie Prostitution in einer legalisierenden Gesetzgebung ist, und wir finden, dass sie uns nichts als Nachteile gebracht hat. Mit Aussteigerinnen aus Ländern, in denen das Nordische Modell eingeführt worden ist, stehen wir in Kontakt.

    Wenn man von den gesetzgeberischen Umgängen mit Prostitution spricht, herrscht oftmals eine große Verwirrung. Ist Legalisierung dasselbe wie Entkriminalisierung? Ist das Nordische Modell de facto ein Prostitutionsverbot? Dieser Beitrag soll dabei helfen, die einzelnen Begriffe zu klären und die Konsequenzen der jeweiligen Regelung bezüglich Prostitution für uns Betroffene, aber auch für die gesamte Gesellschaft, darzustellen.

    Es gibt bisher 3 Arten, mit Prostitution gesetzgeberisch umzugehen: Legalisierung, Prostitutionsverbot oder das Nordische Modell. Der jeweilige regulative Umgang mit Prostitution sagt auch etwas darüber aus, ob Prostitution in der betreffenden Gesellschaft als Gewalt gegen Frauen wahrgenommen wird oder nicht.  Mein Standpunkt ist ein abolitionistischer. Ich argumentiere nicht nur aus meiner Erfahrung heraus – und aus der vieler meiner (Ex-)Kolleginnen -, sondern ich finde, es braucht eine politische Analyse, um zu begreifen, was Prostitution wirklich ist. Schauen wir uns an, wie Prostitution sich heute gestaltet.

    Für den Einstieg kommen in den allermeisten Fällen vier Faktoren zusammen: die Frauen (oder Mädchen) sind sexuell vortraumatisiert[3], sie befinden sich in einer ökonomischen Notlage, es gibt oft eine dritte Person, die ihnen „beim Einstieg hilft“ (und dann auch profitiert) und sie haben in einer sexistischen Gesellschaft bereits eine Abwertung als Frau erfahren, ebenso wie eine Konditionierung auf ihre weibliche Geschlechterrolle (die inkludiert, dem Mann zu gefallen und ihm sexuell verfügbar sein zu müssen). Manchmal fühlt sich für bereits zuvor missbrauchte / vergewaltigte Frauen der Einstieg in die Prostitution wie eine Aufwertung an: wo vorher jeden ran und rüber durfte, kann jetzt selektiert werden –  es dürfen jetzt nur noch die, die zahlen. Da sich der Prostitutionsmarkt auf Anbieterinnenseite also vornehmlich aus Frauen rekrutiert, die sich in (emotionalen, finanziellen, psychischen) Notlagen befindet und die (sexistisch, rassistisch, klassistisch) diskriminiert werden, kann man sich hier zunächst schon die Frage stellen, ob ein System, das darauf angewiesen ist, auf vielerlei Ebenen gewaltvorgeschädigte Personen zu rekrutieren, nicht selber ein System der Gewalt ist. Ob das System der Prostitution ein existierenswertes ist, können wir also nicht davon abhängig machen, ob die einzelne Frau dazu „ja“ gesagt hat oder nicht. Diese Last ist Individuen nicht aufzubürden. Vielmehr gehören die Umstände analysiert, unter denen die betreffende Person „ja“ gesagt hat – wenn sie das überhaupt getan hat: die Polizei in Augsburg berichtet davon, bei bis zu 90% aller Prostituierten deutliche Merkmale von Zwangsprostitution durch Dritte vorzufinden.

    Sicherlich erscheint Prostitution mancher als Mittel, die Armut zu bekämpfen (oder mit ihrer Vortraumatisierung umzugehen), dennoch kann man wohl kaum davon sprechen, dass Prostitution immer eine Wahl ist: denn eine Wahl setzt voraus, dass es mehrere Handlungsoptionen gibt, zwischen denen man sich entscheiden kann. Für die meisten Frauen in der Prostitution war Prostitution aber eben der letzte Ausweg. Das bedeutet: Prostitution ist keine Alternative, sondern der Mangel an Alternativen. Sie gehört nicht als „Wahl“ verklärt, sondern ihr gehören Handlungsalternativen hinzugefügt – die dann wiederum zeigen würden, dass sich die meisten Frauen eben nicht für Prostitution entscheiden würden, wenn sie eine wirkliche Wahl hätten. Jetzt könnte man sagen: gut, es gibt Frauen, die sich unter Zwang prostituieren, aber das ist ja nicht das Wesen der Prostitution, und es ist nur die Zwangsprostitution, die schlecht ist, aber freiwillige Prostitution ist doch okay. Auch das lässt sich aber in Frage stellen. Denn wenn kapitalismuskritisch betrachtet jede Form von Arbeit in einem kapitalistischen System Zwang ist, dann ist „Sexarbeit“ auch Zwang. Da erzwungener Sex aber eben keine „(Sex)Zwangsarbeit“ ist, sondern sexuelle Nötigung, Missbrauch oder Vergewaltigung, wird klar: Prostitution ist immer Gewalt. Denn sie ist ihres Wesens nach ja auch immer fremdbestimmt: es kommt in ihr darauf an, die Sexualität des Freiers zu bedienen (nicht die der Frau), die sexuellen Bedürfnisse des Freiers zu bedienen (nicht die der Frau). Von „selbstbestimmter Sexualität“ kann also in der Prostitution zumindest auf Anbieterinnenseite nicht die Rede sein, das, was geboten wird, ist eingezwängt in die Gegebenheiten des Marktes und die Bedürfnisse der Käufer. Und ist Prostitution wirklich der Verkauf einer „Dienstleistung“? Dem deutschen Recht nach nicht[4]: hier wird eine Dienstleistung definiert als etwas, das man nicht anfassen kann. Jetzt könnte man sagen: ja, aber Altenpflegerinnen, Friseurinnen und Physiotherapeutinnen fassen ihre Kunden doch auch an. Und das tun sie. Der Unterschied besteht darin, dass es hierbei nicht darum geht, wie ihr Körper ausschaut. Grob gesagt: dem Kunden, der die Dienstleistungen einer Physiotherapeutinnen in Anspruch nimmt, ist nur wichtig, dass sie korrekt und gut ihren Job ausübt. Dem Prostitutionskunden hingegen kann nicht nur das wichtig sein, denn sonst wäre es ihm egal, ob z.B. ein männlicher Rentner die Dienstleistung ausübt oder eben eine junge, hübsche Frau. Dienstleistung ist schließlich Dienstleistung, und Blowjob ist Blowjob, oder? Dem ist in der Prostitution nicht so: Freier wollen einen bestimmten Körper, der die sexuelle Handlung vollführt. Er soll z.B. jung sein, hübsch sein, langhaarig, blond oder brünett, schlank oder füllig, mit großer oder kleiner Oberweite… Und damit steht fest: Prostitution ist keine Dienstleistung, sie ist der Kauf – oder besser: das Mieten – eines Frauenkörpers auf Zeit.

    Nehmen wir dennoch mal an, es gäbe so etwas wie die „schlimme Zwangsprostitution“ und die „gute, freiwillige Prostitution“, und beides sei ganz klar zu trennen – wie möchte der Freier sich darüber klar werden, was hier vorliegt? In der Realität ist es so, dass viele Freier sehr wohl wissen, dass Zwangsprostitution vorliegt. Es macht sie geil oder es ist ihnen egal – klar wird, ihre sexuelle Befriedigung ist wichtiger als die Sicherheit von Frauen. Doch selbst wenn ein Kunde glaubt, es läge keine Zwangsprostitution vor: wie kann er sich da sicher sein? Schließlich hat er die prostituierte Frau ja dafür bezahlt, dass sie JA gesagt hat und so tut, als gefiele es ihr. Die volle Wahrheit kennt er naturgemäß nicht. Das bedeutet: er kann nicht ausschließen, dass er gerade eine Vergewaltigung begeht. Ist das im Jahr 2019, in dem wir so heftig über Konsens streiten, eine Art von Sex, die wir noch dulden wollen – ein Sex, bei dem der Mann nachher nicht sagen kann, ob er einen sexuellen Übergriff begangen hat?[5]

    Zudem zeigen Studien, dass auch Frauen, die „freiwillig“ in die Prostitution eingestiegen sind, durch die dort gemachten Erfahrungen traumatisiert werden. 68% erfüllen die Kriterien für eine Posttraumatische Belastungsstörung.[6]

    Wenn man also Prostitution als Gewalt per definitionem betrachtet, ist es natürlich zynisch, darüber nachzudenken, unter welchen Umständen dieser sexuelle Missbrauch stattfinden sollte und unter welchen nicht. Ist der sexuelle Übergriff okayer, wenn er in einer schönen Verrichtungsbox am Strich stattfindet, statt zwischen dem Müll dort? Ist er okayer, wenn er registriert wurde und besteuert? Darum kann es nicht gehen. Einem sexuellen Missbrauch gegen Geld aus welchen Gründen auch immer zuzustimmen, macht keinen Job daraus. Es geht hierbei nicht darum, Frauen für die von ihnen getroffenen Entscheidungen zu verteufeln, sondern die Situation zu analysieren und zu sagen: im Zweifel gehört diese Situation abgeschafft.

    Genau das geschieht in einem System der legalisierten Prostitution nicht.

    Da Entkriminalisierung und Legalisierung häufig durcheinandergeworfen werden, hier eine kurze Erläuterung: Legalisierung bedeutet, sich zu prostituieren ist, ebenso wie Prostitution in Anspruch zu nehmen, grundsätzlich erlaubt. Kriminalisierung bedeutet: für Prostitution werden gesetzliche Extraregelungen geschaffen. Dazu gehören zum Beispiel: Regeln, nach denen Straßenstriche erst ab bestimmten Uhrzeiten geöffnet werden, Sperrbezirke um Kitas, Schulen usw., die Anmeldepflicht, der prostituierte Frauen seit dem ProstSchG2017 unterliegen.

    Mit dem Prostitutionsgesetz von 2002 wurde Prostitution in Deutschland nicht legalisiert, denn Prostitution war in Deutschland nie verboten – aber stark kriminalisiert. Zudem war Prostitution sittenwidrig, was konkret bedeutete, dass ein „Hurenlohn“ vor Gericht nicht einklagbar war. Dies wurde mit dem Gesetz geändert. Ein weiteres Ziel war, Frauen in der Prostitution die Möglichkeit zu geben, sich sozialversichern zu können.  Das ist nicht gelungen: gerade mal 44 Prostituierte sind über die Prostitution sozialversichert. Die meisten Frauen in der Prostitution sind höchstens über den Ehemann in ihrem Herkunftsland krankenversichert und haben keine Altersvorsorge. Steuern zahlen müssen sie dennoch: ironischerweise auch eine „Vergnügungssteuer“, wobei unklar ist, wieso nicht der Freier, der das Vergnügen ja schließlich hat, diese zahlen muss.

    Profiteure der Legalisierung sind Bordellbetreiber und Zuhälter: diese können jetzt nicht mehr wegen Förderung der Prostitution belangt werden. Die Polizei hat nur noch wenig Handhabe, in die Bordelle reinzugehen und Anfangsverdachten von Prostitution Minderjähriger oder Zwangsprostitution nachzugehen. Da vieles um die Prostitution herum entkriminalisiert worden ist, ist Zuhälterei de facto nicht mehr strafbar, nur noch dann, wenn sie als „ausbeuterische Zuhälterei“ mehr als 50% der Einnahmen der Prostituierten kassiert. Prostitution zu legalisieren lohnt sich für diesen Staat: bei den offiziell geschätzten 1,2 Millionen Männern, die in Deutschland täglich (!) eine Prostituierte aufsuchen, beläuft sich der Jahresumsatz des Prostitutionsgeschäftes auf 12 bis 15 Milliarden Euro pro Jahr. Der Staat profitiert in Form von Steuern – und wird damit einer Zuhälterfunktion gerecht, denn Steuern werden auch von Zwangsprostituierten kassiert. Bei der Flucht vor einem Zuhälter aus dem Fenster zu springen, wird jetzt als Arbeitsunfall deklariert[7], eine Statistik über ermordete Frauen in der Prostitution gibt es offiziell nicht mehr, dies sei diskriminierend.

    Nach dem Gesetz von 2002 hat das Prostitutionsgeschäft in Deutschland, auch wegen der EU-Osterweiterung, einen Aufschwung erfahren. Mittlerweile kommen 90% der Prostituierten aus den Armenhäusern Europas. Eingebunden in patriarchale Familiensysteme haben sie kaum eine Chance, denen, die sie zur Prostitution nötigen – ihre Brüder, Väter, Cousins, Ehemänner – und sie in diese verkaufen zu entkommen. Selbst wenn sie entkämen: wohin sollten sie gehen und welche Alternativen könnten sie wählen? Ihre Prostitution wird in Deutschland noch immer verkauft als großartige Chance für sie, sich (und ihren Familien) ein Auskommen zu sichern. Der kolonialistische Aspekt davon, arme, rassistisch und sexistisch diskriminierte Frauen ohne Wahlmöglichkeit zur sexuellen Ausbeutung durch deutsche Männer freizugeben, findet in der allgemeingesellschaftlichen Betrachtung keine Beachtung.

    Das Prostitutionsschutzgesetz von 2017 ist eine Art Nachfolgegesetz des Prostitutionsgesetzes von 2002. Mit ihm wird versucht, die heftigsten Auswirkungen dieses Gesetzes einzudämmen, wie z.B. Clubs, in denen nur AO (alles ohne Gummi) angeboten wird, oder Gangbangpartys, bei denen Gruppenvergewaltigungen  nachgestellt werden, ebenso Flatrateclubs, also Angebote wie das, für 70 Euro alle Frauen des Bordells in allen Stellungen und ohne Gummi anal, oral und vaginal penetrieren zu dürfen (Bratwurst und Getränke inclusive) . Es handelt sich hierbei nicht um einen gesetzgeberischen Umschwung, sondern um eine Detailregulierung innerhalb der Prostitutionslegalisierung.

