Amnesty International und die Prostitution

Gestern fand eine Veranstaltung im Leipziger Museum der Bildenden Künste statt, bei der wir Frauen vom Netzwerk Ella über Prostitution gesprochen haben. Dagegen wurde bereits im Vorfeld protestiert.

Weil es anscheinend UNMÖGLICH und UNERTRÄGLICH ist, wenn prostituierte Frauen über Prostitution reden. Geht ja wirklich gar nicht!

Eine Gruppe, die bei den Protestierenden (Berufsverband erotische und sexueller Dienstleistungen usw) dabei war, war AMNESTY.

Amnesty möchte anscheinend nicht, dass Betroffene sprechen.

Das wundert uns nicht, hat Amnesty uns Frauen in der Prostitution doch schon vor Jahren unter den Bus geworfen, als sie forderten, “Sexarbeit” komplett zu entkriminalisieren und damit EXPLIZIT AUCH FREIERTUM, MENSCHENHANDEL UND ZUHÄLTEREI MEINTEN.

Begründet haben sie das damit, dass jeder Mensch ein Recht auf Sex hätte und dass es DISKRIMINIERUNG wäre, Männern zu verbieten, sich diesen zu kaufen.

Für uns hingegen ist klar: es gibt ein Recht auf die eigene Sexualität, aber es gibt kein Recht, jemanden dafür zur Verfügung gestellt zu bekommen.

Und: wer dafür ist, dass Freier, Zuhälter und Menschenhändler straffrei bleiben, der ist nicht FÜR uns Prostituierte, sondern GEGEN UNS.

Auch die Wortmeldungen heute sehen wir kritisch. So wurde uns heute von einer “Forscherin” attestiert, wir seien “viel zu enotional”. Unterton: “Ihr seid ja voll die Opfer, ihr könnt nur rumheulen, aber ich, ich kann ja denken.”

Überraschung! Wir können das auch! (Und einige von uns sind übrigens auch selber Forscherinnen.) Der Vorwurf, Frauen seien zu “emotional”, ist altbekannt patriarchal. Ihr beschwert euch, wir würden hier “auf Opfer machen”, aber ihr seid es, die uns reduzieren auf unsere Opfergeschichte, ihr seid es, die damit sagen, wir seien ja nur Nutten, unfähig, zu denken oder eine politische Analyse zu betreiben. Das ist frauenverachtend ohne Ende, wundert uns aber nicht.

Zum Schluss natürlich noch der Vorwurf, wir seien Rassistinnen, weil wir angesprochen haben, unter welchen BEDINGUNGEN Frauen aus den ärmsten Ländern Europas hier anschaffen müssen.

Die ZUSTÄNDE sind rassistisch, und wir kritisieren sie – von euch dazu kein Ton. Nur das AUSSPRECHEN der Kritik stört euch. Was hier in Deutschland stattfindet, ist übelster Kolonialismus. Südosteuropäische Frauen dürfen unseren Männern hier die Schwänze lutschen, um zu überleben. Von euch dazu KEIN TON. Aber diesen Missstand zu benennen ist dann rassistisch? Kommt mal wieder klar!

Wir wundern uns nicht über euch. Aber wir wundern uns, dass ihr euch immer noch Menschenrechtsorganisation nennt. Seid doch wenigstens ehrlich und bezeichnet euch künftig als FREIERUNDZUHÄLTERRECHTSORGANISATION.

Ihr habt hier dagegen protestiert, dass Prostituierte über Prostitution sprechen. Amnesty hat für uns jede Glaubwürdigkeit verloren.

Fick Dich, Amnesty!

(Huschke)

Rote Overknees

    Diesen Samstag werden meine Kolleginnen vom Netzwerk Ella und ich im Museum der Bildenden Künste Leipzig darüber sprechen, warum Prostitution Gewalt ist. Anlass ist Yoko Onos Ausstellung zu Gewalt gegen Frauen. Mehrere von uns exprostituierten Frauen haben Gegenstände eingereicht, die als Ausstellungsobjekt zu sehen sein werden. Ich habe meine roten Overknees hergegeben, in meiner Zeit in der Prostitution habe ich sie oft getragen, jetzt werden sie dort zu sehen sein.
    Das ist mein Text dazu.

    Der Name, den ich mir gegeben habe, um zu sprechen, ist Huschke.
    „Huschke“ ist ostpreussischer Dialekt und bedeutet „eine Frau, die nicht richtig da ist“. Mein “Nachname” war ein Vorschlag meines Katerchens. Auf kurdisch heisst „Huschke Mau“ „meine Schwester“.

    Ich habe mehrere Geschwister. Als Kinder haben wir von Anfang an extreme Gewalt durch meinen Stiefvater erlebt. Er hat uns mehrfach fast totgeprügelt. Fast jeden Tag war irgendwas. Manchmal musste ich stundenlang nackt strammstehen und mich anschreien lassen. Oder er hat vorgegeben, mich ertränken zu wollen und sehr lange meinen Kopf unter Wasser gedrückt. Er hat auch mehrfach versucht, uns alle in einer Amokfahrt mit dem Auto umzubringen. Wie sich das angehört hat, wenn meine Mutter von ihm vergewaltigt wurde, weiss ich noch genau.

    Ab der Pubertät hat sich mein Stiefvater mir dann auch sexuell genähert. Daran kann ich mich aber nicht gut erinnern. Mit 17 bin ich von Zuhause weggelaufen. Zuerst war ich in einer Mädchenzuflucht, aber dann nicht mehr. Da ich allein und arm war und weder Support noch Selbstbewusstsein hatte, habe ich angefangen, mich zu prostituieren, um irgendwie an Geld zu kommen. Die Ämter waren mit meinem Fall ja überfordert und haben für alles ewig gebraucht.
    Dann habe ich einen Polizisten kennengelernt, er hat mir gezeigt, wie das „richtig“ geht, sich zu prostituieren. Es hat nicht lange gedauert, und ich war alkohol- und drogenabhängig und hab bei Bekannten geschlafen. Suizidgedanken und selbstverletzendes Verhalten kenne ich schon seit meiner Kindheit.

    Ich habe trotzdem nebenbei mein Studium geschafft und bin jetzt Doktorandin.
    Aber es hat mehr als 10 Jahre gebraucht, aus der Prostitution wieder richtig rauszukommen. Geholfen hat mir dabei mein Katerchen. Ohne ihn hätte ich irgendwann hingeschmissen.

