„Liebe“ Freier, die ihr mir, der Exprostituierten und Aktivistin, Mails und Nachrichten schreibt,

    sonst antworte ich euch nie, aber heute bekommt ihr von mir mal eine Sammelantwort, an euch alle.

    Ich weiss, bei euch wird nichts ankommen, weil euch irgendwas fehlt im Kopf. Aber ich stelle jetzt mal ein bisschen Öffentlichkeit her, weil ihr sonst weiterhin denkt, dass ihr es mit mir ja machen könnt – hintenrum, heimlich, ohne dass es je jemand erfährt.

    Heute möchte ich euch sagen: ihr nervt. Echt jetzt.

    Es nerven die von euch, die zuerst gar nicht sagen, dass sie Freier sind, und die alles in Frage stellen, die erwarten, dass man EXTRA FÜR SIE Infos rauskramt und ihnen hinterherträgt, und zwar JEDE Info. Die Mühe mache ich mir nicht, weil ich genau weiss, es geht euch nicht darum, dass ihr überzeugt werden wollt, dass das, was ihr tut – mit Frauen schlafen, die keinen Bock auf euch haben, und ihr wisst das – falsch ist oder dass das Nordische Modell das richtige ist. Darum geht es euch nicht. Ihr tut nur so. In Wirklichkeit wollt ihr nur Energie absaugen. Ihr werdet euch nie ändern, weder in eurem Denken noch in eurem Handeln, egal, wie oft ihr die Illusion vermittelt. Alles, was ihr wollt, ist uns Aktivistinnen von der Arbeit abzuhalten. Spart euch eure halbseidenen Vorwürfe und aus der Luft gegriffenen Anschuldigungen, mögen eure Provokationen euch im Halse stecken bleiben.  Ich beschäftige mich nicht mit euch. Ich überzeuge keine Freier. Wer Freier ist, ist scheisse, und wer so unbedingt scheisse sein will, dem kann man eh nicht helfen. Ich spare mir meine Energie für wichtige Dinge auf. Ihr seid nicht wichtig. Mir egal, ob ihr verstanden haben werdet, dass es falsch ist, was ihr tut: das Nordische Modell kommt, und ihr werdet zur Verantwortung gezogen werden für das, was ihr tut, ob ihr begriffen habt, warum, ist völlig latte. Ich überzeuge jedenfalls keine Gewalttäter, ich rede nicht mit Vergewaltigern, ich diskutiere nicht mit Missbrauchern. Schreibt mir einfach nicht mehr. Und heult nicht rum, wenn ich euch nicht antworte – ich schulde euch nichts.

    Es nerven die von euch,  die mir empörte Mails schreiben, dass sie finden, ich würde gemeinerweise alle Freier in einen Topf werfen, aber dann wiederum verstünden sie es ja, ich wäre so hochtraumatisiert, dass ich sicher all die netten Freier vergessen hätte, nur die Arschlöcher wären mir in Erinnerung geblieben, kann man ja auch verstehen. Aber ihr seid natürlich keine Arschlöcher, ihr seid nicht gewalttätig, nee, ihr bringt immer Blumen mit und Pralinen, und ihr redet mit den Frauen, die ihr „besucht“ (bevor ihr, nach Blumen- und Pralinenübergabe, über sie drüberrutscht, wohl wissend, dass sie euch ohne die Kohle mit dem Arsch nicht anschauen würden). Was wollt ihr von mir? Ich bin nicht euer Ablasshandel. Bei mir wird kein reines Gewissen verteilt. Ihr werdet von mir nie hören „es gibt ja auch nette Freier, und da ist es nicht so schlimm, nein, DU bist kein Arschloch“. Denn DOCH, DU BIST EIN ARSCHLOCH, es geht nicht darum, wie ihr seid, sondern was ihr tut, und es gibt auch nette Betrüger und nette Bankräuber und sogar nette Mörder, worüber also reden wir hier? Schreibt mir einfach nicht mehr. Und heult nicht rum, wenn ich euch nicht antworte – ich schulde euch nichts.