    Das Gesetz von 2017 gliedert sich in 2 Teile: der eine Teil betrifft Prostituierte, der andere BetreiberInnen bzw. Prostitutionsstätten. Prostituierte müssen sich jetzt anmelden, sie haben die Pflicht, sich einem Beratungs- und Informationsgespräch zu unterziehen sowie einer gesundheitlichen Beratung. Diese ist nicht zu verwechseln mit einer Zwangsuntersuchung (die z.B. in Österreich stattfindet). Bei der Anmeldung wird eine besondere Bescheinigung ausgestellt, der sogenannte „Hurenpass“, der bei der Ausübung der Prostitution mitzuführen ist und auch unter Aliasnamen ausgestellt werden kann. Unter bestimmten Umständen (Person ist noch nicht 18, die Frau ist 6 Wochen vor der Entbindung, Vorliegen von Hinweisen auf Zwang durch Dritte) kann die Anmeldung verweigert werden. Gleichzeitig zur Anmeldung werden die persönlichen Daten dem Finanzamt übermittelt. Die Anmeldepflicht gehört zu den Dingen, die unter „Kriminalisierung von Prostituierten“ fallen – dennoch muss gesagt werden, dass bei aller gegebenen Vorsicht bzgl. der Übermittlung von Daten an Dritte die Anmeldung auch eine Chance für prostituierte Frauen aus Osteuropa sein kann: diese kommen in Kontakt mit Behörden, sie erfahren, an welche Beratungsstelle sie sich wenden können (sofern es in diesem Bundesland eine gibt: in Thüringen gibt es z.B. keine einzige). Sie kann außerdem der Nachweis über die Länge des Aufenthalts in einem Land sein und so helfen, beim Ausstieg Zugang zu Sozialleistungen zu bekommen.  Im Informationsgespräch werden Frauen, die in die Prostitution gehen oder schon darin sind, darüber aufgeklärt, welche lokalen Vorschriften gelten (z.B. Sperrbezirke) , sie werden auf Hilfsangebote (Gesundheitsämter usw.) verwiesen und über ihre Steuerpflicht informiert. Das Gespräch muss in einer Sprache geschehen, die die jeweilige Person versteht. Zwar ist die Tatsache, dass bei deutlichen Hinweisen auf Zwangslagen die Anmeldung auch verweigert werden kann, zunächst ein Schutz für Opfer von Menschenhandel und durch Dritte in die Prostitution verbrachte Personen, sie kann aber auch dafür sorgen, dass diejenigen Personen, die ihre Freiwilligkeit bei der Anmeldung nicht gut genug vorgespielt haben, danach von Zuhältern und Menschenhändlern bestraft oder einfach woanders angemeldet werden.

    Die Gesundheitsberatung findet für alle über 21-jährigen aller 12 Monate statt, für Frauen unter 21 alle 6 Monate. Fragen zu Verhütung, Schwangerschaft, Infektionskrankheiten, Drogen und Alkohol können hier gestellt werden. Verstößt eine Frau gegen die Anmeldepflicht, kann ihr ein Bußgeld auferlegt werden.

    Auch BetreiberInnen unterliegen jetzt neuen Anordnungen. Sie benötigen jetzt für die Eröffnung einer jeden Prostitutionsstätte eine Erlaubnispflicht, d.h. verurteilte Menschenhändler oder Männer, die gegen die sexuelle Selbstbestimmung verstoßen haben, können nicht wie zuvor ein Bordell eröffnen. Bei Verstößen gegen die Kondompflicht oder bei Zwangsprostitution kann diese Erlaubnis wieder entzogen werden. Während das Gesetz einerseits eine Verbesserung bringt, weil Kriminelle jetzt nicht mehr so einfach ein Bordell eröffnen dürfen, muss ganz klar gesagt werden, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit von diesen jetzt einfach Strohmänner und –frauen für die Anmeldung des Betriebs eingesetzt werden. Zudem setzt die Prüfung durch den Staat an alle Freier eine fatales Signal: hier ist alles in Ordnung, sagt die Genehmigung aus, hier kannst du reinen Gewissens Frauen kaufen, der Staat hat alles kontrolliert und genehmigt.

    Dabei ist es doch eigentlich die Verantwortung eines jeden, der einen sexuellen Akt begeht, sicherzustellen, dass ein Konsens besteht. Kein Staat, keine Behörde kann dies der handelnden Person abnehmen – ein sexueller Übergriff ist stets die Verantwortung dessen, der sie direkt ausübt. Warum sollte das bei Freiern anders sein, warum sollten sie aus der Verantwortung genommen werden, indem ihnen vorgegaukelt wird, im staatlich genehmigten Ökobordell sei alles in Ordnung?

    Alle drei Jahre werden die BetreiberInnen jetzt auf Zuverlässigkeit geprüft. Angebote wie Flatrate oder Gangbang sind verboten, bauliche Änderungen müssen vorgenommen werden: z.B. Notfallknöpfe auf den Zimmern (ein deutlicher Hinweis darauf, dass Prostitution auch unter legalen Umständen verdammt gefährlich ist), abschließbare Spinde im Pausenraum usw., zudem dürfen Prostituierte nicht mehr in denselben Betten schlafen, in denen sie ihre Freier bedienen. Die BetreiberInnen haben aus dieser Not mittlerweile eine Tugend gemacht und vermieten den Prostituierten jetzt extra Schlafräume – gegen Cash natürlich. Was als Schutz für Prostituierte gedacht war, die teilweise aus den Bordellen nie rauskommen, wurde hier zur Möglichkeit für BetreiberInnen, Prostituierte nur noch weiter abzuzocken: gleich zwei Mal Miete.

    Betreiber haben jetzt Pflichten: sie müssen sichergehen, dass die Frauen in ihrem Betrieb 18 Jahre alt sind, dass sie der Pflicht zur Gesundheitsberatung nachgehen und angemeldet sind. (Was bedeutet: sie erhalten sehr viele Daten von Prostituierten. Damit wird keine Prostituierte geschützt: jemandem, der von einem finanziell profitiert und der also ein Interesse daran hat, einen auszubeuten, viele Informationen über sich zu geben, ist generell eine schlechte Idee.)

    Neu ist: BetreiberInnen haben jetzt keine Weisungsbefugnis mehr. Zuvor durften sie, obwohl Prostituierte im Bordell de facto scheinselbstständig sind, Weisungen zu Freiern, Praktiken und Preisen erteilen.

    Das ProstSchG von 2017 ändert also nichts daran, dass die legalisierende Prostitutionsgesetzgebung in Deutschland zu vielen hunderttausend sexuell ausgebeuteten Frauen geführt hat. Es versucht nur, nach gutbürgerlicher Doppelmoral, die Auswüchse einzudämmen und das Elend zu verschleiern. Es gibt nur einen Punkt am ProstSchG, der wirklich positiv ist, und das ist die Kondompflicht. Denn hier wird endlich der bestraft, der für das Weglassen des Gummis verantwortlich ist. Ich kenne keine Prostituierte, die gerne ohne Gummi mit ihren Freiern schläft, es ist vielmehr so, dass Freier dies verlangen und ggf. mit Druck oder mehr Geld, unter Ausnutzung der wirtschaftlichen Lage der Frau, dies durchsetzen und die Frau dann unter Umständen anstecken. (Eine Gesundheitsberatung wäre also eigentlich für die Freier viel eher passend…) Bis zu 50.000 Euro Strafe muss ein Freier zahlen, der darauf drängt, das Kondom wegzulassen, auch bei Oralverkehr. Ein derartig großes Bußgeld ist bis dato nicht verhängt worden, die angezeigten Fälle endeten aber bis jetzt sehr wohl mit Strafgeldern im unteren vierstelligen Bereich. Ob die Kondompflicht durchsetzbar ist oder nicht, sie ist zumindest eine Argumentationshilfe für von der Prostitution betroffene Frauen:  sie sind nicht mehr so heftig dem Konkurrenzdruck des Marktes und der Freier ausgeliefert und können jetzt sagen: „das darf ich nicht, es ist verboten und du würdest dafür bestraft werden“. Das ist vor allem in den Fällen von Vorteil, in denen andere für die Frauen die Werbeanzeigen schreiben – oft wissen die Frauen nämlich gar nicht, mit welchem Service sie da angeboten werden.  Die Frauen, die, warum auch immer, Prostitution ohne Gummi anbieten (müssen), können deswegen jetzt wenigstens einen höheren Preis verlangen. Ein Blick in die Freierforen zeigt: dieses Gesetz hat durchaus Auswirkungen auf das Verhalten von Freiern. Auch das Gesetz, nach welchem Kunden von Zwangsprostituierten neuerdings bestraft werden, scheucht die Freiergemeinschaft auf, ist jedoch insofern nutzlos, als dem Freier nachgewiesen werden muss, dass er bewusst und wissentlich eine Zwangsprostituierte aufgesucht hat – was in der Realität so kaum je nachzuweisen sein dürfte.

    Macht die Legalisierung Prostitution denn jetzt wenigstens sicherer? Das Gegenteil ist der Fall. Während BordellBetreiberInnen weitere Zugriffe auf das Leben und die Daten von prostituierten Frauen bekommen und Zuhälterei nur noch geahndet wird, wenn sie übermäßig geschieht, blühen Menschenhandel und Zwangsprostitution in Deutschland ebenso wie die Freiergewalt. Legalisierung bedeutet, nicht zu fragen: Was ist Prostitution? Warum gibt es sie? Und zu was führt sie? Prostitution zu legalisieren bedeutet nur, zu sagen: „ja, das gibt es, lasst uns einen Weg finden, damit umzugehen“. Bei keiner anderen Gewaltform würden wir das sagen. Wir würden niemals sagen: „Die Frau, deren Ehemann sie schlägt, ist doch freiwillig zurückgegangen, deswegen ist es jetzt keine Gewalt mehr, dass er sie schlägt.“ Und wir würden auch niemals sagen: „Frauen, die von ihren Partner geschlagen werden, schämen sich, auf ihnen liegt ein Stigma, sie seien selbst schuld. Das Stigma ist das Problem, lasst uns also Partnergewalt legalisieren, damit die Frauen nichts mehr haben, wofür sie sich schämen müssen.“ Und wir würden auch bei keiner anderen Gewaltform sagen, dass die Gewalt sicherer gemacht werden muss. Unvorstellbar ist es, dass in Deutschland vorgeschlagen würde, Vergewaltigungen zu legalisieren, damit Frauen, die vergewaltigt werden, „sicherer“ sind, weil die Täter sie ja sonst aus Vertuschungs- und Verdeckungsgründen und aus Angst vor der Strafverfolgung umbringen könnten. Bei Prostitution passiert aber genau das. Es wird gesagt: „Das hat es schon immer gegeben.“ (Dass das nicht stimmt, sondern dass Prostitution nicht zufällig gleichzeitig mit der Sklaverei entstanden ist, ist in der Forschung längst angekommen.[8]) Es wird gesagt: „Prostitution brauchen wir, damit es weniger Vergewaltigungen an Frauen gibt.“ Dabei ist gerade diese Annahme es wert, auseinandergenommen zu werden. Denn sie geht davon aus, dass Männer gar nicht anders können, als zu vergewaltigen – sprich, Männer sind der Biologie wegen Vergewaltiger. Nehmen wir an, dass das stimmt, und dass es nicht so ist, dass, wie Feministinnen annehmen, Gewalt gegen Frauen ein ansozialisiertes Herrenrecht für Männer ist, das man auch wieder ent-lernen kann: ist es dann nicht so, dass wir dann mit Männern nicht mehr in einer Gesellschaft zusammenleben könnten, wenn jeder Mann ein geborener Triebtäter ist? Ist es dann nicht so, dass die Lösung wäre, Männer von uns Frauen komplett fernzuhalten, und nicht, unsolidarischerweise eine Gruppe von Frauen für sie zur Verfügung zu stellen, eine Gruppe, an der sie sich abreagieren können, damit die soliden Frauen in Ruhe gelassen werden? Und davon mal ab: Was ist das für ein Männer-, was für ein Frauenbild?

    Übergriffe gegen nichtprostituierte Frauen lassen sich nicht verhindern, indem man Prostitution gestattet. Es ist im Gegenteil so, dass in Gesellschaften, in denen Prostitutionsnutzung als Teil des Männlichkeitsnormativs erweist, deutlich mehr Übergriffe auch auf solide Frauen vorkommen.[9] Das liegt ganz einfach daran, dass Männer eben nicht vergessen, dass sie gerade Lust daran empfunden haben, eine Frau missbraucht zu haben, wenn sie die Bordelltür wieder hinter sich zumachen. Prostitution geht uns alle an, sie betrifft uns alle, nicht nur uns prostituierte Frauen. Auch solide Frauen kriegen ihr Fett weg: sie müssen ebenso mit den Freiern zusammenleben (oft ohne es zu wissen), denn die Freier sind ihre Brüder, Ehemänner, Chefs, Freunde, Kollegen. Sie müssen ausbaden, was Freier im Bordell gelernt haben: dass es unter Umständen okay ist, mit einer Frau zu schlafen, die eigentlich nicht will. Oder extrem demütigende Praktiken an einer Frau auszuüben, die nicht nein sagen kann und darf. Das Frauenbild, das durch die Prostitution generiert wird, betrifft uns alle ohne Ausnahme.

    Legalisieren wir Prostitution, dann nehmen wir uns die Chance, eine Gesellschaft zu formen, wie wir sie gerne hätten. Wir nehmen uns die Fähigkeit, gesellschaftspolitische Visionen zu entwickeln. Warum sollte eine Gesellschaft ohne Prostitution nicht möglich sein? Würden wir vor anderen Aufgaben auch so kapitulieren? Würden wir sagen, ach, Armut, Vergewaltigungen, Unterdrückung, das gibt es alles schon so lange, das ist jetzt so und bleibt jetzt so, kann man eh nicht abschaffen, lassen wir es, wie es ist und betreiben ein bisschen Schadensbegrenzung?

    Das würden wir natürlich nicht tun.

    Und es gibt keinen Grund, für Prostitution eine Ausnahme zu machen. Denn Prostitution hat keinen Nutzen für eine Gesellschaft. Im Gegenteil fügt sie ihr Schaden zu.