    Das hier sind rote Overknees, ein Stammfreier hat sie mir geschenkt. Ich fand sie immer unfassbar klischeehaft, aber ich habe sofort begriffen, was mir der Freier damit sagen will: du bist nur eine Nutte, du bist nur zum ficken gut, du bist nur für mich da, und nur für das eine. Sonst bist du nix.
    Das hat mein Stiefvater auch immer gesagt. Erst mit Ende 20 habe ich erfahren dürfen, dass ich vielleicht noch was anderes bin und kann als die Ficke zu sein. (Aber manchmal zweifle ich noch daran.)

    Mein Stiefvater war vermutlich auch Freier. Er hat mehrmals so Andeutungen gemacht. Und er hat auch mehrmals gesagt, ich gehöre ihm und er würde mich gern mal an seine Freunde „ausleihen“. Das wäre sein Recht. Er hat mich geprägt und hat vorgezeichnet, wo ich mal landen werde.

    Prostitution ist die Ursache von Gewalt. Mein Stiefvater war sehr wahrscheinlich Frauenkäufer und damit Frauenhasser und hat an uns seinen Hass abgeladen und uns auf sexuelle Benutzung reduziert.

    Prostitution ist die Konsequenz von Gewalt. Denn all meine Freier haben profitiert davon, dass mein Stiefvater mich schon vorher gebrochen hat.

    Und Prostitution ist selbst auch Gewalt. Manchmal habe ich Freier von mir runterschubsen müssen, weil sie mich so an das erinnert haben, was mein Steifvater mit mir gemacht hat. Wenn das passiert ist, hab ich immer keine Luft mehr bekommen.

    Manchmal hab ich diese Erstickungsanfälle heute noch.
    Die ÄrztInnen sagen, da is nix.
    Aber ich als Frau weiss, wir sind umgeben und betroffen von so viel Gewalt, dass man da gar nicht hindurchatmen kann.

    // Huschke Mau, Mai 2019

    Warum ist Prostitution Gewalt? Eine Reflexion bzgl. des heutigen Internationalen Hurentages

    Frauen in der Prostitution sind erheblicher Gewalt ausgesetzt. Alle Frauen sind das, aber wir sind eine besondere Zielgruppe dafür. Ich möchte heute nicht von der Gewalt „drumherum“ reden, von den über 80 Morden an prostituierten Frauen in Deutschland seit 2002, von all den ungezählten und unangezeigten Vergewaltigungen, Übergriffen, Bedrohungen.

    Sondern heute möchte ich darüber sprechen, warum Prostitution an sich Gewalt ist.

    Prostitution ist Gewalt, weil das JA, das wir prostituierte Frauen zum sexuellen Akt geben, eigentlich nicht den sexuellen Akt betrifft. Es betrifft nur das Geld. Es ist ein „Ja“ zum Geld, das wir brauchen, es bleibt ein „Nein“ zum Sex. Der Sex an sich ist nicht gewollt. Wir nehmen ihn „in Kauf“ – daher kommt dieser Begriff auch, „etwas in Kauf nehmen“. Du kaufst etwas, ich will es nicht, muss es aber dulden.

    Wir reden in Deutschland seit Jahren über Konsens. Darüber, dass Sex ein enthusiastisches JA! Von beiden Seiten braucht. Darüber, dass ein „Ich mag eigentlich nicht, aber mach halt“, ein „Ja“ aus Angst, ein erpresstes „Ja“, ein „ich dulde es“ oder ein Zustand, in dem weder nein noch ja gesagt werden kann (z.B. durch Ohnmacht, Intoxikation, Betrunkensein) nicht ausreicht, um von einem gegebenen Konsens sprechen zu können. Die sexuellen „ehelichen Pflichten“, vormals im Gesetz verankert und mit dem Zusatz versehen, die Frau habe den Mann dabei gefälligst nicht merken zu lassen, dass sie ihn lediglich erduldet, wurde aus dem Gesetzbuch gestrichen. Wir sind der Meinung, dass keine Frau Sex erdulden muss, den sie eigentlich nicht möchte.

    Warum sollte das anders sein, nur weil ein Geldschein die Hände wechselt?

    Finden wir, dass es Frauen zumutbar ist, Sex zu erdulden, den sie eigentlich nicht möchten, ja oder nein? Das ist die Frage.

    Immer wieder kommt dann das „Argument“, Prostitution sei halt Sexarbeit, und wie bei jeder Arbeit käme es halt vor, dass man sie manchmal nicht gerne macht. Arbeit an sich sei ja schon Zwang. Ich stimme zu, dass Arbeit unter kapitalistischen Bedingungen Zwang ist, aber was bedeutet das dann für Prostitution, also für „Sexarbeit“? Das ist dann halt Sex unter Zwang. Und das sollen wir dann okay finden, nur weil andere Leute unter kapitalistischen Bedingungen zu anderen Dingen gezwungen sind, z.B., Arbeiten zu verrichten, die sie eigentlich ablehnen? Das ist kein Argument, zu sagen, Sex unter Zwang ist okay, weil, andere stehen zwangsweise an der Nähmaschine oder am Fliessband. Das eine Unrecht macht das andere nicht wett. Es ist dies ein reines Ablenkungsmanöver. Davon mal abgesehen lässt sich daran eben gut zeigen, dass Prostitution eben keine „SexARBEIT“ ist: denn Arbeit unter Zwang wäre Zangsarbeit, aber Sex unter Zwang kann niemals Zwangsarbeit sein, er ist immer sexueller Missbrauch, sexuelle Nötigung, Vergewaltigung.