    Es nerven die von euch, die mir ewig lange, hochgradig weinerliche Mails schreiben, in denen sie sich in ihrer Schuld suhlen, ohne es ernstzumeinen. Ja, ihr „wart“ mal Freier, ich habe es begriffen. Ja, „jetzt“ findet ihr das ganz schlimm, ich habe es begriffen. Ja, ihr habt euch in eine Frau aus dem Laufhaus, in das ihr immer geht, „verliebt“ und plötzlich fällt euch ein, dass Freier scheisse sind und dass dieser „Job“ der letzte Dreck ist und jetzt wollt ihr sie „retten“, weil Freier so schlimm sind. Fällt euch ja früh auf. Manche von euch schreiben mir, weil sie entdeckt haben, dass ihre Freundin anschaffen geht. Ich habe euch nichts zu sagen ausser: mir ist völlig unklar, wieso ihr erst dann versteht, dass prostituierte Frauen Menschen sind, mit denen man nicht so umgehen darf, wenn ihr diese Frau für EUCH ALLEIN haben wollt. Denn genau darum geht es. Ihr habt NICHTS begriffen. Es geht nicht um ihren Schmerz. Es geht, mal wieder, nur um EUCH: EUCH tut es weh. Ihr seid eifersüchtig, in eurer „Ehre“ verletzt, in eurem Besitzdenken angegriffen. Schwallt mich doch nicht voll, ey! Was wollt ihr? Einen Orden dafür, dass ihr entdeckt habt, dass Frauen Menschen sind? Schreibt mir einfach nicht mehr. Und heult nicht rum, wenn ich euch nicht antworte – ich schulde euch nichts.

    Es nerven die von euch, die sich anschleichen und auf verständnisvoll tun. Ich kenne euch gut. Ihr seid einsam. Ihr schafft es „da draussen“ nicht, eine Frau kennenzulernen. (Und alle Frauen, die sich weigern, euch kennenzulernen, werden ihre guten Gründe dafür haben.) Und jetzt denkt ihr euch, ey, die Exnutte da, das beschädigte Gut, die nimmt doch eh keiner mehr, und dann ist die bestimmt auch voll kaputt, und Grenzen ziehen kann die sicher eh nicht mehr, und wenn man der bissl Aufmerksamkeit gibt und was lieb ist, ist die bestimmt voll dankbar. Surprise, surprise: bin ich nicht. Ich bin nicht beschädigt. Ich bin nicht kaputt. Ich bin nicht unfähig, Grenzen zu ziehen. Ich bin nicht wertlos. Und wenn ich eins hinkriege, dann hinhören, wenn mein Radar meldet: „mit dem stimmt was nicht“. Spart euch eure pseudoverständnisvollen, schleimscheisserischen Nachrichten. Ich weiss was ihr wollt. Ihr wollt hier niemanden supporten. Ihr wollt Kontakt. Ihr seid einsam. Ihr denkt, ich und meine Kolleginnen von #NetzwerkElla wären ein gutes Ziel und leichte Beute. Ihr denkt, mit uns könnt ihr euch eure eigene kleine Privatnutte heranzüchten und euch dann noch groß fühlen, als Retter. Ich habe euch noch nie geantwortet und werde es auch nie. Schreibt mir einfach nicht mehr. Und heult nicht rum, wenn ich euch nicht antworte – ich schulde euch nichts.

    All eure PNs und Mails sind verlorene Liebesmüh. Ihr könnt mir seitenweise schreiben, rumjammern, schimpfen, mich bedrohen, mich vollschleimen, sonstwas. Es interessiert mich nicht – Ablage P!

    Go fuck yourself!