    In der legalisierten Prostitution wird nicht hinterfragt, warum Prostitution existiert. Sie existiert einfach. Das führt dann dazu, dass man meint, es allen an der Prostitution Beteiligten besser einrichten zu müssen. Die Frauen am Strich bekommen eine Verrichtungsbox hingestellt und eine Waschgelegenheit, damit sie sich zwischen zwei missbräuchlichen Akten mal frisch machen können. (Signal an die Freier: schau, der Staat baut euch mit Steuergeldern Verrichtungsboxen hin, es ist okay, was ihr tut und unterstützendwert!) In der Schweiz fiel der Polizei schon vor Jahren auf, dass es immer mehr minderjährige Mädchen auf den Strichs gab. Man wollte diese nicht bestrafen, ein ehrenwertes Anliegen. Also erlaubte man die Prostitutionsausübung ab 16 Jahren. (Signal an die Freier: es ist okay, sich sexuellen Zugang zu 16-jährigen Mädchen zu kaufen!) Diese Massnahme wurde wieder zurückgenommen, weil immer mehr Freier ganz junge Mädchen kaufen wollten. Zuhälter und Menschenhändler witterten zurecht das große Geschäft und sorgten für genug Angebot. Beruhigt hat sich dadurch nichts, im Gegenteil standen plötzlich massenweise minderjährige Mädchen auf den Straßenstrichs. Denn eine legalisierte Prostitutionsgesetzgebung hat nicht im Blick, dass sie, wenn sie Freiertum legalisiert, immer auch das Signal sendet, dass dies ein annehmbares Verhalten wäre, und dass Prostitution auf diesen Markt reagieren wird: mehr Legalisierung bedeutet mehr Nachfrage – und die muss befriedigt werden, das bedeutet, es wird, so oder so, freiwillig oder nicht, mehr Angebot rangeschafft, mittels Menschenhandels, mittels Zwangsprostitution. Die wenigsten Frauen gehen dieser Tätigkeit ohne direkten Zwang aus, der größte Teil wird immer direkt gezwungen werden müssen. Wer soll die große Nachfrage also bedienen? Wer Prostitution legalisiert, nimmt damit automatisch Menschenhandel und Zwangsprostitution in Kauf. Und was ist eigentlich Zwangsprostitution? Ist es Zwangsprostitution, wenn eine rumänische Familie die Töchter drängt, hier in Deutschland das Familienauskommen zu verdienen, und wenn diese Mädchen dazu ja sagen, weil sie es nicht anders kennen? Ist es Zwangsprostitution, wenn ich im Bordell keine Freier ablehnen darf, weil ich sonst Ärger mit dem Chef bekomme? Ist es Zwangsprostitution, wenn ein Ehemann seiner Frau den Vorschlag macht, doch im Bordell die gemeinsamen Schulden abzuarbeiten? Es gibt so viele Grauzonen. Bis jetzt ist es so, dass jede Frau einzeln vor Gericht beweisen muss, dass Zwang ausgeübt wurde. „Zwang“ ist aber gesetzgeberisch nicht definiert, das heißt, es kommt auf die Definition des Richters oder der Richterin an. So oder so bedeutet eine legalisierte Prostitution immer, dass es mehr Prostitution gibt.

    Während also Legalisierung einerseits den Freiern nützt, weil Prostitution öffentlich nicht mehr als Missbrauch anerkannt ist und weil sie für die Übergriffe, für die sie gezahlt haben, nicht belangt werden, verbleibt nicht nur das Stigma komplett bei uns Frauen aus der Prostitution[10], nein, es gibt auch kaum noch einen Weg heraus. Denn wenn Prostitution ein Job ist wie jeder andere, braucht es auch keine eine Ausstiegshilfe – eine Friseurin, Ingenieurin oder Lehrerin benötigt ja auch keine Ausstiegshilfe aus ihrem Beruf. Indem der Missbrauch unsichtbar gemacht wird, wird auch verdeckt, was Prostitution an der Frauen selbst anrichtet – jedes Trauma, jede aus der Zeit in der Prostitution herrührende Depression, Zwangserkrankung usw. wird ihr allein angelastet – am Beruf kann es ja nicht liegen. Wir vom Netzwerk Ella haben viele Erfahrungen gemacht mit PsychologInnen, die uns erstmal darüber belehrten, dass Prostitution nicht per se schlecht sei, es seien nur wir, die wir – aus welchen Gründen auch immer, anscheinend übersensible Persönlichkeit? – darunter litten, mit uns könne ja was nicht stimmen. Das ist die Auswirkung, die eine legalisierte Prostitution hat. Alle wollen was von einem ab: die Steuer, die Krankenkasse… aber mit den Schäden bleiben wir allein. Auszusteigen in einer legalisierten Prostitutionsgesetzgebung ist schwer. Denn wer einmal drin ist, der ist bei den Behörden als Prostituierte festgeschrieben, und der wird, ob Finanzamt oder ALG“, vorgeworfen werden, sie verdiene sich heimlich noch was dazu. Da sich nicht beweisen lässt, dass man nicht mehr anschafft (wie sollte das auch gehen?), kommt es hier zu unmöglichen Steuerschätzungen und dazu, dass Frauen, die über HartzIV aus der Prostitution aussteigen wollen, Teile der Minimalsicherung vorenthalten werden, da ihnen unterstellt wird, sie verdienten ja noch. Den Nachteil an der Legalisierung und der völligen Verkapitalisierung des menschlichen Ichs tragen also prostituierte Frauen, aber damit nicht genug. Um die Schmuddelei doch irgendwie einzudämmen, erlässt der Staat bestimmte Regeln, z.B. Sperrbezirke. Er verhängt Bußgelder und zwingt damit Frauen, sich weiter zu prostituieren, um die Strafe zu zahlen und einer Haftstrafe zu entgehen. Was ist das anderes als Zwangsprostitution?

    Halten wir fest: Legalisierung nützt uns Frauen in der Prostitution nichts. Was uns nützen würde, wäre die Entkriminalisierung – aber eben nicht, wie jetzt, die Entkriminalisierung der Freier, Zuhälter und Bordellbetreiber, sondern unsere Entkriminalisierung.

    Und das bedeutet in der Konsequenz: sich zu prostituieren, darf keinen Sonderregulierungen unterliegen und darf nicht verboten sein. Denn die Prostitutionsverbote, wie sie in Russland und in den USA gängig sind, helfen Prostituierten nicht, sondern bedeuten am Ende ja eine für sie verschärfte Kriminalisierung. Die Kriminalisierung die Freier, Zuhälter usw. betreffend, müsste aber eingeführt werden, um deutlich zu machen, dass die Gesellschaft an sich verurteilt, sich mit finanziellen Mitteln Zugang zu anderen Menschen – konkret: zum Geschlecht Frau – zu verschaffen. Der Unterschied besteht ganz einfach darin, dass man Frauen nicht vorschreiben kann, was sie mit dem eigenen Körpern tun, Freiern aber eben sehr wohl, was sie mit dem Körper anderer tun.

    Genau das geschieht im Nordischen Modell. Das Nordische Modell ist ein Maßnahmenpaket, und es besteht aus 5 Punkten:

    1. Der Anerkennung der Tatsache, dass Prostitution sexuelle Gewalt gegen Frauen ist und Gleichstellung verhindert.

    2. Der völligen Entkriminalisierung der prostituierten Frau.

    3. Ausstiegshilfen.

    4. Der Einführung der Freierbestrafung.

    5. Aufklärung über Prostitution, z.T. auch schon in der Schule.

    Das Nordische Modell wurde nach jahrzehntelanger Forschung und Rücksprache mit Betroffenen 1999 zuerst in Schweden implementiert. (Und mittlerweile auch in Norwegen, Island, Frankreich, Irland, Kanada und Israel.) Freiertum wird als Suchtkrankheit behandelt, auch für Freier gibt es Beratungsstellen. In Kanada werden z.B. Freier gezwungen, an einem Sensibilisierungskurs teilzunehmen, in welchem sie konfrontiert werden mit den Konsequenzen, die ihre Handlungen haben. Die Freier müssen diese Kurse bezahlen – der Erlös geht an Hilfestellen für prostituierte Frauen. Kommen die Freier dem Zahlungsbescheid nicht nach, wird ihr Auto beschlagnahmt. Durch die normative Wirkung des Gesetzes ist es zudem in Schweden zu einer Einstellungsänderung gekommen – war vor der Einführung des Gesetzes noch die Mehrheit der Gesellschaft, vor allem die Männer, gegen ein Sexkaufverbot, sind jetzt 70% der Gesamtbevölkerung dafür[11]. Die Anzahl der Freier nahm im Zeitraum von 1996 bis 2006 um je 0,5%-Punkte im Jahr ab und lag im Jahr 2006 noch bei 8% der männlichen Bevölkerung.[12] Dies sind Zahlen von denen wir in Deutschland nur träumen können: je nach Statistik geht jeder fünfte[13] bis zehnte[14] Mann regelmäßig ins Bordell. Wenn es über das Nordische Modell gelänge, diese Zahlen zu minimieren, wäre das also schon ein Fortschritt – was KritikerInnen des Nordischen Modells, die immer wieder betonen, es gäbe ja Prostitution auch in Schweden immer noch, nämlich gerne vergessen: ja, es gibt sie noch, aber eben quantitativ weniger. Prostitution ist nicht einfach „da“, sie findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern wieviel es von ihr gibt und wie sie sich gestaltet, kann durchaus beeinflusst werden.

    Dadurch, dass die Kunden fürchten, wegen Sexkaufs angezeigt zu werden, bleiben sie eher weg und es findet, wenn doch ein Sexkauf stattfindet, eine deutliche Machtverschiebung statt: wo jetzt in der Legalisierung eine gebuchte Stunde durchaus mal zu einem durch die prostituierte Frau nicht anzeigbaren Hatefuck werden kann, sind Freier im Nordischen Modell eher bemüht, keine weiteren Grenzverletzungen zu begehen, denn allein, dass sie eine Frau angesprochen und ihr Geld für Sex geboten haben, ist bereits strafbar. Dass, wie von GegnerInnen des Nordischen Modells behauptet, Gewalt gegen Prostituierte zugenommen hätte, haben die Evaluationen des Gesetzes aus Norwegen und Schweden nicht bestätigt[15]. Das Nordische Modell schützt also nicht nur Frauen davor, in die Prostitution zu geraten, es schützt auch die Frauen, die in der Prostitution sind.

    Durch die verminderte Nachfrage ist es unlukrativ geworden, eine Frau nach z.B. Schweden zu handeln und sie dort zur Prostitution zu zwingen. Die Formel lautet: weniger Nachfrage, weniger Angebot, und damit automatisch weniger Menschenhandel und Zwangsprostitution. Es gibt nur zwei Wege, Zwangsprostitution und Menschenhandel zu verhindern, dies ist eben zum einen das Nordische Modell mit seiner Nachfrageminimierung und zum anderen, wie in Deutschland, ein legalisierter Markt, der durch permanente Razzien kontrolliert werden muss, wenn auch völlig unzureichend. Wir vom Netzwerk Ella haben uns bereits gegen diese Razzien ausgesprochen, weil sie unter der deutschen Gesetzgebung nur Ausdruck der Doppelmoral eines Staates sind, der einerseits durch seine Prostitutionspolitik dafür sorgt, dass Frauen nach Deutschland gehandelt und hier sexuelle ausgebeutet werden und sich andererseits dann durch diese vereinzelten Razzien zum Retter zwangsprostituierter Frauen stilisiert.[16] Es ist auch nicht einzusehen, warum prostituierte Frauen mit der Polizei zu tun haben sollten, während die Hintermänner regelmäßig um Verurteilungen herumkommen. Hinzu kommt, dass in Deutschland eben auch Polizisten ungestraft Freier sein dürfen und dann auch sind.[17] Es lässt sich ganz einfach ausrechnen, mit welchem Frauenbild solche Männer die „befreiten“ Frauen konfrontieren.[18] Kann man solch einer Polizei vertrauen? Eher nicht, im Gegenteil öffnet es Tür und Tor für Erpressungs- und Missbrauchssituationen. In Schweden hingegen ist es keine Privatsache, ob jemand zu Prostituierten geht. Menschen, die z.B. im öffentlichen Dienst arbeiten, können, wie bei der Polizei[19], vom Dienst suspendiert oder gefeuert werden, wenn sie sich als Freier hervortun.

    Das Nordische Modell hat auch bei der Polizei, nicht zuletzt durch den Kontakt mit prostituierten Frauen und dem Austausch mit SozialarbeiterInnen, zu einem Einstellungswechsel geführt. Prostituierte werden nicht mehr als kriminell oder verdorben, sondern als in einer Notlage feststeckend wahrgenommen.[20] Das ist definitiv begrüßenswert und schafft mehr Vertrauen. Die Prostitution Units, die den Sexkauf ahnden, sind geschulte PolizistInnen. Gibt es keine Hinweise auf Straftaten (Zuhälterei usw.), wird nur noch eine Sozialarbeiterin hinzugezogen, deren Hilfe die prostituierte Frau natürlich auch verweigern kann.

    Anders als im deutschen Modell hängt es auch nicht vom Opfer ab, ob eine Anzeige wegen Zuhälterei und Menschenhandel ergeht oder nicht. Während in Deutschland jedes Opfer einzeln anzeigen, die Zwangslage beweisen und aussagen muss (was die betroffene Frau in eine schwere Gefahrenlage versetzen kann), gelten in Schweden objektive Kriterien dafür, was Zwang, Menschenhandel und Zuhälterei ist. Für letzteres reicht es z.B. aus, Geld von der betroffenen Frau genommen zu haben.

    Entgegen der oft vorgebrachten Kritik, Prostitution wandere in den Untergrund, wenn man ein Sexkaufverbot erließe, ist Prostitution für alle, die sie angeht immer noch leicht auffindbar. Das liegt daran, dass Prostitution nicht in dunklen Ecken stattfinden kann[21], sondern sichtbar sein muss, damit Prostituierte und Freier sie finden – und wenn Freier das herausfinden können, können PolizistInnen und SozialarbeiterInnen das auch.[22] Der Untergrund, der so gern auf Schweden projiziert wird, findet im Gegenteil hier in Deutschland statt: obwohl Prostitution legal ist, gibt es dennoch den Tatbestand der verbotenen Prostitution, wie z.B. im Sperrbezirk, für den die prostituierte Frau bestraft werden kann. Zugleich findet der Missbrauch vor aller Augen statt, denn in jeder größeren Stadt sind mittlerweile Megabordelle zu finden.

    Nicht zuletzt: seit der Einführung des Nordischen Modells in Schweden hat es, statt wie in Deutschland über 80, nur einen einzigen Mord an einer prostituierten Frau gegeben (und der wurde nicht ausgeführt von einem Freier, sondern von ihrem Exfreund).