    „Ja, aber wenn sie es doch freiwillig macht!“, kommt dann natürlich. Aber wozu ist es für die Frage, ob Prostitution an sich Gewalt ist, relevant, ob die Frau sich dieser Situation „freiwillig“ aussetzt? Entweder Prostitution ist Gewalt, oder sie ist keine Gewalt. Betrachten wir sie als Gewalt, ist es unerheblich, ob die Frau „freiwillig“ die Gewalt erduldet. Es ändert nicht unsere Definition von Gewalt, genauso, wie es nicht unsere Definition von partnerschaftlicher Gewalt ändern würde, wenn wir sehen, dass eine Frau „freiwillig“ bei ihrem schlagenden Partner bleibt. Die „Freiwilligkeit“ ist ein Strohmannargument, denn für die Definition von Gewalt ist nicht das individuelle Befinden der empfangenden Person als Massstab anzulegen, sondern eine  objektive Definition. Legen wir nämlich das Empfinden der betreffenden Person als Massstab an, hätten wir ein großes Problem, z.B. Kindesmissbrauch anzuklagen (der ja auch „sanft“ daherkommen kann, ohne zusätzliche Gewaltanwendung) oder partnerschaftliche Gewalt, die manche Frauen aufgrund ihrer Sozialisation als Stalking empfinden, oder Vergewaltigung, die manchmal erst später als Vergewaltigung erkannt wird (ich z.B. habe erst vor ein paar Jahren begriffen, dass ich auch von meinen Partnern vergewaltigt worden bin, weil das Drüberrutschen über mich als eine bewusstlose oder vor Angst eingeschüchterte oder sonstwie nicht reaktive Person für mich persönlich eh Alltag war, so dass ich den Gewaltcharakter gar nicht mehr bemerkt habe).  Was Gewalt ist, liegt also nicht im Empfinden der betreffenden Person, sondern ist objektiv definiert.

    Aber nehmen wir jetzt mal an, Prostitution wäre keine Gewalt. Nehmen wir an, sie wäre okay, sie könne freiwillig geschehen und man könnte klar trennen zwischen freiwilliger und erzwungener Prostitution, und nur die erzwungene Prostitution wäre schlecht. Dann müssen wir uns trotzdem fragen, was mit den Freiern ist. Denn ganz klar kann ein Freier nicht genau wissen, ob die Frau, mit der er da schläft, es freiwillig tut oder nicht. Er kann es deswegen nicht wissen, weil er ihr Geld dafür gibt, dass sie ja sagt. Und sie braucht ja dieses Geld. Also, das muss man konstatieren, hat er mit einer Person Sex, bei der er nicht genau wissen kann, ob sie das gerne tun möchte. ER kann nicht ausschliessen, dass er gerade eine Vergewaltigung begeht, denn ein sexueller Akt mit einer Person, die nicht möchte, ist ja Vergewaltigung, und es ist die Verantwortung einer jeden einen sexuellen Akt ausübenden Person, auszuschliessen, dass sie gerade eine Vergewaltigung begeht. Er aber nimmt dies in Kauf. Er ist ein Mensch, der nicht genau weiss, ob er gerade eine Vergewaltigung begeht, und der den sexuellen Akt trotzdem ausübt, weil ihm seine Befriedigung wichtiger als den Konsens der anderen Person festzustellen. Im Mindesten ist das grob fahrlässig. Wollen wir sowas? Wollen wir, dass es Sex gibt, bei dem der Mann nachher nicht genau wird sagen können, ob er vom Gegenpart gewollt war? Ist das nicht ein bisschen wenig? Ist das ein Vorbild? Und warum sagen wir, das sei okay, weil Geld dafür fliesst – wo es doch in allen anderen Bereichen NICHT ok wäre?

    Freiersein bedeutet, Gewalt auszuüben. Nicht nur gegenüber der Frau, die man gerade im Bett hat, sondern auch gegenüber anderen Frauen. Denn der größte Teil der Frauen in der Prostitution wird immer gezwungen werden müssen, es gibt nicht so viele „freiwillige“, und wer Freier ist, der macht, das Prostitution sich für Dritte lohnt, der macht das Geschäft von Zuhältern, Betreibern, Menschenhändlern einträglich, und der sorgt als zahlender Kunde dafür, dass andere sagen: „Schau mal, der zahlt, hier ist Nachfrage, lass also mal ein paar Frauen für das Angebot hinstellen.“ Es gibt keine Prostitution ohne Zwangsprostitution oder Menschenhandel, und selbst, wenn die eine Frau „freiwillig“ drin wäre, sorgen ihre Kunden dafür, dass Prostitution sich für Menschen lohnt, die andere dazu zwingen, sie auszuüben.

    Und meint eigentlich irgendjemand, ein Freier würde vergessen, dass er gerade über eine Frau drübergerutscht ist, von der er nicht wissen kann, ob sie wollte, oder bei der er sehen konnte, dass sie NICHT wollte, und er hat es trotzdem getan? Warum sollte diese erlernte Regel dann nicht auch für andere Frauen gelten? Warum sollte man sie nicht auch auf andere Frauen anwenden?

    Ja. Prostitution ist Gewalt. Und das Stigma sorgt dafür, dass wir nicht darüber sprechen. Weil wir uns schämen sollen.

    Aber es ist nicht das Stigma, das uns tötet, es sind die Freier, es ist die Prostitution.

    Prostitution tötet. Sie tötet jede Gleichberechtigung, sie tötet jeden Respekt, sie tötet das Konzept von Konsens, sie tötet Sex, den beide wollen und gut finden, und sie tötet uns.

    Prostitution tötet.

    Könnt ihr damit leben?

    Wir Frauen aus der Prostitution nicht, und zwar buchstäblich.

    80 tote Frauen in Deutschland seit 2002.

    Ich war ein paar Mal verdammt nah dran, eine von ihnen zu sein, durch eigene oder fremde Hand. Und ich vergesse das nicht, denn manchmal ist mir überhaupt nicht recht, überlebt zu haben und jeden Tag weiter überleben zu müssen.

    Huschke Mau, Juni 2019

    „Liebe“ Freier, die ihr mir, der Exprostituierten und Aktivistin, Mails und Nachrichten schreibt,

      sonst antworte ich euch nie, aber heute bekommt ihr von mir mal eine Sammelantwort, an euch alle.

      Ich weiss, bei euch wird nichts ankommen, weil euch irgendwas fehlt im Kopf. Aber ich stelle jetzt mal ein bisschen Öffentlichkeit her, weil ihr sonst weiterhin denkt, dass ihr es mit mir ja machen könnt – hintenrum, heimlich, ohne dass es je jemand erfährt.

      Heute möchte ich euch sagen: ihr nervt. Echt jetzt.