    Wenn Du in der Prostitution warst und Dich schämst, weil Du oft daran denkst, zurückzugehen, dann ist das hier für DICH

      Shoutout an alle Frauen, die in der Prostitution waren und die mir wegen meines “Wiedereinstiegsgedankenkreisel”-Textes geschrieben haben, dass sie diese Gedanken, in die Prostitution zurückzugehen, kennen und sich schämen – und auch an alle, die sich zu schreiben nicht getraut haben, die die Gedanken aber auch kennen.

      Ihr seid nicht allein. Ich bin seit 4 Jahren Aktivistin, und ich habe nicht nur vom Gefühl her begriffen, dass Prostitution schadet, sondern kann die politische Analyse auswendig und ihr könnt mich nachts wecken, um 2, und ich diskutiere das knallhart mit euch aus.
      TROTZDEM habe ich diese Gedanken mich wieder zu prostituieren immer noch, und ich möchte, dass ihr wisst, dass ihr nicht allein damit seid.
      Es gibt so viele Gründe, zurückzugehen. Geldnot. Traumareinszenierung. Euch hat was getriggert. All die kleinen constant reminders im Alltag, bei denen Männer euch zeigen, dass ihr nur sexualisierte Objekte seid und die euch denken machen, dass ihr dann wenigstens Kohle dafür nehmen könnt. Der Gedanke, unwert zu sein, und die Erinnerung daran, dass ihr, wenn schon keinen Respekt, aber wenigstens doch mal Geld wert ward. All die Sehnsucht nach der Betäubung, nach dem alten Schmerz, in dem man sich zu Hause fühlt, weil man nie was anderes als diesen SChmerz als Zuhause empfinden durfte. Ich kenne es. So viele von uns kennen es. Eigentlich kenne ich keine Frau aus der Prostitution, die diese Gedanken nicht hat. IHR SEID NICHT ALLEIN!
      Und bitte schämt euch nicht dafür. Diese Gedanken, das seid nicht IHR. Das sind Gedanken, die auf eurer Kopffestplatte installiert worden sind, aber nicht von EUCH. Es ist das Trauma, das da spricht, all die schlimmen DInge, die euch angetan worden sind in all ihrer Scheissigkeit. Es ist wie ein Radio, das dauernd im Hintergrund dudelt, aber ihr habt es nicht angemacht und ihr habt den Sender auch nicht eingestellt, also verdammich, bitte schämt euch nicht dafür, was da für ein Programm läuft. Ihr könnt nichts dafür, und es ist scheisse genug, dass dieses Kackradio in eurem Zimmer steht und vor sich hin plärrt.
      Ihr habt euch doch nicht selbst drauf konditioniert, euch weh zu tun.
      All diese beschissene Sozialisierung, all der Missbrauch, die sexuelle Gewalt, die bescheuerte Ungleichheit.
      Sich prostituieren, mit Männern mitgehen, die gewalttätig oder respektlos sind, demütigende Sexpraktiken mitmachen, sich mit Drogen oder Alkohol abschiessen, sich die Arme aufschneiden, hungern, kotzen, whatever.
      RESIST!
      Diesen Film habt doch nicht IHR eingelegt!
      Also schämt euch nicht dafür.
      Ich kann ja nur sagen, was mir hilft. Mir hilft, vorher die Entscheidung zu treffen, es nicht zu tun. Wenn ich in schwachen Momenten anfange, mit mir selber die Pors und Cons zu diskutieren, weiss ich, dass ich verloren habe. Es ist dasselbe wie mit dem rauchen aufzuhören. Ich entscheide vorher: ich gebe nicht nach! Und in dem schwachen Moment weiss ich: gerade habe ich SEhnsucht nach etwas Schädlichem, aber ich halte die Sehnsucht aus, sie geht vorbei, und ICH GEBE NICHT NACH.
      Ihr seid so tolle Frauen, ich bin so berührt davon, dass ihr mir schreibt. Bitte schämt euch nicht. Diese Gedanken zu haben heisst nicht, dass wir dumm sind oder labil oder es heimlich gut oder geil fanden, was da passiert ist.
      Jede Drogenabhängige, jede Alkoholikerin, jede geprügelte Ehefrau hat den Gedanken, zurückzugehen.
      Das ist sowas von normal, und wenn wir uns schämen, SCHÄMEN SICH DIE FALSCHEN!
      Ich bin gerade noch so berührt von euren Nachrichten und im Kitschmodus, also hier, LIEBE, für alle, und Kraft und nur das Beste, und ein kleiner Reminder für die, auch in unserer Bewegung, die uns wegen unserer Ehrlichkeit sagen, wir seien labil und würden der Bewegung schaden, wenn wir über diese Gedanken sprechen, und wir sollten nicht mehr öffentlich reden deswegen: GO FUCK YOURSELF, CAUSE WE DON´T CARE!