    Das Nordische Modell ist auch das, was wir vom Netzwerk Ella fordern, denn es geht gegen Prostitution, aber nicht gegen Prostituierte vor. Es beschämt nicht die einzelne Prostituierte, sondern kritisiert, in welchen Strukturen sich Dinge abspielen und verändert diese, statt jede einzelne Frau für die Existenz der Prostitution verantwortlich zu machen, nur weil diese unter bestimmten Umstände zu dieser vielleicht ja gesagt hat. Frauen dafür verantwortlich zu machen, in welchen Strukturen sie sich bewegen / bewegen müssen, ist nicht feministisch, das gilt bei Abtreibung ebenso wie bei partnerschaftlicher Gewalt, sexueller Belästigung usw. – man würde ja auch nicht an den Frauen rumregulieren, die von ihren Ehemänner geschlagen werden, sondern an den Ehemännern. Wichtig ist, dass das Nordische Modell komplett umgesetzt wird, jeder der 5 Punkte muss fest installiert und gesichert sein, auch finanziell – eine reine Verkürzung auf die Freierbestrafung funktioniert nicht! Ohne Ausstiegshilfen oder die Entkriminalisierung prostituierter Frauen geht es nicht. Für viele Frauen ist Prostitution die letzte Option, und es darf nicht darum gehen, ihnen diese wegzunehmen, sondern, weitere hinzuzufügen. Wir vom Netzwerk Ella fordern auch Gefängnisstrafen statt der bisher im Nordischen Modell implementierten Bußgelder. Zwar steht jeder prostituierten Frau in Schweden bis dato frei, zu der ordnungspolitischen Bußgeldmaßnahme, die der Freier erhält, auch eine Anzeige wegen Vergewaltigung zu stellen, aber wir finden, dies sollte automatisch geschehen. Wenn die wirtschaftliche Notlage einer Frau auszunutzen, um sexuelle Handlungen an ihr zu vollziehen, eine Gewalttat ist, darf dies nicht mit einem Bußgeld erledigt sein!

    Wir wenden uns außerdem gegen jede Regulierung, die prostituierte Frauen betrifft, weil diese Regelungen es uns Frauen noch schwerer machen, auszusteigen. Mit Haftstrafen und Bußgeldschulden steigt es sich nicht mehr so leicht aus!

    Immer wieder: gegen Prostitution sein kann jedeR, aus den unterschiedlichsten Gründen, aber wir sind Abolitionistinnen, und das bedeutet: gegen Prostitution, aber für Prostituierte zu sein. Und das bedeutet eben auch: nicht zu spalten in „die arme unschuldige Zwangsprostituierte“ und „die freiwillige deutsche studierende Prostituierte“. Auch letztere haben ihre Gründe für das, was sie tun, und sie schulden uns keine Erklärung für ihr Verhalten. Und nein, auch sie sind nicht schuld daran, dass es Prostitution gibt – Prostitution gibt es, weil es Freier gibt. Ohne Nachfrage kein Markt! Es geht darum, solidarisch zu sein mit Prostituierten, auch wenn uns ihre Meinung, wie oft bei sog. Sexworkerinnenverbänden, nicht passt, denn die Strukturen betreffen auch sie, und diese sollten wir kritisieren, nicht die Frauen, die in ihnen handeln, und hier gehören Argumente her, auf Sachebene, keine persönlichen Beschuldigungen.

    Feminismus bedeutet, Frauen zu befreien und nicht, ihre Ausbeutung bestehen zu lassen und lediglich ein bisschen erträglicher zu machen. Prostitution ist nicht deswegen verkehrt, weil es in ihr Menschenhandel und Zwangsprostitution gibt, sondern weil sie Gewalt an sich ist. Das Nordische Modell ist das einzige gesetzgeberische System, das Prostitution als Gewalt erkennt, als sexistische, rassistische und klassistische Gewalt gegen Frauen, und das konsequent danach handelt. Es kann nicht nur um den Ausstieg einzelner Frauen aus der Prostitution gehen, wenn wegen der hohen Nachfrage doch sogleich eine neue nachrückt, sondern es geht um den Ausstieg der Gesellschaft aus der Prostitution.

    Es geht um die gesellschaftliche Entscheidung: ist Prostitution sexuelle Gewalt oder nicht?

    Und wenn sie das ist, müssen wir die Konsequenzen ziehen, denn eine Gesellschaft, die Prostitution akzeptiert, ist eine Gesellschaft, die Gewalt gegen Frauen akzeptiert.

    (c) Huschke Mau 2019

    Please note: Dieser Text wird in einem Sammelband über Prostitution des Feministischen Bündnisses Heidelberg erscheinen.

    QUELLEN:


    [1] https://huschkemau.de/

    [2] https://netzwerk-ella.de/

    [3] Melissa Farley, eine u.s.-amerikanische Psychologin, hat herausgefunden, dass 57% der Frauen und Mädchen in der Prostitution davon berichten, in der Kindheit sexuell missbraucht worden zu sein, 49% berichten von teilweise schweren körperlichen Misshandlungen. Farley, Melissa, Prostitution in five Countries, 1998, S. 11: http://www.prostitutionresearch.com/ProstitutioninFiveCountries01182013.pdf, Datum des Abrufs: 14.10.2019

    [4] Nimierski, Saskia, Sachgutbenutzung versus Dienstleistung – oder: warum Prostitution keine Dienstleistung wie jede andere ist, 2018, https://netzwerk-ella.de/index.php/2018/03/02/sachgutbenutztung-versus-dienstleistung-oder-waum-prostitution-keine-dienstleistung-wie-jede-andere-ist/, Datum des Abrufs: 14.10.2019

    [5] Mau, Huschke, Warum ist Prostitution Gewalt?, 2019, https://huschkemau.de/2019/08/30/freiwilligkeit-und-prostitution/, Datum des Abrufs: 14.10.2019

    [6] Farley, M.; Cotton, A.; Lynne, J.; Zumbeck, S.; Spiwak, F.; Reyes, M. E.; Alvarez, D.; Sezgin, U. (2003): Prostitution and Trafficking in Nine Countries: An Update on Violence and Posttraumatic Stress Disorder. In: Journal of Trauma Practice. 2(3/4): 33-74.

    [7] Kleine, Inge, It´s an accident, stupid!, 2016, https://banishea.wordpress.com/2016/08/19/its-an-accident-stupid/, Datum des Abrufs 14.10.2019

    [8] Sigel, Mira, Die Geschichte der Prostitution – keineswegs das älteste Gewerbe der Welt, 2016, https://diestoerenfriedas.de/die-geschichte-der-prostitution-keineswegs-das-aelteste-gewerbe-der-welt/, Datum des Abrufs: 14.10.2019

    [9] Kalms, Nicole, No harm done? ‘Sexual entertainment districts’ make the city a more threatening place for women, 2017, https://theconversation.com/no-harm-done-sexual-entertainment-districts-make-the-city-a-more-threatening-place-for-women-81091, Datum des Abrufs: 14.10.2019

    [10] Gwynne, Jacqueline, Myth: Legalising Prostitution reduces the Stigma, o.D., https://nordicmodelnow.org/myths-about-prostitution/myth-legalising-prostitution-reduces-the-stigma/, Datum des Abrufs: 14.10.2019

    [11] Schon, Manuela, Das Nordische Modell – über Mythen, blinde Flecken und Realität, 2014, https://manuelaschon.blogspot.com/2016/04/das-nordische-modell-uber-mythen-blinde.html, Datum des Abrufs: 14.10.2019

    [12] ebenso

    [13] Udo Gerheim: Motive der männlichen Nachfrage nach käuflichem Sex. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. 9/2013, S. 44.

    [14] https://dieunsichtbarenmaenner.wordpress.com/statistiken-ueber-freier/

    [15] Schon, Manuela, Die Evaluation des norwegischen Sexkaufverbots, 2014, https://abolition2014.blogspot.com/2014/08/evaluation-des-norwegischen.html, Datum des Abrufs: 14.10.2019

    [16] Netzwerk Ella, Pressemitteilungen zu den bundesweiten Bordellrazzien am 18. April 2018, 2018, https://netzwerk-ella.de/index.php/2018/04/19/pressemitteilungen-zu-den-bundesweiten-bordellrazzien-am-18-april-2018/?fbclid=IwAR2ddHw07GBGJMIRJgXu86oRGLQjs2CNYBebjzZHv1tQQuHnTa_iAJC2hlE, Datum des Abrufs: 14.10.2019

    [17] Und nicht nur das: mein 1. Zuhälter war beim damaligen Bundesgrenzschutz, jetzt Bundespolizei.

    [18] Ich hatte viele Freier, die Polizisten waren. Einer davon ermittelte beruflich gegen Menschenhandel. Als ich ihn fragte, wie er das übereinbekomme, schaute er mich an und sagte: „Ach, wieso, ich tu ja hier keinem weh, du willst das doch, du machst das doch freiwillig.“ Und das war eine Feststellung, keine Frage.

    [19] Schon, Manuela: Schweden: Polizist wegen Prostitutionsnutzung suspendiert, 2018, https://abolition2014.blogspot.com/2018/05/schweden-polizist-wegen.html, Datum des Abrufs: 14.10.2019

    [20] Häggström, Simon, Shadow’s Law: The True Story of a Swedish Detective Inspector Fighting Prostitution (English Edition), 2016

    [21] Mau, Huschke, “Wenn wir das Nordische Modell einführen, wandert Prostitution in den Untergrund” – eine kleine Aufklärung, 2019, https://huschkemau.de/2019/09/14/wenn-wir-das-nordische-modell-einfuehren-wandert-prostitution-in-den-untergrund-eine-kleine-aufklaerung/, Datum des Abrufs: 14.10.2019

    [22] Schon, Manuela, Mythbusting: Wenn man Sexkauf verbietet, wandert die Prostitution in den Untergrund, 2017, https://abolition2014.blogspot.com/2017/01/mythbusting-wenn-man-sexkauf-verbietet.html, Datum des Abrufs: 14.10.2019

    Was braucht es in Sachen Prostitutionspolitik?

      Ich als Exprostituierte kann folgendes sagen:
      Wir können uns noch jahrelang daran abarbeiten, ob es irgendwo eine Prostituierte gibt, die, aus welchen Gründen auch immer, sagt, dass sie es freiwillig macht.
      Und dann können wir weiterhin jahrelang so tun, als würde das rechtfertigen, dass Prostitution als System existiert.
      Weiterhin jahrelang so tun, als würden wir nicht merken, dass Prostitution sexuelle Gewalt ist.
      Weiterhin jahrelang so tun, als wäre es okay, dass Frauen und Mädchen darauf reduziert werden, sexuelle Bedürfnisse von Männern zu befriedigen, unter Hinnahme psychischer, physischer und emotionaler Schaden.
      Weiterhin behaupten, der sexuelle Missbrauch wäre okay, bloss weil er kommerzialisiert ist – und irgendwer, und meistens sind es nicht wir prostituierten Frauen, Geld dafür bekommt.
      Wir können und sollten aber endlich den Fokus auf die Freier legen.
      Was machen Freier?
      Freier üben einen sexuellen Akt an Frauen und Mädchen aus, die ohne Entschädigung nicht mit ihnen schlafen würden. Warum die Entschädigung? Weil ein Schaden entsteht. Der Schaden ist: SEx mit jemandem haben zu müssen, mit dem man keinen Sex haben will. Was ist das? Doch nichts anderes als Vergewaltigung.
      Freier bekommen NATÜRLICH von uns zu hören, dass wir das gerne machen. Sie bezahlen uns ja dafür, dass wir sagen, dass wir es gerne tun! Aber was wirklich dahinter steckt, das wissen sie nicht – und sie wollen es nicht wissen. Sie werden nie, niemals, zu 100% sicherstellen können, dass sie gerade KEINE Zwangsprostituierte im Bett haben.
      Dieses Risiko nehmen sie in Kauf, weil ihnen ihre sexuelle Befriedigung wichtiger ist als die Frage, ob wir prostituierte Frauen diesen Sex wirklich wollen.
      Freier gehen bewusst und jedes Mal das Risiko ein, eine Vergewaltigung zu begehen.
      Freier sind Täter!
      Es geht so langsam voran. Ich weiss, dass es wehtut, hinzusehen. Jeden Tag gehen 1,2 Millionen Männer in Deutschland zu Prostituierten. Es sind eure Väter, Brüder, Ehemänner, Partner, Chefs, Arbeitskollegen. Niemand will sich vorstellen, dass die Männer, mit denen man täglich Umgang hat, heimlich so etwas tun. Aber viele von ihnen tun es eben. Wenn wir wegschauen, können wir weiter so tun, als wäre die Welt heil. Ich verstehe, dass das ein Verdrängungsmechanismus ist, der dem Selbstschutz dient.
      Wir wissen aber, dass der kommerzialisierte sexuelle Missbrauch in Deutschland existiert.
      Und an der Basis brodelt es.
      Politikerinnen und Politiker aller Parteien (außer der AfD, die braucht kein Mensch) sollten jetzt:

      bewusst hinsehen

      sich informieren

      handeln!

      In Deutschland werden hunderttausendfach FRauen und Mädchen, die aus den Armenhäusern Europas kommen, die durchs soziale Netz gefallen sind, die in Bezug auf Missbrauch vorgeschädigt sind und schonmal alleingelassen wurden, in der Prostitution sexuell ausgebeutet.
      Das ist rassistisch, klassistisch, sexistisch – und kolonalistisch.

      Die Frage ist: mit wem wollen wir uns solidarisieren? MIt den Ausgebeuteten, Ungleichgestellten? Oder wollen wir weiterhin Täterland sein?

      Es ist schon lange Zeit zum handeln!
      Wir brauchen:
      1. Die Einführung der Freierbestrafung
      2. Die völlige Entkriminalisierung von Frauen in der Prostitution
      3. Die Anerkennung der Tatsache, dass Prostitution sexuelle Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist
      4. Aufklärung über Prostitution
      5. Das Recht auf Ausstiegshilfe aus der Prostitution.

      Das ist das Nordische Modell, und wir brauchen das Nordische Modell hier in Deutschland – JETZT!!!!

      Prostitution und Grenzüberschreitungen

        Mir als Frau aus der Prostitution geht oft gegen den Strich, wie Prostitution in den Medien verharmlost wird. Man könnte meinen, es sei ein Lifestyle wie jeder andere. Vice Österreich hat mal wieder einen älteren Artikel rausgekramt, in dem es um „Sexarbeiter“ geht – ja, nicht gegendert, denn es sind „Männer und Frauen in der Sexindustrie ihre Körper anbieten“. Ist ja gleich der erste Punkt. Denn ja, das stimmt. Aber hier wird so getan, als wäre das 50-50 – was nicht stimmt. Prostitution, Strippen usw. ist hart gegendert, 9 von 10 Prostituierten sind weiblich – und die männlichen Prostituierten bedienen zumeist auch die männliche Nachfrage. Es gibt keinen Grund, so zu tun, als gäbe es genauso viele Frauen wie Männer in der Prostitution, und als würden genauso viele Männer wie Frauen Sex kaufen. Das ist nicht der Fall. Warum? Weil Prostitution (auch Strippen, Porno etc.) Ausdruck und Stütze patriarchaler Verhältnisse ist.