      Es nerven die von euch, die zuerst gar nicht sagen, dass sie Freier sind, und die alles in Frage stellen, die erwarten, dass man EXTRA FÜR SIE Infos rauskramt und ihnen hinterherträgt, und zwar JEDE Info. Die Mühe mache ich mir nicht, weil ich genau weiss, es geht euch nicht darum, dass ihr überzeugt werden wollt, dass das, was ihr tut – mit Frauen schlafen, die keinen Bock auf euch haben, und ihr wisst das – falsch ist oder dass das Nordische Modell das richtige ist. Darum geht es euch nicht. Ihr tut nur so. In Wirklichkeit wollt ihr nur Energie absaugen. Ihr werdet euch nie ändern, weder in eurem Denken noch in eurem Handeln, egal, wie oft ihr die Illusion vermittelt. Alles, was ihr wollt, ist uns Aktivistinnen von der Arbeit abzuhalten. Spart euch eure halbseidenen Vorwürfe und aus der Luft gegriffenen Anschuldigungen, mögen eure Provokationen euch im Halse stecken bleiben.  Ich beschäftige mich nicht mit euch. Ich überzeuge keine Freier. Wer Freier ist, ist scheisse, und wer so unbedingt scheisse sein will, dem kann man eh nicht helfen. Ich spare mir meine Energie für wichtige Dinge auf. Ihr seid nicht wichtig. Mir egal, ob ihr verstanden haben werdet, dass es falsch ist, was ihr tut: das Nordische Modell kommt, und ihr werdet zur Verantwortung gezogen werden für das, was ihr tut, ob ihr begriffen habt, warum, ist völlig latte. Ich überzeuge jedenfalls keine Gewalttäter, ich rede nicht mit Vergewaltigern, ich diskutiere nicht mit Missbrauchern. Schreibt mir einfach nicht mehr. Und heult nicht rum, wenn ich euch nicht antworte – ich schulde euch nichts.

      Es nerven die von euch,  die mir empörte Mails schreiben, dass sie finden, ich würde gemeinerweise alle Freier in einen Topf werfen, aber dann wiederum verstünden sie es ja, ich wäre so hochtraumatisiert, dass ich sicher all die netten Freier vergessen hätte, nur die Arschlöcher wären mir in Erinnerung geblieben, kann man ja auch verstehen. Aber ihr seid natürlich keine Arschlöcher, ihr seid nicht gewalttätig, nee, ihr bringt immer Blumen mit und Pralinen, und ihr redet mit den Frauen, die ihr „besucht“ (bevor ihr, nach Blumen- und Pralinenübergabe, über sie drüberrutscht, wohl wissend, dass sie euch ohne die Kohle mit dem Arsch nicht anschauen würden). Was wollt ihr von mir? Ich bin nicht euer Ablasshandel. Bei mir wird kein reines Gewissen verteilt. Ihr werdet von mir nie hören „es gibt ja auch nette Freier, und da ist es nicht so schlimm, nein, DU bist kein Arschloch“. Denn DOCH, DU BIST EIN ARSCHLOCH, es geht nicht darum, wie ihr seid, sondern was ihr tut, und es gibt auch nette Betrüger und nette Bankräuber und sogar nette Mörder, worüber also reden wir hier? Schreibt mir einfach nicht mehr. Und heult nicht rum, wenn ich euch nicht antworte – ich schulde euch nichts.

      Es nerven die von euch, die mir ewig lange, hochgradig weinerliche Mails schreiben, in denen sie sich in ihrer Schuld suhlen, ohne es ernstzumeinen. Ja, ihr „wart“ mal Freier, ich habe es begriffen. Ja, „jetzt“ findet ihr das ganz schlimm, ich habe es begriffen. Ja, ihr habt euch in eine Frau aus dem Laufhaus, in das ihr immer geht, „verliebt“ und plötzlich fällt euch ein, dass Freier scheisse sind und dass dieser „Job“ der letzte Dreck ist und jetzt wollt ihr sie „retten“, weil Freier so schlimm sind. Fällt euch ja früh auf. Manche von euch schreiben mir, weil sie entdeckt haben, dass ihre Freundin anschaffen geht. Ich habe euch nichts zu sagen ausser: mir ist völlig unklar, wieso ihr erst dann versteht, dass prostituierte Frauen Menschen sind, mit denen man nicht so umgehen darf, wenn ihr diese Frau für EUCH ALLEIN haben wollt. Denn genau darum geht es. Ihr habt NICHTS begriffen. Es geht nicht um ihren Schmerz. Es geht, mal wieder, nur um EUCH: EUCH tut es weh. Ihr seid eifersüchtig, in eurer „Ehre“ verletzt, in eurem Besitzdenken angegriffen. Schwallt mich doch nicht voll, ey! Was wollt ihr? Einen Orden dafür, dass ihr entdeckt habt, dass Frauen Menschen sind? Schreibt mir einfach nicht mehr. Und heult nicht rum, wenn ich euch nicht antworte – ich schulde euch nichts.

      Es nerven die von euch, die sich anschleichen und auf verständnisvoll tun. Ich kenne euch gut. Ihr seid einsam. Ihr schafft es „da draussen“ nicht, eine Frau kennenzulernen. (Und alle Frauen, die sich weigern, euch kennenzulernen, werden ihre guten Gründe dafür haben.) Und jetzt denkt ihr euch, ey, die Exnutte da, das beschädigte Gut, die nimmt doch eh keiner mehr, und dann ist die bestimmt auch voll kaputt, und Grenzen ziehen kann die sicher eh nicht mehr, und wenn man der bissl Aufmerksamkeit gibt und was lieb ist, ist die bestimmt voll dankbar. Surprise, surprise: bin ich nicht. Ich bin nicht beschädigt. Ich bin nicht kaputt. Ich bin nicht unfähig, Grenzen zu ziehen. Ich bin nicht wertlos. Und wenn ich eins hinkriege, dann hinhören, wenn mein Radar meldet: „mit dem stimmt was nicht“. Spart euch eure pseudoverständnisvollen, schleimscheisserischen Nachrichten. Ich weiss was ihr wollt. Ihr wollt hier niemanden supporten. Ihr wollt Kontakt. Ihr seid einsam. Ihr denkt, ich und meine Kolleginnen von #NetzwerkElla wären ein gutes Ziel und leichte Beute. Ihr denkt, mit uns könnt ihr euch eure eigene kleine Privatnutte heranzüchten und euch dann noch groß fühlen, als Retter. Ich habe euch noch nie geantwortet und werde es auch nie. Schreibt mir einfach nicht mehr. Und heult nicht rum, wenn ich euch nicht antworte – ich schulde euch nichts.