      Über Victimblaming

        “Du hattest doch eine Wahl, man hat immer eine Wahl”

        “Du wolltest es doch so, und jetzt magst du nicht zugeben, dass du dabei Spass hattest”

        “Als du dafür Geld bekommen hast, hast du dich ja auch nicht beschwert”

        “Warum hast du überhaupt damit angefangen, du hättest alles anders machen können”

        “Warum hast du dich nicht von deinem Freund getrennt, als du gemerkt hast, dass er dich in die Prostitution bringen möchte”

        “In den Videos sieht es aber überhaupt nicht aus, als hättest du dabei Angst gehabt”

        “Du bist doch klug genug, warum landet so eine Frau in der Prostitution, da gibt es doch ganz andere Möglichkeiten”

        “Es sind immer alle anderen schuld und nie du, es war doch aber deine Entscheidung”

        “Warum hast du dich auch in so einem Umfeld rumgetrieben”

        “Ich kenne so viele Frauen, die missbraucht worden sind, und keine ist in der Prostitution gelandet, es muss also an dir liegen”

        “Du hättest doch jederzeit damit aufhören können, was hat dich denn bitte gehindert”

        “Es gibt genug Hilfesysteme, Jugendamt, Polizei und Beratungsstellen, warum haben die dir nicht geholfen, das muss an dir liegen”

        “In Deutschland muss niemand obdachlos sein oder sich für Essen prostituieren, warum hat dir kein Amt geholfen, vielleicht hast du dich nicht gut ausgedrückt bei denen”

        “Wenn er so schlimm war, warum bist du dann wieder zurückgegangen”

        “Wenn ein Freier gewalttätig wird schmeisst man ihn raus und gut, warum hast du das nicht getan”

        Warum
        Warum
        Warum

        Warum hast du
        Warum hast du nicht
        Du hättest xyz tun sollen

        … Du hattest einen zu kurzen Rock an, warum warst du auch nachts im Park, du wusstest dass er shady ist warum bist du mit ihm mitgegangen. Das ewige Lied des Patriarchats.

        Hört auf die Opfer zu beschuldigen. Es gibt niemals einen Grund oder eine Entschuldigung, sexuelle Übergriffe, ob bezahlt oder nicht, im Verhalten derer zu suchen, die sie erlitten haben.
        Beschuldigungen, Beschämungen führen zum Schweigen derer, die sowas erlebt haben.
        Wenn darüber nicht gesprochen wird, existiert das Problem öffentlich auch nicht. Es gibt dann kein Problem, es ist also auch keine politische Analyse der Gesamtsituation von Nöten – und wenn es keine Analyse gibt, bedarf es auch keiner veränderten Handlungen und alles kann so bleiben, wie es ist.

        ES DARF ABER NICHT SO BLEIBEN, WIE ES IST.

        Deswegen:

        Wer Opfer beschuldigt und beschämt, steht auf der Seite der Täter.
        Hört auf damit!

        #EndVictimBlaming