        In dem Artikel sprechen u.a. eine Escortfrau und eine Prostituierte.

        Die Frau aus dem Escort weist zunächst darauf hin, dass sie immer wieder Freier hat, die es mit der Hygiene nicht so genau nehmen. Da ist natürlich die Frage, woher kommt das? Meiner Meinung nach ist auch das Ausdruck eines ungleichen Geschlechterverhältnisses. Von Frauen wird erwartet, sich immer hübsch zu machen: schminken, Intimbereich rasieren, Beine enthaaren, Achseln ebenso, Fitnessstudio, Cellulitecremes, Faltencremes, gefärbte und gestylte Haare, regelmässige Kosmetikerinnenbesuche, hohe Schuhe, figurbetonte Kleidung usw. Bei diesem Spiel kann man nicht gewinnen. Erfüllt man die Bedingungen, wird man objektifiziert („Schlampe“, „geiles Teil“, „bisschen dumm, aber dumm fickt gut“), verweigert man sich der ganzen Sache, ist man eine prüde, ungevögelte „Birkenstocktante“. An Männer werden diese Ansprüche nicht gestellt. Männer müssen sich nicht irgendwelchen Bedingungen anpassen – sie sind genug, so wie sie sind. Ihre reine Präsenz reicht aus (und berechtigt sie auch behaart, bierbäuchig, müffelnd und halbglatzig dazu, Kommentare und Bewertungen ggü. dem Aussehen von Frauen abzugeben). Dementsprechend  wird ein Mann als gut genug wahrgenommen, sobald er auch nur da ist und dementsprechend hat er oft auch kein Problem damit, seine körperliche (und sexuelle) Anwesenheit Frauen anzubieten, egal, wo es hakt (nicht geduscht? Stinkesocken? Ausschlag? Dreck unter den Fingernägeln? Ach, egal!) – erst recht, wenn er die Frau dafür bezahlt, mit ihm ins Bett zu gehen. Prostitution verstärkt dieses eh schon bestehende Ungleichgewicht hinsichtlich der Geschlechter, denn es baut männlicherseits noch mehr Hemmungen ab.

        Davon mal ab, was soll das für ein Job sein, bei dem man sich dauernd unangenehmer Erscheinungen hinsichtlich der männlichen Körperlichkeit aussetzen oder sie abwehren muss, und das auch noch in sexueller Hinsicht? Denn Freier möchten trotz dreckiger Fingernägel im weiblichen Intimbereich rumfingern, trotz verschwitzter Haut vollen Körperkontakt und von dem Rest fange ich gar nicht mal an  – schliesslich sind sie eh schon Gottesgeschenk genug, und dann haben sie auch noch bezahlt. Prostitution ist Ausdruck ungleicher Machtverhältnisse, und das merkt man spätestens hier, wo oft nicht mal die grundlegende Respektsbasis auf männlicher Seite besteht.

        Beide, die Prostituierte und die Escortfrau, berichten von Grenzüberschreitungen. Immer wieder müssen sie Forderungen nach AO („alles ohne“, also ohne Kondom) abwehren. Und das selbst, wenn vorher bereits klargemacht wurde, dass das nicht möglich ist. Denn Freier haben ein Anspruchsdenken: sie glauben, eben nicht nur dafür zu bezahlen, was offiziell beschönigend „sexuelle Dienstleistung“ genannt wird, nein, oft genug glauben sie, alles zu kaufen, die ganze Frau. Mich haben 8 von 10 Freiern immer gefragt: „Was kostest du?“ Freud lässt grüßen. Die Diskussion um das Weglassen des Gummis kenne auch ich zur Genüge. Könnt ihr euch vorstellen, wie es ist, mit einem Typen zu schlafen, den man ohne Geld niemals anschauen würde, aber man braucht halt die Kohle? Schlimm genug. Und dann will der Typ auch noch NOCH näher an einen ran und in einen rein: die letzte Barriere, das Gummi, soll wegfallen. Sperma schlucken, Sperma in der Scheide haben, Sperma von einem Typen, mit dem man eigentlich nicht schlafen will – was für ein zauberhaftes Angebot. Hinzu kommt, dass Frauen in der Prostitution sehr wohl oft auf ihre Gesundheit achten – Freier aber nicht so häufig. Wer sich in Freierforen umschaut, der sieht, wie viele Freier bedenkenlos überall rumficken, Strassenstrich, Drogenstrich, alles ist dabei – und wenn sie überhaupt einen Test machen, dann gehen sie nicht etwa zum Gesundheitsamt, wo es kostenlos ist, nein, dann gehen sie Blut spenden. Und gefährden damit noch andere Menschen: denn Blutspenden als regelmässiger Freier ist eigentlich nicht erlaubt.

        Doch damit nicht genug der Grenzüberschreitungen. Beide Frauen berichten davon, dass Freier versuchen, in ihren persönlichen, privaten Bereich einzudringen, und auch ich kenne das noch gut. Jeder Freier hält sich für etwas Besonderes, schlimm sind immer nur die anderen. Genug Selbstreflektion zu erkennen, dass sie selbst auch nicht anders handeln als die „schlimmen“ besitzen nur ganz wenige Freier (und auch die hält das dann vom Freiersein nicht ab). Damit und weil sie bezahlt haben, sehen sie sich berechtigt, mehr zu bekommen als das, wofür sie bezahlt haben. Mehr als den Sex. Mehr von der Frau. Die ganze Frau. Und zu der gehört: deren Privatleben. Wie heisst du wirklich? Was machst du sonst so? Hast du Kinder? Hast du einen Freund? Können wir uns privat mal treffen? Gibst du mir deine Handynummer, damit wir uns per WhatsApp mal bisschen schreiben können? Hast du Lust, am Samstag mit mir am See baden zu gehen? Ohne Geld natürlich.

        So geht das die ganze Zeit, und man muss ständig ausweichen, abwehren, aber vorsichtig, gell, denn man möchte und darf den Kunden nicht verärgern, ein zu klares Nein bedeutet ein verletztes Männerego, und verletzte Männeregos sind gefährlich. Da fällt der Fick danach auch mal deutlich härter aus oder man hat einen neuen Stalker am Hals. Oder einen Kunden verloren – der sich dann eine Frau sucht, die nicht gelernt hat, ihre Grenzen zu wahren. Eine, bei der er nicht nur im sexuellen Bereich, sondern auch im emotionalen und psychischen Bereich aus den Vollen schöpfen kann. Was übrigens auch harte Arbeit ist.

        Dann gibt es noch die, auch das berichtet die Prostituierte im Artikel und auch das kenne ich noch, die permanent fragen, ob einem das Spass mache. Was sie nicht hören wollen: dass es einem keinen Spass macht. Was sie hören wollen: ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und mit DIR macht es mir megaviel Spass. – Das ist dann echt das letzte: seinen Missbraucher noch davon überzeugen zu müssen, dass einem der Missbrauch gefällt. Seinem Ego zu schmeicheln und ihm zusätzlich zum bezahlten Sex noch sein Ego und sein Gewissen streicheln zu müssen. Du hast das Gefühl, dass dein Freiertum Schäden anrichtet? Nun, wie wäre es damit, dann keine Frau dafür zu bezahlen, dass sie sich überwindet um mit dir ins Bett zu gehen, sondern aufzuhören, Sex zu kaufen? Die Prostituierte im Artikel sagt ganz klar: „Natürlich beruht das alles auf der schönen Idee, dass Sex beiden Parteien Spaß machen sollte. Sex gegen Geld ist aber anders. Die Leute haben oft ein Problem mit der Vorstellung, dass sie sich gehen lassen können und ich mich vollkommen auf sie konzentriere.“ Und sie hat Recht. Sex im Puff ist kein Sex, der beiden Spass macht. So viel muss klar sein. Das ist etwas, dass wir außerhalb der Prostitution im Jahr 2019 nicht mehr akzeptieren. Wir sprechen mittlerweile endlich davon, dass zum konsensualen Sex ein enthusiastisches JA gehört. Und das ist auch richtig so. Sex, der nicht beiden Spass macht, sondern nur einer Partei, während die andere es erträgt, über sich ergehen lässt, abspaltet: nennt man das nicht sexuellen Missbrauch? Na doch. Warum sollte das anders sein, nur weil Geld dafür fließt? Wollen wir eine Sexualkultur, die beiden Parteien Spaß macht, die beiden Parteien gefällt, die beide Parteien wollen? Oder sind wir immer noch der Meinung, unter „bestimmten Umständen“ sei es okay, wenn sich der Mann auf Kosten der Frau auslebt? Und was sind die „bestimmten Umstände“? Ist das nur Prostitution? Oder kann ein „bestimmter Umstand“ auch sein: wenn die Frau betrunken ist, wenn sie mit dem Mann in einer Ehe lebt, wenn sie es „verdient“ hat, wenn sie sich nicht genug wehrt, wenn sie nur leise „Nein sagt? Spätestens jetzt wird klar: Prostitution ist Teil einer rape culture. Und die gehört ja wohl abgeschafft.

        Immer wieder, auch im Artikel angesprochen, Sprüche wie: du bist doch viel zu klug, zu hübsch, zu schlau für den Puff, was machst du hier, du gehörst hier nicht hin. Das nervt unheimlich. Und es ist auch kein Kompliment, denn es zeigt, was Freier wirklich denken: dass es nämlich, im Umkehrschluss, Frauen gibt, die in den Puff gehören. Dass es eine Gruppe von Frauen und Mädchen gibt, die nichts anderes verdienen, als von Männern sexuell benutzt und ausgebeutet zu werden. Eine Gruppe von Frauen, deren Lebensbestimmung es sein soll, die Bedürfnisse von Männern zu befriedigen. Das sagt dann auch alles über das Frauenbild von Freiern, oder?

        Jetzt könnte man sagen: dann such Dir doch Deine Freier aus und nimm solche nicht. Das Problem dabei: die überwiegende Mehrheit der Freier ist so. Und meist erfährt man eben erst im Bett, auf Zimmer, wie der Kunde drauf ist. Also während der sexuellen Aktivität. Nicht umsonst wird das von Männern auch oft „Nahkampf“ genannt – weil sie es als solchen empfinden. Das stellt ihr euch nicht so schön vor? Nun, das ist es auch nicht. Und oft hat man eben nicht die Wahl, den Freier rauszuhauen oder, wenn man ihn schon als übergriffig kennt, abzulehnen. Denn man muss ja Geld verdienen.

        Was ich damit sagen will:

        Prostitution ist im Kern eine Grenzüberschreitung. Denn die eine Person möchte den Sex, die andere nicht. Sie braucht die Kohle.

        Aber zusätzlich zu dieser prostitutionsimmanenten Grenzüberschreitung kommen noch all die vielen kleinen Nadelstiche, die versuchten Übergriffe, die Grenzüberschreitungen dazu. Prostitution ist ein permanenter Kampf um körperliche, sexuelle, emotionale und psychische Grenzen. Der eine Part möchte diese gern bewahren. Der andere Part möchte sie gerne überschreiten. Und das soll also ein ganz normaler Job sein? Das ist höchstens erduldeter Missbrauch mit finanzieller Entschädigung. Wobei „Entschädigung“ es auch nicht trifft, denn den Schaden bezahlt keiner weg. Der bleibt.

        Warum ist das so, dass Prostituierte sich gegen all die vielen zusätzlichen Grenzüberschreitungen wehren müssen, jedes Mal?

        Es ist so, weil Freier Prostitution ganz richtig als Frauenkauf empfinden. Ja, offiziell bezeichnen sie es als „sexuelle Dienstleistung“ und belehren einen gerne darüber, dass das nichts anderes sei, als sich bei Friseur die Haare schneiden zu lassen. Das ganze „es ist ein Job wie jeder andere“-Gerede verdeckt nämlich hervorragend, was Freier wirklich denken und was Prostitution wirklich ist. Sie meinen, sie haben die ganze Frau gekauft, alles an ihr, und sie hätten die volle Verfügungsgewalt. Und sie haben nicht Unrecht: Prostitution ist aus der Sklaverei entstanden, sie hat ihren Ursprung nicht in irgendwelchen „Dienstleistungsgewerben“, und sie war auch nie empowernd für Frauen. Wäre sie empowernd, würden alle Menschen (eben allzuoft Männer), die wirklich Macht haben, dieses Verhalten, sich zu prostituieren, an den Tag legen. Noch nie einen BMW-Vorstandstypen dabei gesehen, wie er sich auf dem Strassenstrich anbietet? Tja, dann wird Prostitution wohl etwas anderes über das Machtverhältnis aussagen, als hier andauernd propagiert wird.

        Prostitution ist eine tragende Säule des Patriarchats, und sie ist zugleich Ausdruck des Patriarchats. Prostitution führt zu patriarchalen Verhältnissen, und sie kommt aus patriarchalen Verhältnissen, und das kann man niemals weichspülen, da hilft nämlich nur eins: abschaffen!

        “Wenn wir das Nordische Modell einführen, wandert Prostitution in den Untergrund” – eine kleine Aufklärung

          Bundesjustizministerin Christine Lambrecht warnt vor „Prostitution in dunklen Ecken“ und meint, die Einführung des Nordischen Modells sei keine Lösung, denn es gäbe nachher immer noch Prostitution – und mir als Frau aus der Prostitution geht bei solchen Aussagen so derbe die Hutschnur hoch.

          Eine kleine Aufklärung über “den Untergrund” tut Not.

          Das erste ist: Das Nordische Modell beendet nicht die Existenz von Prostitution. Soweit ist das richtig. Es dezimiert sie aber, und zwar enorm. In Schweden geht die Prozentzahl der Freier, gemessen an der Gesamtbevölkerung, jedes jahr um 0,5 % runter und ist mittlerweile bei phänomenalen 7%. Davon können wir hier in Deutschland nur träumen – je nach Statistik ist es hier jeder 3. Mann, der geht, 90%, die schonmal im Bordell waren (was nicht heisst, dass sie es immer noch tun, auch einmalige Ausflüge ins Milieu gelten) oder 3 von 4 Männern, die schonmal Prostitution genutzt haben. Könnten wir das auf 7% Freier runterschrauben, wäre das schonmal ein massiver Fortschritt! Davon mal abgesehen: Die Einführung der Strafbarkeit von Mord hat auch nicht dafür gesorgt, dass es keine Morde mehr gibt. Uns allen ist aber ja wohl klar, dass es noch mehr Morde geben würde, wenn Mord nicht strafbar wäre, oder?