      All eure PNs und Mails sind verlorene Liebesmüh. Ihr könnt mir seitenweise schreiben, rumjammern, schimpfen, mich bedrohen, mich vollschleimen, sonstwas. Es interessiert mich nicht – Ablage P!

      Go fuck yourself!

      Es war, als würde diese Gesellschaft zu mir sagen: „Prostitution ist nicht das Problem, damit ist alles cool. Du bist das Problem.“

      Dankesrede anlässlich der Verleihung des Nikolaus-Einkraft-Preises im rheinland-pfälzischen Landtag.

      Vielen Dank für die nette Laudatio und auch für den Preis.

      Mein Name ist Huschke Mau, ich war, mit Pause, 10 Jahre in der Prostitution. Wie bei so vielen Frauen und Mädchen war ich sexuell traumatisiert, in einer ökonomischen Notlage und hatte einen Mann, der mich in die Prostitution eingeführt hat. Bei mir war dieser Mann ein deutscher Polizist – mein erster Zuhälter. Ich war in Wohnungsbordellen und im Escort.

      Mein Ausstieg hatte lange gedauert, mehrere Jahre. Als ich mich an eine Fachberatungsstelle gewandt und um Hilfe beim Ausstieg gebeten habe, hat man mir gesagt: „Der Job ist nicht das Problem, das ist ein Beruf wie jeder andere. Aber wenn SIE das nicht mehr machen wollen, gehen Sie doch einfach nicht mehr ins Bordell und fertig.“ Ich habe nie wieder nach Hilfe gefragt.
      Ich habe lange nicht gesprochen über das, was ich in der Prostitution erlebt habe. Wenn ich die Wohnung verlassen habe, habe ich auf plakatwandgroße Puffwerbung geblickt. Wenn ich ein Taxi bestellt habe, musste ich dazusagen, dass ich eins ohne Bordellwerbung möchte. Wenn ich Zeitung gelesen habe, wurde von „Sexarbeit“ gesprochen. Es war, als würde diese Gesellschaft zu mir sagen: „Prostitution ist nicht das Problem, damit ist alles cool. Du bist das Problem.“ Durch die permanente Konfrontation damit, was man mit mir und anderen Frauen und Mädchen machen kann, habe ich lange geschwiegen.

      2014 ist mir dann der Kragen geplatzt, als ich ein Interview mit einer Bordellbetreiberin gelesen habe, die beschrieb, das einzige, was an Prostitution traumatisierend sei, sei das Stigma. Mit den Freiern sei alles friedlich und okay.

      Daraufhin habe ich meinen ersten Text geschrieben, er hiess „Ich hab die Schnauze voll von euch ProstitutionsbefürworterInnen“. Schon nach 3 Tagen war er in andere Sprachen übersetzt worden. Seitdem habe ich immer weitergeschrieben, ich habe auf Vorträgen und Podien gesprochen und aufgeklärt. Aufgeklärt darüber, was in der Prostitution wirklich passiert. Darüber, dass Prostitution immer Gewalt ist, weil Konsens nicht erkauft werden kann. Darüber, dass die Legalisierung nur Bordellbetreibern und Zuhältern nützt, aber nicht uns von der Prostitution betroffenen Frauen. Darüber, dass wir Prostituierten keine Ausstiegshilfen bekommen, sondern nur Bussgelder. Darüber, dass sich nichts am System ändert, denn selbst wenn eine von uns den Ausstieg schafft, wird sofort die nächste rangeholt, den Prostitution ist ein Geschäft, das sich lohnt – für Bordelbetreiber und Zuhälter. Für uns Betroffene lohnt es sich nicht, wir bleiben mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung zurück.

      Wir brauchen nicht nur den Ausstieg der Frauen aus der Prostitution. Wir brauchen den Ausstieg der ganzen Gesellschaft aus der Prostitution! Und das geht nur, indem wir anerkennen, dass Prostitution sexuelle Gewalt ist und die Täter bestrafen.

      Im Januar 2018 habe ich das Netzwerk Ella gegründet. Wir sind ein Zusammenschluss von Frauen, die in der Prostitution waren oder noch sind. Wir sind uns einig, dass wir darin Gewalt erlebten und noch erlebten und wir fordern das Nordische Modell. Wir fordern, dass die Gesellschaft hinschaut, wenn es darum geht, was Freier mit prostituierten Frauen machen und dass sie in die Verantwortung genommen werden. Aber die Gesellschaft schaut noch viel zu wenig hin.

      Neulich war ich in München auf einer vom Kofra ausgerichteten Konferenz. Zwei Frauen vom Netzwerk Ella, Marlen und Sophie, waren mit mir da. Als Sophie berichtete, sie sei mit 14 durch einen älteren Mann zur Prostitution angeleitet worden, wurde sie von einer Frau aus dem Publikum gefragt, was mit den 14-jährigen Mädchen denn bitte nicht stimme, dass sie sich so einfach anquatschen und prostituieren liessen. Ich habe mich darüber sehr aufgeregt. Es ist nicht die Frage, was mit den Mädchen nicht stimmt – es ist die Frage, was mit den Männern nicht stimmt, dass sie 14-jährige Mädchen ansprechen, missbrauchen und in die Prostitution bringen, sie dort kaufen und verkaufen. Aber die Männer werden nicht beschämt, es sind immer noch wir von der Prostitution betroffenen, die beschämt werden.

      Ich spreche jetzt seit 4 Jahren mit Medien, PolitikerInnen, Behörden und vielen, vielen Menschen über Prostitution. Mein Ziel ist es, ein Problembewusstsein zu schaffen, denn Prostitution findet nicht irgendwo statt, sondern mitten unter uns, und der einzige Weg, damit umzugehen, ist meiner Meinung nach, das Nordische Modell einzuführen, bzw. das Abolitionistische Modell.