          Das zweite ist: der leidige Untergrund und die „dunklen Ecken“. Was soll das überhaupt sein, der Untergrund? Es gibt in der Prostitution keinen Untergrund, denn irgendwie müssen Freier und Prostituierte sich ja finden. Wenn ein Freier, sagen wir mal, aus Berlin, auf eine Dienstreise nach Gütersloh geht und sich vornimmt, heute Abend für einen Hotelbesuch einer Prostituierten zu zahlen, dann WIRD er auch was finden, und zwar egal, in welchem prostitutionsgesetzgeberischen System – Gütersloh könnte hier auch in Sibirien liegen (wo die Prostituierten für die LKW-Fahrer an der Strasse stehen) oder in Russland, wo Prostituierte bestraft werden, oder halt in Schweden. Ein Freier, der zu einer Prostituierten will, wird sie finden, egal unter welcher Gesetzgebung, denn davon lebt die Prostitution ja, dass Freier und Prostituierte sich finden. Und wenn jetzt ein angereister Freier das finden kann, warum sollte es nicht jedeR andere auch tun? Hat der Freier Zeit, sich stundenlang auf der Strasse nach Getuschel und Geheimtipps umzuhören? Hat er Zeit, tagelang zu recherchieren? Hat er nicht. Braucht er auch nicht. Prostitution ist auffindbar. Sie muss es sein. Immer. Und wenn Freier Prostituierte finden können, warum sollten dann nicht auch Polizei, Sozialarbeiterinnen und alle anderen sie finden können? Sind die was dümmer als der Freier? Oder haben sie kein Internet? Naaaa, Kwatsch.

          Was soll das also sein, der „Untergrund“? Frau Lambrecht sagt, es wäre schlecht, das Nordische Modell einzuführen, denn dann verlagere sich alles in die „dunklen Ecken“, wo man überhaupt nicht mehr kontrollieren könne. Das ist ja nun widerlegt, Prostitution findet vielleicht manchmal in dunklen Ecken statt, aber am Ende wissen ja doch alle, die es betrifft, wo diese dunkle Ecke ist.

          Was also ist die Alternative zu der „dunklen Ecke“ und ihrem „Untergrund“, den es gar nicht gibt? Die Alternative ist die Realität in der Prostitution jetzt hier in Deutschland, in einem legalisierten und damit zuhälter-, menschenhändler- und freierfreundlichen System. Die Alternative ist, dass Prostitution und mit ihr einhergehend der ganze sexuelle Missbrauch, die Verletzungen von und Übergriffe an Frauen und Mädchen, die ganze Frauenfeindlichkeit VOR ALLER AUGEN (sozusagen im VORDER- statt Untergrund) stattfinden. Das TeenyLand-Bordell wirbt offen damit, dass dort alle Mädchen aussehen, als wären sie minderjährig. Die Bordellzimmer sehen aus wie Kinderzimmer, inkl. Teddybären, Schreibtisch wo man die Hausaufgaben machen kann etc. Haben wir ein Problem? Ach nein, damit haben wir kein Problem. Auf jeder 2. Taxe ist in manchen Städten Puffwerbung drauf (schmierige Sprüche der Taxifahrer, wenn man als Frau dort einsteigt, inklusive). Junge, rumänische, halbnackte Mädchen rekeln sich da drauf. Jeder kann sich sexuellen Zugang zu ihnen kaufen, weil es erlaubt ist, und weil sie verdammt arm sind und keine andere Wahl haben. Haben wir ein Problem? Ach nein, wir haben kein Problem. An der Kurfürstenstrasse in Berlin stehen drogenabhängige Frauen, die kaum Hilfe erhalten, die oft nicht mal ein Obdach haben. Sie steigen in fette Karren zu Typen, die echt heftige, ekelhafte Dinge von ihnen verlangen. Und alle sehen zu. Haben wir ein problem? Ach nein, wir haben kein Problem.

          Jetzt und hier findet das alles unter aller Augen statt. Und das führt auch dazu, dass wir alle abstumpfen. Dass wir uns sagen: Prostitution ist doch normal. Prostituierte zu sein ist doch normal. Die brauchen doch keine Hilfe.

          Aber meistens brauchen wir Prostituierten genau diese Hilfe eben doch.

          Wir haben die Wahl: lassen wir den Missbrauch an Frauen und Mädchen unter aller Augen geschehen?

          Oder verringern wir durch eine Strafbarkeit des Freierseins die Nachfrage und damit das Angebot massiv, und das, was an Prostitution immer noch dableibt, ist dennoch für alle auffindbar, die es angeht – Polizei, Hilfesysteme und so weiter?

          Prostitution ist in DEutschland offensichtlich. Und doch auch wieder nicht. Denn: in über 80% Deutschlands ist Prostitution auszuüben auch jetzt schon verboten – durch die Sperrbezirke. Bestraft werden bei Kontrolle aber die Frauen aus der Prostitution. So gesehen ist das, was Lambrecht als “dunkle Ecken” bezeichnet, jetzt schon da – Leidtragende sind prostituierte Frauen, denen durch Bussgeldbescheide wegen Verstosses gegen die Sperrbezirksverordnung der Ausstieg erschwert wird. In Schweden dagegen gibt es keine Sperrbezirke für Prostituierte – Prostitution auszuüben ist erlaubt. Überall. Hingegen wird für das ganze Land zum Sperrgebiet für Freier.

          Ich sehe absolut ein, dass Prostitution auszuüben im Nordischen Modell sicher nicht mehr ganz so einfach ist, wie hier im legalisierten System. Hier kann man sich anmelden (wenn man sich das leisten kann) und ab in den nächsten Puff.

          Im Nordischen Modell gibt es keine legalen Puffs mehr. Dafür ist Prostitution auf Anbieterinnenseite aber eben auch nicht strafbar. Ja, es kann sein, dass Freier dann sehr viel vorsichtiger werden, dass sie, weil sie wissen, dass die Kontaktanbahnung und der Vollzug für sie (und nur für sie) strafbar ist, Sicherheitsmassnahmen ergreifen wie: ich sage dir meinen Namen nicht und am besten, wir machen es bei mir Zuhause.

          ABER.

          Freier wollen auch jetzt und hier mega oft unentdeckt bleiben. Sie wollen nicht, dass ihre Familie davon erfährt. Sie wollen, wenn sie das Gummi abgezogen haben, keinen Stress mit der Polizei. Sie wollen nicht, dass die blauen Flecken an der Prostituierten für sie Konsequenzen haben.

          Und das ändert sich auch im Nordischen Modell nicht. Freiersein bedeutet einerseits, völlig offen agieren zu können, denn auf dem Freiersein liegt kein Stigma hierzulande, und es ist auch nicht strafbar. Und trotzdem gibt es unendlich viel, was Freier verstecken wollen. Und sie verstecken es bereits hier und jetzt.

          Warum müssen wir uns darüber streiten, wo Prostitution stattfindet, im Vordergrund, im Untergrund? Im für alle sichtbaren Megabordell, wo der Missbrauch KEINE Konsequenzen hat, weil er legal ist, oder im Nordischen Modell heimlich auf Hausbesuch?

          Warum muss Prostitution überhaupt stattfinden?

          Im Nordischen Modell geht Prostitution quantitativ zurück.

          Und auch qualitativ werden die Folgen der Prostitution für die Prostituierte geringer. Denn all die Übergriffe, die sie jetzt nicht anzeigen kann, kann sie dann anzeigen. Und der Freier weiss das. Er wird sich meistens hüten, irgendeine Grenze zu übertreten.

          Es ist so nobel, dass Frau Lambrecht meint, die Sicherheit von uns Prostituierten sei wichtig.

          Aber wovon reden wir, wenn wir von Sicherheit sprechen?

          Reden wir nur von den zusätzlichen Übergriffen in der Prostitution, Sachen, die nicht abgesprochen waren, Vergewaltigungen, ein plötzlicher Schlag ins Gesicht, anspucken usw., dem beliebten Freierspiel „falsches Loch erwischt“, ein extraharter Hatefuck, ein permanentes Austesten der Belastbarkeitsgrenzen?

          Oder reden wir auch davon, dass Prostitution immer ein sexueller Übergriff ist?

          Wenn wir ehrlich sind und konsequent analysiert haben, müssen wir von beidem reden.

          Und in beiden Fällen sind Freier die Täter. Wenn wir über Sicherheit für uns prostituierte Frauen sprechen, sprechen wir über die Taten von Freiern. Freier sind das Problem. Warum also sie machen lassen?

          Dafür würde ich irre gern mal auch nur ein einziges gerades Argument hören.

          “Wenn wir das Nordische Modell einführen, nehmen wir behinderten Männern die einzige Möglichkeit, Sex zu haben” – ist das so?

            Während meiner Zeit in der Prostitution hatte ich keinen einzigen behinderten Freier.
            Dennoch wird jetzt so getan, als würde die Einführung des Nordischen Modells in Deutschland massenhaft Behinderte diskriminieren, weil die dann keine Möglichkeit mehr hätten, Sex zu haben.
            Dazu kurz ein paar Worte.

            Erstens sind die meisten Freier nicht behindert. Sie sind nicht mal Männer, die “sonst nicht an Sex kommen”. Denn weit über die Hälfte der Freier lebt in einer Ehe oder Beziehung. Statistiken zeigen zudem, dass Freier selbst ausserhalb ihrer Prostitutionsnutzung viel mehr Sexualpartnerinnen haben als Männer, die nicht zu Prostituierten gehen. “Prostitution ist für Männer, die aus welchen Gründen auch immer sonst keinen Sex haben können” – das ist also ein Argument, das so schon gar nicht zutrifft.

            Zweitens ist die Fokussierung auf die Beibehaltung prostitutiver Praxis unter Rücksichtnahme auf Behinderte behindertenfeindlich. Denn sie geht davon aus, dass Behinderte Menschen sind, mit denen niemand Sex haben will, dass niemand sie anfassen will, dass niemand Lust empfindet bei dem Gedanken, mit ihnen ins Bett zu gehen. Dem ist nicht so. Ich habe vielen Bekannte und FreundInnen, die die eine oder andere Beeinträchtigung haben, und viele von ihnen sind in Partnerschaften oder haben ein Sexualleben. Hört auf, Behinderte als Menschen abzustempeln, mit denen keiner wollen kann! Und hört auf, Menschen mit Beeinträchtigung vorzuschieben, um sicherzustellen, dass ALLE Männer gesicherten Zugang zur Gruppe Frauen kaufen können! Das ist BENUTZEN und sonst nichts. Wenn ihr, liebe Freier, Frauen kaufen wollt, dann sagt das offen so, aber schiebt nicht behinderte Menschen vor. Um die geht es euch nämlich gar nicht.

            Drittens: jedeR hat ein Recht auf Sexualität. Und zwar auf seine eigene. Aber niemand hat das Recht, dafür jemanden zur Verfügung gestellt zu bekommen. Das ist ein Unterschied. Diese Regel hat für ALLE zu gelten. Es gibt so viele Menschen, die ihre Sexualität nicht bzw. nur mit sich selbst ausleben können. Alte Menschen, schüchterne Menschen, körperbeeinträchtigte Menschen, Menschen mit seelischen Belastungen, einsame Menschen. Das ist traurig, aber es wäre noch trauriger, würden wir, um dieses Leid zu lindern, anderes Leid produzieren, nämlich indem wir eine Gruppe von Frauen dazu ausersehen, die Bedürfnisse anderer zu stillen, während sie ihre eigenen wegdrücken müssen. Das ist nicht die Lösung!

            Und viertens, hier zum aktuellen Fall, siehe Screenshot. Ja, dieser Freier sitzt im Rollstuhl. Aber ich sage es mal ganz knallhart:

            1. Dieses “Alle Frauen sind böse”- ist purer Chauvinismus.

            2. Es ist nicht wahr, dass “alle Frauen” denken, im Rollstuhl wäre man nur “ein halber Mann”.

            3. Frauen schulden ihm nichts. Gar nichts. Keinen Sex. Kein Wort. Nichts.

            4. Von Frauen abgelehnt zu werden, gibt ihm nicht das Recht darauf, von irgendwem den Sex, der ihm anderswo nicht abgeliefert wird, zu fordern.

            5. Die Forderung, Frauen zur Auslebung der eigenen Sexualität zur Verfügung gestellt bekommen zu müssen, ist reinste Incel-Denke.

            6. Es gibt kein Recht auf Sex.

            7. Wenn Du, lieber Tweeter, schon begriffen hast, dass Frauen keine Lust auf Dich haben, ist es umso härter, dass Du meinst, Du müsstest trotzdem unbedingt mit ihnen Sex haben. Ich verrate Dir ein Geheimnis: wenn eh schon keine Bock auf Dich hat, dann gilt das für uns Prostituierte erst recht. Wir zeigen es bloss nicht, weil Du zahlst.

            8. Wenn Du denkst, dass es trotzdem okay ist, mit Frauen Sex zu haben, obwohl die keinen Bock auf Dich haben, bist Du ganz tief drin im Vergewaltigergedankengut.

            9. Bei dieser Deiner Einstellung gegenüber Frauen wundert mich nicht, dass Du keinen Sex hast, ohne dafür zahlen zu müssen.

            10. Das Frauen keinen Bock auf Dich haben, liegt nicht am Rollstuhl, sondern daran, dass Du ein ein harter Unsympath bist.

            Nach dem Vorschlag der CDU und Teilen der SPD, die jetzt für das Nordische Modell inklusive Freierbestrafung plädieren, werden wir jetzt öfter das Pseudoargument “Und was ist mit aaaaaaall den behinderten Männern?” hören.

            Dazu hier nochmal der Link zwei Texte über Prostitution und Menschen mit Beeinträchtigung von mir.

            “Sexualassistenz – Wolf im Schafspelz”

            und

            “Warum Sexualassistenz auch nur Prostitution ist”

            Zwischen den Fronten

              Waaaaaah. Gerade macht Presseschau mal wieder überhaupt keinen Spass.
              Die FPÖ in Österreich möchte Asylbewerberinnen verbieten, mit Prostitution Geld zu verdienen, während ihr Verfahren noch läuft.