      Wir Abolitionistinnen von heute sind nicht die ersten, die auf die Idee gekommen sind, dass Prostitution frauenverachtend ist und dass es eine Doppelmoral ist, die Frauen zu beschämen, zu überwachen und zu bestrafen, und die Freier davonkommen zu lassen.
      Wir sind auch nicht die ersten, die begriffen haben, dass gegen Prostitution vorzugehen nicht heissen darf, gegen Prostituierte vorzugehen.
      Frauen in der Prostitution haben oft keine Wahl. Wir brauchen andere Optionen, Alternativen. Freier hingegen haben die Wahl. Niemand, keine Notlage, zwingt sie, uns zu kaufen und zu missbrauchen. Diesen Wechsel der Blickrichtung braucht es.

      Als Brunhilde Schierl von der Einkraftstiftung zu mir Kontakt aufgenommen hat, hat mich das sehr gefreut. Auf einem langen Spaziergang haben wir uns kennengelernt, sie hat mir von der Einkraftstiftung erzählt und ich ihr vom Netzwerk Ella. Dabei ist deutlich geworden, dass wir beide gegen sexuelle Gewalt an Frauen kämpfen, und dass wir beide dies mit der Würde des Menschen begründen.

      Mit diesem Preis wird anerkannt, dass es für uns Frauen aus der Prostitution, und als solche definiere ich mich noch immer, auch wenn ich mittlerweile Doktorandin bin, schwer ist, über unser Trauma zu sprechen. Dass es uns was kostet – Schlaf, Seelenfrieden, Kraft, Energie, ein Leben ohne Angst.
      Ich hätte nie sprechen können, wenn hinter mir nicht so viele Wesen stünden, die mir Kraft geben. Die Tatsache, dass es schon im Kaiserreich Abolitionistinnen gab, gibt mir Kraft. Die Tatsache, dass ich die beste Katze der Welt habe, gibt mir Kraft. Die Tatsache, dass es Frauen gibt, die solidarisch mit mir und mit uns sind, gibt mir Kraft. Und auch diese Anerkennung heute gibt mir Kraft. Dafür möchte ich mich recht herzlich bei Frau Schierl bedanken und auch bei den Organisatorinnen dieser Verleihung.

      Ich war eine der ersten Aussteigerinnen, die gesprochen haben. Mit dem Netzwerk Ella werden noch viele folgen. So lange, bis man uns nicht mehr ignorieren kann.
      Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

      One Billion Rising 2019 – Sprengt die Ketten!

        Gestern, am 14. Februar, habe ich als Prostitutionsaussteigerin bei One Billion Rising München sprechen dürfen. Das hat mich sehr gefreut, denn wenn es gegen Gewalt gegen Frauen geht, wird die Prostitution oft nicht erwähnt. Im Gegenteil, in Deutschland wird sie oft noch immer als “körperliche Liebe” oder “sexuelle Dienstleistung” bezeichnet. Dabei ist Prostitution das Gegenteil sexueller Selbstbestimmung: der eine Part will Sex, der andere nicht – Geld soll das regeln.
        Die Zustimmung der prostituierten Frau erfolgt zum Geld, nicht zum Sex. Der Sex bleibt ungewollt. Und ungewollter Sex ist Missbrauch, Vergewaltigung.
        KONSENS KANN NICHT ERKAUFT WERDEN.

        Prostitution ENTSTEHT aus Gewalt, denkt doch an all die Frauen, die in der Prostitution sind, und die als Kind missbraucht worden oder später vergewaltigt oder zur Prostitution gezwungen worden sind.
        Prostitution IST Gewalt, denn ein NEIN kann nicht wegbezahlt werden.
        Prostitution FÜHRT ZU Gewalt, über 80 Morde an prostiuierten Frauen seit 2002 allein in Deutschland.

        Aber Prostitution schadet nicht nur UNS prostituierten Frauen, die wir Traumata davontragen, sie schadet auch EUCH nichtprostituierten Frauen, die ihr das Frauenbild, das eure Brüder, Väter, Partner und Kollegen aus den Bordellen mitnehmen, ausbaden müsst (immerhin 1,2 Millionen Männer gehen pro Tag in Deutschland ins Bordell) und sie schadet DER GESELLSCHAFT, denn es gibt keine Freiheit, wo ein Geschlecht das andere kaufen kann. Deswegen geht Prostitution auch alle an!

        Prostitution ist sexistisch, rassistisch und klassistisch, und die Frage steht im Raum, wozu wir denn bitte eine sexistische, rassistische und klassistische Institution brauchen. So eine Institution gehört ABGESCHAFFT!

        Wir prostituierten Frauen fordern das gesetzlich verbriefte RECHT auf Ausstieg (9 von 10 wollen sofort aussteigen, aber sie können nicht), wir fordern das RECHT, überleben zu können, ohne uns zu prostituieren und das RECHT auf ein Leben ohne Gewalt!

        Ich fordere euch alle auf, seid solidarisch, informiert euch, schaut hin! Kommerzialisierter sexueller Missbrauch darf nicht länger als Arbeit definiert werden!

        Es geht für Prostituierte, aber gegen Prostitution!

        Keine Frau soll Gewalt aushalten müssen, und kein Mann soll Gewalt ausüben dürfen, AUCH NICHT, WENN ER DAFÜR BEZAHLT!

        Sprengt die Ketten!

        (c) Huschke Mau

        Der Gentleman der Woche: Kolumnist Kai Klankert von der Saarbrücker Zeitung

          Dieser Artikel erschien zuerst bei den Störenfriedas

           

          Sorry, dass ich erst jetzt schreibe, Kai, obwohl der Shitstorm gegen Dich ja schon gestern Abend stattgefunden hat. Aber ich konnte mich echt nicht entscheiden, welche Überschrift ich wählen soll: „Hi Kai“ (ahahaha) oder „Kolumnist Kai Klankert kriegt Kloppe“ (jaaaaa, schlechte Alliterationen kann ich auch!!!).

          Naja, egal, zum Thema. Du bist stellvertretender Leiter des Ressorts Sport bei der Saarbrückener Zeitung und hast in Deiner Kolumne der deutschen Nationalmannschaft empfohlen, es doch mal wie die Mexikaner zu machen: „Eine kleine Sex-Party wäre hilfreich“. Du begründest das wie folgt: „Joachim Löw könnte gerne auch noch kreativer werden. Eine kleine Sex-Party mit 30 Escort-Damen hat auch der mexikanischen Mannschaft nicht geschadet, wie wir eindrucksvoll feststellen mussten. Die Mexikaner waren befreit von jedem Druck, spritzig. Da müssen wir hinkommen. Und zwar schnell. Einen Fehlschuss gegen Schweden können wir uns nicht mehr erlauben.“

          Dazu kann ich als ehemals prostituierte Frau Dir Folgendes sagen:

          Erstens, mach Dir keine Sorgen, Kai. Das sind Fussballer. Die gehen sowieso in den Puff, denn sie gehören zu einer der größten Freiergruppe, die es gibt. Aber sie gehen erst nach dem Spiel – Du als Sportheini müsstest das wissen.

          Zweitens, Du kommst doch aus Saarbrücken. Ihr seid doch DER Hotspot für Prostitution an der Grenze. Du lebst also mittendrin und weisst trotzdem noch nicht, das Prostitution Gewalt und frauenverachtend ist? Ach so, ich vergaß – eure Fussballvereine iim Saarland sind ja eh bissl durch – wie der SV Oberwürzbach, der sich vom Management einer Pornodarstellerin sponsorn lässt. Dieses Management hat mit dieser Frau unter anderem Filme gedreht die so nette Titel tragen wie „Inzest – Papa Dein Schwanz ist zu groß!“ Ich will jetzt nicht gemein sein, Kai, aber ich glaube, ihr in Saarbrücken habt zu oft einen Ball an den Kopf gekriegt.

          Außerdem, das mit dem Fehlschuss gegen Schweden, den “wir” uns nicht mehr leisten können – in Schweden ist Prostitution als Gewalt gegen Frauen anerkannt, Freier werden bestraft dafür, dass sie gegen Geld eine Frau missbrauchen. Dort fliegen Typen, die in den Puff gehen, aus den Fussballmannschaften raus – zu Recht. Mit denen will dort nämlich keiner spielen.

          Fair play geht echt anders. Fair play sollte nicht nur unter Männern stattfinden, fair play gilt auch gegenüber Frauen. Aber wenn man sich Deine Facebookseite so anschaut, wundert man sich nicht mehr: Du likest vor allem Frauenfussballseiten und –spielerinnen und bist in einer Gruppe, die „Trainer unter sich“ heisst. Das hat schon bissl was von Creep, weisst Du das?

          Egal. Ich will nicht nur gemein sein und auf Dir rumhacken. Deswegen, zwei Dinge.

          Erstens ein Lob dafür, dass Du Dir so Gedanken darum machst, wie man der schlandschen Mannschaft zum Sieg verhelfen könnte. Da alle Mittel Recht sind, würde ich vorschlagen, Du machst den Anfang und hältst, bis die 30 Escortdamen bei der deutschen Mannschaft angekommen sind, selber den Arsch hin. Dein Arsch ist nicht schlechter als unsere Ärsche, also nur Mut, Kai! Wir müssen schliesslich alle Opfer bringen, nicht nur die prostituierten Frauen, die Du hier als Mittel zum Zweck der Leistungssteigerung zur Benutzung freigegeben sehen willst – geh mit gutem Beispiel voran!

          Und zweitens, soviel Einsatz muss belohnt werden: Deswegen nominiere ich Dich hiermit zum „GENTLEMAN DER WOCHE“.

          Aber, das muss dazugesagt werden, dieser Titel gehört verteidigt. Ein weiterer Anwärter auf ihn ist die Redaktion der Saarbrücker Zeitung. Ich schätze, ihr müsst euch den Titel teilen.

          Denn nachdem sich gestern Abend sehr viele Frauen auf eurer Facebookseite darüber beschwert haben, wie frauenverachtend sie euren Scheissvorschlag finden, und nachdem auch prostituierte Frauen wie z.B. von der Aktivistinnengruppe für Frauen aus der Prostitution “Netzwerk Ella” klargemacht haben, dass sie sich verletzt fühlen davon, dass der bezahlte Missbrauch, den sie durchlebt haben, hier zum Witz verkommt, hatte die Redaktion nichts anderes zu tun, als ihre gesamte LeserInnenschaft für ein bisschen begriffsstutzig zu erklären:

          Ach soooo! Ein Wihitz! Ja, es war nachher immer ein Witz, nicht so gemeint, falsch verstanden oder Satire, ne? Dazu möchte ich folgendes sagen: „Was darf Satire? Alles.“ Das stammt von Tucholsky. (Den kennt ihr nich, ich weiß.) Und jetzt freut ihr euch deppich, ne? Zumindest bis ich euch sage, dass euer Scheisstext gar keine Satire war. Er erfüllt nämlich die Kriterien für diese Textart gar nicht. Das ist nicht nur ganz schlechter Stil, zu behaupten, die LeserInnenschaft sei einfach nur zu blöde, eine Satire zu kapieren, sondern es zeigt auch, dass ihr euer journalistisches Handwerk nicht versteht – aber wer solche Altherrenwitzschmierlappen für Kolumnisten hält, der weiß halt auch nicht, was eine Satire ist, ne?

          Deswegen nochmal für euch: Satire tritt nie nach unten, sie tritt immer nach oben. Das, was ihr hier gemacht habt, war, euch in süffisanter Sprache über die sexuelle Benutzung von Frauen lustig zu machen, nicht aber über die Typen, die diesen Missbrauch ausüben. Das war keine Satire. Das war ein Schenkelkopfer unter Männern, unter Tätern, das war ein rape joke. Und die sind nicht witzig.

          Naja, nun müsst ihr euch diesen „Gentleman der Woche“-Award leider teilen.

          Aber seht es sportlich, auch ein halber Titel ist ein Titel.

          Und während Kai hoffentlich unter vollem Einsatz jetzt seinen eigenen Arsch hinhält, damit die deutsche Mannschaft ihre Laune und Leistung steigern kann, spendet ihr, liebe Saarbrücker Zeitung, das Gehalt, das Kai für diese Schrottkolumne bekommen hätte, vielleicht besser an die, über die ihr euch so herrlich „spritzig“ (ahahaha! AHAHAHAHA) lustig gemacht habt, nämlich an traumatisierte prostituierte Frauen. Hier geht’s zu den Spendendaten für das Netzwerk Ella.

          Bussi und Sport frei, ich wette, wir lesen uns! ?