              Erstmal den Kopf aufräumen. Und dann feststellen: wir Frauen in und aus der Prostitution sind mal wieder die Gearschten. Aber von vorne.

              Österreich ist ein Land mit einer äusserst konservativen Prostitutionspolitik. Das bedeutet: Freier sein ist voll okay, Prostitution ist voll okay, Prostituierte sind pfui. Und weil sie pfui sind, müssen prostituierte Frauen dort alle 6 Wochen zu einer verpflichtenden medizinischen Untersuchung. Ja, ihr habt richtig gelesen: UNTERSUCHUNG. Nicht Beratung. UNTERSUCHUNG. Ja, das bedeutet: so richtig mit ab auf den Gynstuhl, Beine breit und drin rumfummeln. Unschön? Nicht nur das. Sondern ein klarer Verstoß gegen die Menschenwürde und gegen die körperliche Selbstbestimmung von Frauen. Und wenn ich mir das mal kurz erlauben darf: unsere werte CDU hier wollte genau das ins 2017 in Kraft getretene ProstSchG einschreiben. Denn augenscheinlich kommt es bei prostituierten Frauen auf einmal mehr Beinebreitmachen dann schon gar nicht mehr an. Aber wir wundern uns ja nicht jetzt, dass von Frauenfeinden frauenfeindliche Vorschläge kommen.
              Jedenfalls ist es in Österreich so, dass Asylbewerberinnen und Asylbewerber nicht arbeiten dürfen, während ihr Verfahren läuft. So weit, so scheisse. Aber prostituieren dürfen sie sich. So weit, so noch scheisserer. Es riecht nach Kolonialismus hier und nach einer fetten Kombi aus Rassismus und Frauenverachtung – die Arbeitsplätze dürfen AsylbewerberInnen keinem wegnehmen dürfen, gell, aber unseren weissen Herren die Schwänze lutschen, das geht. Passt schon.

              Das ist ein Zustand, der geändert werden muss. So weit so klar. Jetzt kommt ausgerechnet die rechte FPÖ ums Eck und befindet, dass nichtösterreichische Frauen von Schleppern, Menschenhändlern und anderen Kriminellen unter Druck gesetzt werden, sich zu prostituieren. Und damit hat die FPÖ auch noch recht! Erwartungsgemäss kommt aber kein ordentlicher Lösungsvorschlag. Denn die FPÖ fordert ein Prostitutionsverbot für Asylbewerberinnen. Das ist deswegen bescheuert, weil es zu kurz gedacht und, wie anders zu erwarten von den rechten, frauenfeindlich ist. DENN. Frauen werden in Österreich in die Prostitution gedrängt, weil es so viele Freier gibt, die die Nachfrage stellen. Damit ist es für Kriminelle klar, dass es sich lohnt, Frauen in Österreich zur Prostitution zu zwingen. Da kann man richtig Kohle machen bei. Sind ja genug Abnehmer da! Aber anstatt logisch vorzugehen und ein Sexkaufverbot zu fordern und damit die Nachfrage zu reduzieren und es für Menschenhändler und Zuhälter unrentabel zu machen, Druck auf Frauen auszuüben, lässt sich die FPÖ an den Frauen aus. Denn das Herrenrecht, eine Gruppe von Frauen zur ständigen sexuellen Verfügbarkeit in sklavenähnlichen Zuständen zu halten, das darf nicht angetastet werden.

              Stattdessen wird an prostituierten Frauen rumreguliert. Wo ist da der Sinn? Warum reguliert man an denen rum, die Gewalt erfahren? Denn eine Asylbewerberin, die dabei erwischt wird, wie sie sich prostituiert oder wie sie prostituiert wird, hat ganz gewiss straf- und aufenthaltsrechtliche Konsequenzen zu befürchten. Was soll das? Bestrafen wir jetzt Opfer von Gewalt? Würden wir auch an Frauen rumregulieren, die von ihrem Partner geschlagen werden? Würden wir sie bestrafen, weil es ja schliesslich verboten ist, jemanden zu schlagen, und sie aber geschlagen worden sind? Niemals, das ergäbe überhaupt keinen Sinn. Aber genau das wird hier vorgeschlagen.

              Ich konstatiere: der Lösungsvorschlag ist zum kotzen. Genauso zum kotzen ist aber auch, dass die FPÖ die einzige Partei ist, die das Problem anspricht. Aus allen anderen Ecken hört man dazu mal wieder nur die Grillen zirpen. Denn während die FPÖ wenigstens zu ihrem Frauenhass steht und kein Problem damit hat, ihn offen herauszuposaunen, wird das Thema „In Deutschland und Österreich werden Frauen aus armen Schichten, mit gewaltbesetzten Biographien und aus anderen, als minderwertig erachteten Ländern dafür hergenommen, dem weissen Herrenmenschen die Schwänze zu lutschen“ hier unter den Tisch fallen gelassen. Warum? Nun, weil unsere „bürgerliche Mitte“ und leider auch die Linke nicht wirklich ein Problem mit Frauenhass hat, sondern ihn uns noch als Empowerment, choice und Befreiung verkauft. Und das bisschen Rassismus und Klassismus, dass da am Sexismus dranklebt, ach, man nimmt es in Kauf. Kommt ja schon nicht mehr drauf an, gell?
              Nicht mal Organisationen, die explizit für Frauenrechte eintreten sollten, haben uns Frauen aus der Prostitution noch auf dem Schirm. Auf den Lösungsvorschlag der FPÖ angesprochen, sagt eine österreichische Beratungsstelle für Frauen aus der Prostitution: „”Wir haben oft Frauen beraten, die in sehr langen Verfahren steckten, und wir wissen, dass es für die Menschen positiv ist, wenn sie das Gefühl haben, dass sie auch erwerbstätig sein können. Auch wenn es Sexarbeit ist.”

              Einfach mal sacken lassen.

              Und sich dann fragen, wer überhaupt für uns eintritt. Die Rechte? Ganz sicher nicht. Die Linke? Kann man allzu oft nur abwinken, selbst als sehr linke Person. Feministinnen? Solange sie nicht radikalfeministisch sind: goodbye.
              Schade. Die einen wollen an uns rumregulieren, die anderen wollen auch ein Stück von unserer sexuellen Ausbeutung und die wieder anderen reden unsere Ausbeutung schön.
              So wird sich an den herrschenden Zuständen niemals was ändern!

              Eiswürfelherzmomente – Wenn man in der Prostitution die Seiten wechselt

                Mein Name ist Huschke Mau, ich bin Exprostituierte, und auch wenn ich weiss, und am eigenen Leib erfahren habe, dass Prostitution Gewalt gegen Frauen ist, schreibe ich heute darüber, dass ich mir wünsche, dass eine Zuhälterin ein bisschen mehr Solidarität erfährt.
                Das klingt schockierend – wie begründe ich das?

                Der Stern-Artikel zu Schwesta Ewas Biographie hat für ganz schön Furore gesorgt. Die Rapperin war nach gewaltbesetzter Kindheit lange selber in der Prostitution und sie hat später andere, teils Minderjährige, in die Prostitution vermittelt, und dazu nicht nur das Abhängigkeitsverhältnis, welches bestand (es waren weitaus jüngere Fans) ausgenutzt, sondern sich auch körperlicher Gewalt bedient.
                Vorab: Dass sie dafür bestraft wird, ist natürlich richtig.

                ABER.
                In den Kommentarspalten tobt dazu mal wieder der Mob. Leute, die sonst nichts dagegen haben, dass es eine Riege von Frauen und Mädchen gibt, die die Gesellschaft, oft schon von Vornherein und von der Kindheit an, zum Abschuss freigegeben hat, Leute, die sich gerne selber der Prostitution bedienen, Leute, die vielleicht selber Schwesta Ewas minderjährige Fans ganz gerne mal auf Hausbesuch gehabt hätten, beschimpfen jetzt die Frau, die dafür gesorgt hat, dass das, was sie nutzen (Prostitution, Prostituierte) zur Verfügung gestellt werden konnte.
                Wie verlogen ist das?
                Es ist so deutlich, dass diese Art nur so vor Doppelmoral trieft.
                Freier sein?
                Kein Thema, ist doch normal.
                Hure sein?
                Boah, die Schlampe. Hat es nicht anders verdient.
                Zuhälterin sein? OMG GANZ SCHLIMM, ABSCHAUM.
                Was soll das? Wer Prostitution nutzt, mag, verteidigt, der sollte sich im Klaren darüber sein, dass Prostitution nie sauber ist. Kein Freier kann genau wissen, ob die prostituierte Frau gerade aus ökonomischen Zwängen mit ihm schläft, ob sie Kindheitstraumata reinszeniert, ob sie sonst von Zuhälter (oder von Schwesta Ewa) auf die Fresse kriegt.
                Die Empörung, die sich in den Kommentarspalten zeigt, weist nicht darauf hin, dass diese Gesellschaft etwas dagegen hat, dass es Mädchen und Frauen gibt, denen weder in der Kindheit noch in der Zeit danach geholfen wird, sich vor sexuellem Missbrauch zu schützen. Nein, diese Gesellschaft hat nichts dagegen. Sie will es nur nicht SEHEN. Die Empörung, die sich hier zeigt, ist eine Empörung darüber, SEHEN ZU MÜSSEN, mit welch dreckigen Methoden in der Prostitution agiert wird und welch teils schlimme Schicksale dahinterstehen. Und das überrascht mich nicht, aber natürlich kotzt es mich an.

                Dann ist da aber noch was anderes. Und zwar Hass gegenüber Schwesta Ewa aus den Reihen derer, die sehr wohl erkannt haben, dass Prostitution Gewalt ist. Leute, die finden, sie habe die Seiten gewechselt und das Aller-, Allerschlimmste verdient, weil sie doch gewusst habe, wie furchtbar Prostitution ist und es trotzdem anderen angetan hat. Es sind gehässige Kommentare.

                Ich habe heute Nacht darüber nachgedacht und mich gefragt, woher kommt das?
                Zunächst mal: Ja, Schwesta Ewa ist Täterin. Ganz klar. Ganz klar auch, sie gehört zur Verantwortung gezogen. Auch das Nordische Modell, das ich befürworte, sieht eine Bestrafung für Menschen vor, die andere in die Prostitution bringen oder von der Prostitution anderer profitieren. Aber woher kommt diese Weigerung, Ewas Geschichte nicht als Entschuldigung, aber doch als Erklärung zu sehen? Woher diese Selbstgerechtigkeit von Menschen, die noch nie in der schlimmen Situation waren, sich entscheiden zu müssen eine andere Person zu opfern oder wieder selber den Arsch hinhalten zu müssen, was man aber nicht mehr aushält, weil man zu kaputt ist?
                Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es was mit unserer Vorstellung von “Opfersein” zu tun hat. Denn ich habe in mehreren Kommentarspalten jetzt immer wieder gelesen, Ewa sei kein “unschuldiges Opfer”. Und ich frage mich – ein unschuldiges Opfer, was ist das? Und mir ist aufgefallen, dass Leute, die von “unschuldigen Opfern” reden, immer nur von IMAGINIERTEN Opfern sprechen. Von Opfern, die es nur in der Theorie gibt. Von Opfern, die komplett handlungsunfähig waren, sich immer gewehrt haben, die “alles richtig gemacht haben”.
                Aber welches Opfer macht alles richtig?
                Leute, die von “unschuldigen Opfern” reden sind genau die, die in der PRAXIS realen Menschen, die Opfer geworden sind, genau dieses Opfersein oft nicht zugestehen.
                Weil das Opfer nicht UNSCHULDIG ist.
                Es hat an der Tat teilgenommen. Oder es hat sich nicht genug gewehrt.
                Das Kind, das missbraucht wurde vom Nachbarn, es ist sogar nach mehrmaligem Missbrauch wieder der Einladung des Nachbarn in dessen Wohnung gefolgt, weil es danach immer dort mit der Playstation spielen durfte.
                Die Frau, die mehrmals von ihrem Partner vergewaltigt wurde, sie hat sich nicht sofort getrennt, sie hat sogar noch einem Romantikurlaub zugestimmt.
                Das prostituierte Mädchen, es hatte Kontakt zu einer Ausstiegsberatungsstelle, aber es hat das Angebot, an einem Ausstiegsprogramm teilzunehmen, ausgeschlagen.

                Was ich damit sagen möchte: Das Bild vom “unschuldigen Opfer”, es ist eine rape myth. Es soll festlegen, wer Opfer sein darf und wer nicht. Und es hat die Funktion, Menschen, die Opfer von vor allem sexuellen Gewalttaten geworden sind, genau dieses Opfersein abzusprechen.
                Denn in der Theorie gibt es sie, die unschuldigen Opfer.
                In der Praxis aber gibt es sie eben nicht.
                In der Praxis findet man Schuld bei jedem Opfer, und schuldige Opfer sind? Genau, keine Opfer mehr.
                Wenn unser Mitgefühl nur den “unschuldigen Opfern” gilt, gilt sie keinem und keiner mehr.

                Gewalt, sexuelle Gewalt, Prostitution – das sind Systeme, die dafür sorgen, dass auch die Opfer sich die Hände schmutzig machen.
                Es ist dies ein Kennzeichen jeglicher sexueller Gewalt.
                Jedes Kind, das missbraucht wurde, kennt die Scham über den Gedanken, froh zu sein, dass es heute Nacht nicht selbst dran ist, sondern die Schwester.
                Jede geschlagene Frau kennt die Schuldgefühle, wenn sie versucht, mit verführerischem Agieren und dem Angebot zum Sex heute Abend mal um die Schläge drumrumzukommen.
                Jede im Park vergewaltigte Frau kennt die Scham darüber, nicht sofort weggerannt zu sein und geschrien zu haben, sondern sich ernsthaft noch 5 Minuten verbal mit dem Vergewaltiger auseinandergesetzt zu haben in der Hoffnung, sie bliebe dann verschont.
                Jede Frau in der Prostitution kennt den Eiswürfelherzmoment, wenn sie anderen Frauen erzählt, es sei alles cool, und sie sollten es doch selbst mal ausprobieren.

                Wir sind alle nicht unschuldig. Wir haben alle Dreck am Stecken. Es gibt keine unschuldigen Opfer. Auch in der Prostitution nicht. DAS ÄNDERT ABER NICHTS AM OPFERSEIN.