          Eure Huschke

           

          Wiedereinstiegsgedankenkreisel

            Jede exprostituierte Frau, die ich kenne, hat sie irgendwann: die Gedanken, wieder in die Prostitution einzusteigen.

            Aber warum?

            Jedes Mal, wenn ich öffentlich über Prostitution spreche, oder überhaupt über Prostitution spreche, erst recht, wenn ich mit Frauen rede, die noch aktiv sind, triggert es mich unglaublich, und ich bekomme schrägerweise das Bedürfnis, wieder anschaffen zu gehen.

            Ich kann es mir nur so erklären, dass anschaffen gehen eben Teil meiner Konditionierung ist, mich selbst zu verletzen, und dass ich eben über diesen Selbstverletzungsteil noch nicht hinweg bin.
            Ist wie wenn man mit dem Rauchen aufhört… Und sich plötzlich so unbekannt gesund und voller Energie fühlt. Das Bedürfnis bekommt, das wieder kaputtzumachen, eine ganze Schachtel am Stück zu rauchen, um nicht mehr so heil zu sein, weil man das heil sein nicht aushält.

            Es ist seltsam, in diesem Moment vergesse ich vollkommen all die negativen Seiten der Prostitution. Ich denke nur daran, dass es mir so bekannt ist… Wohingegen ich mich in dem Leben, das ich jetzt führe, ja fremd fühle, ich passe nicht zu den Menschen, nicht zu den Lebensentwürfen, ich bin Außenseiterin, habe nie dazugehört und werde nie dazugehören.

            Prostitution hingegen, das ist das, was ich kenne.
            Und kann. Die zwischenmenschlichen Sachen sind klar geregelt, es ist nicht so wie jetzt, immer dieses unsichere Vortasten, Erfühlen, Ausprobieren, anstrengendes SotunalsseimanwiedieAnderen. Dieser ewige Kampf mit den Selbstzweifeln und damit, ob die eigene Wahrnehmung stimmt. Ja, sie stimmt, immer, aber man hat in der Prostitution so sehr gelernt, dass es egal ist, was einem das Bauchgefühl sagt, weil man es eh übergehen muss. Alle inneren Widerstände müssen abgeschaltet sein, ignoriert werden, sonst kann man sich nicht prostituieren. Man muss den eigenen Willen überhören.

            Prostitution macht einsam. Einsamkeit macht Prostitution. Denn wer kein soziales Netz hat, wer durch sexuellen Missbrauch gelernt hat, dass Nähe gleich Sex ist, für den sind dann Freier der einzige soziale Kontakt, der verbleibt. Und damit die ständige Konfrontation mit Täterdenke, das Ganznahsein an Tätern, und sonst Isolation. Das verdreht einem die Denke und das Fühlen.

            Und in die „richtige“ Welt traut man sich dann vielleicht nicht mehr, weil man sich wie ein Alien fühlt.

            Die Ent-menschlichung, die man erlebt, Zimmerstunde um Zimmerstunde, Hausbesuch um Hausbesuch, hinterlässt Spuren. Irgendwann sieht man vielleicht noch aus wie ein Mensch, aber man fühlt sich nicht mehr so. Und man weiß, das geht nie wieder weg, es bleibt tief in einem eingeschrieben, behandelt worden zu sein wie ein Ding.

            Dafür herrschen in der Prostitution klare Regeln. Regeln geben Halt. Zwar Scheiße, aber Scheiße die man kennt. Eine Art vermüllte, kaputte Heimat.

            Leute, die im Plattenbaughetto aufgewachsen sind und es dann da rausgeschafft haben, wissen, was ich meine. Man kommt Jahre später zurück, schaut sich das alles an, den Dreck, die Aussichtslosigkeit, das Grau, das Unglücklichsein. Und wird sentimental.

            „Wiedereinstiegsgedankenkreisel“ weiterlesen

            Der Betroffenen-Bullshitter – Rote Flaggen, die zeigen, dass du als von Prostitution Betroffene die Diskussion abbrechen kannst (und solltest)

              Dieser Text ist zuerst in der Kritischen Perspektive erschienen.

              Es gibt eine ganz bestimmte Art von Menschen (meistens Männer), die mir in Diskussionen über Prostitution immer wieder begegnen, und deren Verhalten ich in diesem Text mal beschreiben will. Diese Menschen betreiben das, was ich „Betroffenen-Bullshitting“ nenne: Betroffene der Prostitution so lange zuzudiskutieren, bis einer heult. Und WER heult am Ende, ist von vornherein klar. Leider habe ich selbst viel zu oft erst mitten in der Diskussion gemerkt, an wen ich geraten bin bzw. dass etwas nicht stimmt. Da war das Kind dann meistens schon in den Brunnen gefallen und ich hatte mir meine Verletzung schon abgeholt. Da ich das schon öfter gesehen habe, dass diese Typen auf (ehemals) prostituierte Frauen anspringen – welche Muster da ineinandergreifen, das wäre mal einen eigenen Text wert, Stichwort: „toxische Personen / Narzissten treffen auf traumatisierte Frauen“ –, habe ich hier mal ein paar rote Flaggen gesammelt, die definitiv ein Anzeichen dafür sind, dass Du als (ehemals) prostituierte Frau die Diskussion verlassen kannst und solltest.

              Die erste und einzige Regel lautet: Diskussionen mit einem Betroffenen-Bullshitter bringen nie was. Nie. Diese Diskussionen fangen an, damit, dass:

              • Dein Gegenüber sich am Thema interessiert zeigt und mit Dir darüber reden möchte
              • Du vielleicht sogar leicht die Vermutung hast, diese Person könnte auf deiner Seite sein
              • Du die Person als offen und zugewandt erlebst
              • Die Person zugibt, keine Ahnung von Prostitution zu haben.

              Lass dich davon nicht einlullen. Das ist eine falsche Spur, auf der du noch immer stehen und dich fragen wirst, was schiefgelaufen ist, während dein Gegenüber in der Diskussion schon lange falsch abgebogen ist.

              Rote Flaggen, die dich darauf hinweisen, dass du die Diskussion beenden kannst und solltest, um heil rauszukommen, sind:

              „Der Betroffenen-Bullshitter – Rote Flaggen, die zeigen, dass du als von Prostitution Betroffene die Diskussion abbrechen kannst (und solltest)“ weiterlesen