                Jede Frau in der Prostitution hat etwas, das Menschen, die ihr den Opferstatus absprechen wollen, ihr vorwerfen können. Die Bordelltür stand doch offen, du hättest doch gehen können. Der eine Freier, du hast doch gesagt, der war nett, da kann es doch nicht so schlimm sein. Du hast doch selber Drogen an deine Kolleginnen abgegeben, warum stellst du dich dann jetzt moralisch über deinen Zuhälter. Usw.
                Niemand, nicht das zwangsprostituierteste Opfer von Zwangsprostitution, bleibt mit so einer Denke Opfer.
                Dabei sollte ganz klar sein, dass, ob jemand den Status den Opferdaseins hat oder nicht, nur daran festgemacht werden sollte, ob ihm oder ihr etwas ANGETAN worden ist – und nicht, welches Verhalten das Opfer dabei an den Tag gelegt hat. DAS sollte für die Zuschreibung als Gewaltopfer ÜBERHAUPT KEINE Rolle spielen.
                Das Schwesta Ewa andere prostituiert (und damit zu Opfern und sich selbst zur Täterin gemacht hat) ändert NICHTS daran, dass sie auf einer anderen Ebene eben auch Opfer war. Es wird nicht dadurch aufgehoben.
                Prostitution ist dreckig. ich kenne keine, die sich dort nicht die Hände schmutzig gemacht hätte. Ich habe das auch: Im ersten Wohnungsbordell in dem ich war, kam eines abends eine Frau mit ihrem Mann. Beide hatten den Gedanken, sie könne dort die gemeinsamen Schulden abarbeiten. Sie sei ja eh sexuell offen usw. Die Frau saß bei uns in der Küche und fragte uns, wie das so sei. Und ich meinte, es sei überhaupt kein Problem, alles easy. (Was hätte ich auch anderes sagen sollen? Ich bin jeden Tag auf Drogen, damit ich das hier aushalte? Ganz sicher nicht.) Und dann klingelte es und ein Freier kam rein. Und ich meinte, schau, den kannst Du doch gleich machen. Fertige den doch ab, wenn Du eh schon hier bist. Kannst Du gleich mal sehen, dass es nicht schlimm ist.
                Sie zögerte und war unsicher.
                Und ich habe sie sozusagen überredet.
                Sie hat den Freier gemacht. Und als ich aus dem Wohnungsbordell weg bin nach mehreren Monaten, war SIE immer noch da.

                Was ich damit sagen will: Sich zu verstricken, Schuld auf sich zu laden, mit der Gewaltsituation oder dem Täter selbst komplizenhaft zu agieren ist die NORM bei sexuellen Gewaltsituationen. Es gibt keine unschuldigen Opfer.
                Das Opfersein (selber Prostituierte gewesen zu sein) hebt das Tätersein (andere Frauen in die Prostitution gebracht zu haben) NICHT AUF.
                Aber das Tätersein hebt eben auch das Opfersein nicht auf.
                Beides kann eine Personalunion sein.
                Entschuldigt nichts.
                Erklärt vieles.
                Bitte bedenkt das, bevor ihr zu Schwesta Ewa oder wem auch immer kommentiert.
                Danke.

                Freier und Zwangsprostitution

                  Habt ihr schonmal einen Freier gefragt, wie er zu Zwangsprostitution steht?

                  Während meiner Zeit in der Prostitution war es immer so, dass Männer mir ungefragt unterstellt haben, ich würde das freiwillig und aus Spass machen („Hobby zum Beruf gemacht“). Oder aber sie waren sich sicher, dass ich einen Zuhälter habe, und haben versucht, mich damit zu erpressen (zum Beispiel, indem sie vorgegeben haben, sie hätten mit meinem “Chef” telefoniert und ausgemacht, dass ich es ohne Gummi tue, und wenn ich das jetzt nicht täte, gäben sie ihm Bescheid und ich würde Ärger bekommen – blöd nur, dass ich in den letzten jahren keinen Chef mehr hatte…). GEFRAGT danach haben sie nicht. Es ging ihnen nicht um meine Situation. Es ging ihnen um SICH. Entweder darum, auf Teufel komm raus ein gutes Gewissen haben zu können, so wie der Polizist, der mich als Freier besuchte, mir erzählte, im Job ermittle er gegen Menschenhandel und als ich ihn fragte, wie er das zusammenkriege, meinte: “Ach, wieso, ich schade ja niemandem, ich schade dir ja nicht. Du bist freiwillig hier.” (Das legte er einfach mal so fest.) Oder eben sie versuchen, das meiste für sich rauszuholen, und das geht eben gut, wenn sie eine Zwangsprostituierte vor sich haben. Die kann und darf sich nämlich nicht wehren.

                  Öffentlich werden Freier immer sagen, dass sie Zwangsprostitution ganz, ganz schlimm finden.

                  Aber unter sich, z.B. in Freierforen, sprechen sie offen an, dass sie von Zwangsprostitution wissen. Und es stört sie entweder gar nicht, oder es nervt sie, weil sie es eigentlich nicht sehen wollen – damit das gute Bild von sich selbst erhalten bleibt.
                  Fakt ist aber, es gibt keine “sauberen” Freier. Es gibt keine Freier, die sich nicht schuldig machen. Sie konstatieren selbst, dass sie in vielen Fällen gar nicht erkennen können, ob Zwangsprostitution vorliegt. Aber das “Privatleben” von uns prostituierten Frauen geht sie angeblich nichts an.
                  Zwangsprostitution finden viele von ihnen gut, weil sie dann mehr für sich raushauen können. Oder sie ist ihnen egal. Oder sie stört sie, weil sie gern weiter “ein guter Mensch” bleiben wollen – heisst, sie wollen sie nicht mitkriegen.
                  Aber sie wissen, dass es sie gibt, und sie profitieren davon.
                  Die Täter bei Zwangsprostitution sind nicht nur die Menschenhändler und Zuhälter, es sind auch die Freier.
                  Denn da SIE den Sexualakt ausführen, ist es IHRE Verantwortung, sicherzustellen, dass sie gerade niemanden vergewaltigen.
                  Es gibt nämlich kein “aus Versehen vergewaltigt”. JEDER MANN, der mit einer Frau schläft, ist dafür verantwortlich, dass das, was er da tut, keine Vergewaltigung ist. Diese Verantwortung kann ihm niemand abnehmen. Da kann sich kein Mann drauf berufen, er habe es nicht gewusst, dass sie nicht wollte (war doch ein staatlich genehmigtes Bordell! war doch kein Zuhälter zu sehen! hatte doch keine blauen Flecken!) – es wäre seine Aufgabe gewesen, das sicherzustellen.
                  Wenn es um Sex ginge, der NICHT in der Prostitution stattfindet, wären wir entsetzt, wenn ein Mann uns erzählen würde, er wisse nicht, ob der Akt, den er gerade durchgeführt habe, ungewollt gewesen sei und es sei ihm auch egal.
                  Warum sollte das anders sein, nur weil irgendwer (die Frau, der Zuhälter) bezahlt worden ist? Der Akt an sich bleibt ja ungewollt. Und ungewollter Sex ist Missbrauch.

                  Es wird Zeit, dass wir Freier endlich in die Verantwortung nehmen. Es kann nicht sein, dass sie es geniessen, ungestraft bewusst vergewaltigen zu können oder dass ihnen egal ist, ob sie gerade vergewaltigt haben. das ist ein absolutes No-Go!
                  Daran, dass es Zwangsprostitution gibt, sind auch die Freier schuld. Ohne ihre Nachfrage gäbe es nämlich gar keine Zwangsprostitution!
                  Es wird niemals “saubere” Prostitution geben. Prostitution besteht immer zu einem gewissen Teil auch aus Zwangsprostitution. Denn es wird nie genug Frauen geben, die das “freiwillig” (und das definiere ich hier mal bloss als: ohne angewandte körperliche Gewalt durch einen Zuhälter) machen werden machen!
                  Wer das eine will, muss das andere mögen – es gibt keine Prostitution ohne Zwangsprostitution.
                  Und Freier wissen das und nutzen das.

                  “Saubere” Freier gibt es nicht, denn Freier und Zuhälter und Menschenhändler sind partners in crime, Komplizen, die alle nur ein Ziel haben:
                  So viel wie möglich aus prostituierten Frauen und Mädchen rauszuholen!
                  Auf der Seite “Die Unsichtbaren Männer” könnt ihr euch anschauen, wie Freier reden, wenn sie unter sich sind. Wie sprechen sie über Zwangsprostitution und Menschenhandel?

                  Garantiert nicht so, wie es gesellschaftlicher Standard sein sollte! Und das sollten, ja, müssen und werden wir ändern.

                  Minderjährige in der Prostitution

                    Während meiner Zeit in der Prostitution hat mich, selbst als nicht klar war, ob ich volljährig bin, NIE ein Freier gefragt, wie alt ich eigentlich WIRKLICH bin. Und auch nie, ob ich freiwillig hier bin. Bin ich damit ein Einzelfall?

                    In Hamburg stehen zwei Männer vor Gericht.
                    Sie haben einem Mann ein 15-jähriges Mädchen “abgekauft”. Auch dieser hatte es zur Prostitution gezwungen, es ist nicht klar, wie lange schon.
                    Dann haben sie das Mädchen an Freier vermittelt. Ihre Einnahmen hat sie abgeben müssen, um ihre “Schulden” ( = ihren Einkaufspreis) bei ihren neuen Zuhältern abarbeiten zu müssen.
                    Schliesslich hat sich die Polizei verdeckt auf eine der Anzeigen gemeldet, in denen sie als frisch 18 geworden beworben wurde und liess die Sache hochgehen.

                    Als Argument gegen das Nordische Modell kommt häufig, das sei schwierig, weil die Freier dann Fälle, in denen sie Zwangsprostitution vermuten, nicht mehr anzeigen würden. Denn sie sind über die Freierbestrafung ja eh schon kriminalisiert und müssten dann zugeben, Freier gewesen zu sein. Nun: In dem Fall hier hat sich KEIN EINZIGER FREIER bei der Polizei gemeldet. KEIN. EINZIGER. Und das, obwohl das Freiertum in Deutschland nicht illegal ist. Ja, es gibt mittlerweile ein lächerliches Gesetz hier, was den wissentlichen (!!!), vorsätzlichen (!!!!!!) Besuch bei Zwangsprostituierten (ohne dass “Zwang” allerdings definiert wird) unter Strafe stellt. Ein Gesetz, über das Freier sich herzlich einen ablachen werden. Denn “Zwang” nachzuweisen ist schwer. Und nachzuweisen, dass ein Freier von diesem Zwang wusste, noch schwerer. In diesem Fall hier ist es so, dass klar erkennbar gewesen sein muss, dass das Mädchen nicht volljährig ist – denn sie wurde ja auch schon BEVOR sie 15 war prostituiert, und ein 13- oder 14-jähriges Mädchen kann man von einer 18-jährigen sehr wohl unterscheiden.
                    JEDER ihrer Freier hätte bei ihrem Anblick entscheiden können, sie NICHT zu missbrauchen, sondern sofort zur Polizei zu gehen. Ihm wäre NICHTS passiert.
                    JEDER ihrer Freier hätte sogar NACHDEM er sie missbraucht hat, zur Polizei gehen können. Ihm wäre nichts passiert, wenn er gesagt hätte, dass ihm erst zum Schluss was komisch vorkam. Ihm wäre nichts passiert.

                    KEINER ihrer Freier hat das getan. KEINER ist zur Polizei gegangen. KEINER hat ihr geholfen.
                    Ein junges Mädchen wird ge- und verkauft und gezwungen, sich preiszugeben, und all die erwachsenen Männer drumrum entscheiden sich, ihr nicht zu helfen, sondern auch ein Stück vom Kuchen zu ergattern und eben auch mal drüberzurutschen.

                    Das Argument gegen das Nordische Modell, dass Freier ständig Zwangsprostituierte melden würden und es dann unter schwedischer Gesetzeslage nicht mehr tun würden, ist keines. Denn sie melden Fälle von Zwangsprostitution, sogar wenn diese offensichtlich ist, weil sie eine Minderjährige vor sich haben, fast nie. Sie haben nichts gegen Zwang. Sie haben nichts gegen Zuhälter. Und sie haben auch nichts gegen Gewalt gegen Frauen und Mädchen in der Prostitution.
                    Denn erst der Zwang, erst die Zuhälter, erst die Gewalt (und die Armut, die vorausgegangene sexuelle Gewaltgeschichte usw.) sorgen dafür, dass das Angebot, nach dem sie so sehr nachfragen, zur Verfügung gestellt werden kann.
                    Oder woher sollen die “tabulosen”, möglichst jungen Frauen in ihrem Bett sonst kommen?

                    Freiersein bedeutet, zu profitieren von Tätern, die vor einem selbst an einer Frau oder einem Mädchen Gewalt ausgeübt haben, um dann noch einen draufzusetzen und auch Gewalt ausüben zu können – möglichst, ohne das Mädchen vorher schlagen oder überwältigen zu müssen. Das haben ja dann andere schon gemacht. Wie praktisch.

                    Leider ist die Gesetzeslage in Deutschland so, dass zwar ihre Zuhälter jetzt vor Gericht stehen – ihre Freier aber nicht.
                    Die suchen sich einfach die nächste “18-jährige”, die in einer Annonce beworben wird.
                    Noch.
                    Ich hoffe, dass das in, sagen wir, 5 Jahren nicht mehr möglich sein wird, weil sie dann Angst vor einem Bussgeld oder besser noch vor einer Gefängnisstrafe haben müssen!
                    Denn Fakt ist: Zuhälterei und Zwangsprostitution gibt es nur, weil Freier eine Nachfrage nach Prostitution stellen.
                    Wenn Männer keinen Sex kaufen würden, würde es auch keine Männer geben, die Frauen und Mädchen zur Prostitution zwingen.
                    Diese beiden Zuhälter hier haben getan, was sie getan haben, weil es sich GELOHNT hat. Weil sie damit sehr viel Geld verdient haben. Sie hätten schön auf dem Trockenen gesessen, wenn es keine Freier gegeben hätte.
                    Haben sie aber nicht.
                    Denn es gibt genug Freier. Und damit auch genug Zuhälter.
                    Und damit genug Mädchen und Frauen, die von beiden ordentlich ihren Schaden wegbekommen haben.
                    Das muss aufhören – und zwar dalli!