Ist Prostitution in kleinen Wohnungsbordellen sicherer als in Megapuffs?

    Auch ich habe mich anfangs in Wohnungsbordellen prostituiert, und in der NZZ wird gerade beschrieben, dass sich in Zürich ein Streit um diese kleinen Wohnungsbordelle entzündet hat. Wohnungsbordelle sind ganz normale Wohnungen in Mietshäusern, nur, dass dort eben 2 oder mehr Frauen sich prostituieren. Es könnte die Wohnung neben euch sein.
    Die Frauenberatungsstelle FIZ in Zürich plädiert dafür, diese Wohnungsbordelle in Wohngegenden zuzulassen. Der Gemeinderat äusserte, „Prostituierte seien in sexgewerblichen Kleinstsalons besser vor Zwangsprostitution und Ausbeutung geschützt und könnten so in der Regel wirtschaftlich unabhängig und selbstverantwortlich arbeiten.“.

    Ist das so?

    Zunächst: Ja, es gibt sie, kleine Minisalons, in denen nur 2 Frauen der Prostitution nachgehen. Ob sie ihr Geld ihrem „Freund“ abgeben, mag unterschiedlich sein. Vielleicht gibt es als Megaausnahme wirklich die paar Fälle, in denen diese zwei Frauen ohne Einfluss Dritter arbeiten und sich die Miete teilen. Bzw. die eine Frau mietet die Wohnung und nimmt Tagesmiete von der anderen (oder, wie es üblich ist, 50% derer Einnahmen). Damit profitiert schon eine Person von der Prostitution der Anderen. Etwas, das wir abschaffen wollen, denn niemand, kein Zuhälter, kein Bordellbetreiber, kein „Vermieter“ soll davon etwas haben, dass andere anschaffen gehen.

    In den meisten Wohnungsbordellen ist eine gleichberechtigte (unter Prostituierten!) Vorgehensweise also schonmal nicht möglich. Auch ich habe in 2 Wohnungsbordellen angeschafft (bevor ich zu Haus- und Hotelbesuchen gewechselt bin), nur waren da die „VermieterInnen“ eher ZuhälterInnen. Dass eine Wohnung davor schützt, ausgebeutet, zwangsprostituiert oder gehandelt zu werden, stimmt nicht. Im 2. Wohnungsbordell habe ich unter einem Typen gearbeitet, der mit seinen damals Anfang 30 Jahren schon 10 (!) Jahre Knasterfahrung hinter sich hatte. Und das garantiert nicht wegen Schwarzfahren, sondern wegen schwerer Körperverletzung, räuberischer Erpressung, Waffen-, Drogenhandel, you name it. Eine Wohnung KANN eine Sicherheit sein. Sie KANN aber auch zur Falle werden. Denn in so einer kleinen Wohnung ist der, der sie „vermietet“, schnell auch ein Tyrann, ganz genau so, wie in anderen Bereichen der Prostitution (Megabordell, Laufhaus, Strich…). Da gibt es dann schnell mal „sich frisch machen für den Chef“, Strafgelder bei Zuspätkommen, abgelehnten Freiern, nichtaufgeräumten Zimmern. Schnell mal Druck und Erpressung und auch Gewalt.

    Viele der aus Rumänien und Bulgarien hergehandelten Frauen landen ebenfalls in diesen kleinen Wohnungsbordellen. Manche von ihnen dürfen es nicht verlassen und wissen gar nicht, in welcher Stadt sie gerade sind.

    In einem Wohnungsbordell ist man also nicht per se vor Menschenhandel und Zwangsprostitution und Fremdbestimmung geschützt. Das ist ein Mythos.
    Ebenso sind Wohnungsbordelle nicht sicherer, was Freiergewalt angeht. Ja, wir hören es immer wieder, das Märchen davon, dass das Nordische Modell so gefährlich wäre, weil es dort nicht mehr erlaubt ist, dass 2 Frauen sich zusammentun und zusammen in einer Wohnung anschaffen. Aber Fakt ist: Vergewaltigungen, Verprügeln, Mord, all das findet in der Prostitution statt, und zwar überall. Im Megapuff mit Sicherheitsdienst. Im FKK-Club oder davor, auf der Strasse. Im Escort in einem Hotelzimmer (nebenan Menschen in Rufweite). Auf dem Strassenstrich, obwohl sich die Kolleginnen die Autonummer des Freiers notiert haben. Und in Wohnungen. Dort finden, wertet man die Morde aus Deutschland aus, die an prostituierten Frauen begangen worden sind seit 2002 (über 80 Morde sind das), sogar die meisten für die prostituierten Frauen tödlich endenden Übergriffe statt.

    Das einzige, was ich am Wohnungsbordell gut fand (gut in dem Sinne, dass, wenn ich mich schon prostituieren muss, ich doch gerne bestimmte Bedingungen hätte): es ist nicht so ein elendes Schaulaufen wie in FKK-Clubs, Megapuffs oder am Strich. Man sitzt nicht stundenlang halbnackt auf einem Hocker vor seinem Zimmer, während endlose Schlangen von Typen an einem vorübergehen, einen mustern, kommentieren, auch mal anfassen, mit einem verhandeln. Man muss nicht den ganzen Tag im FKK-Club mit anderen halbnackten Mädchen konkurrieren und sich Frischfleischbeschauen lassen und anbiedern. Jeder Mensch hat ein Schamgefühl, auch wir Frauen in der Prostitution. Ja, es wirkt in den Wohnungen privater. (Was nicht bedeutet, dass nicht eine dritte Person das Ganze steuert.) Was ein Vorteil sein kann. Oder ein Nachteil, was die Sicherheit angeht.

    Einen Nachteil haben die Wohnungen natürlich auch, was die NachbarInnen angeht. Ich erinnere mich, dass die ganz schön zu leiden hatten. Da klingelte öfter mal ein Freier an der falschen Tür oder trieb sich im Treppenhaus rum.
    Was ist mein Fazit? Ich weiss es nicht genau. Wohnungsbordelle sind sicher angenehmer als Megapuffs. Sicherer sind sie nicht.

    Prostitution ist IMMER gefährlich, egal, wo sie stattfindet. Dass ständig über eine SICHERE UMGEBUNG diskutiert wird, lenkt ja eigentlich davon ab, vor WEM sich Prostituierte eigentlich schützen müssen. Denn es ist ja nicht die Umgebung, die uns angreift, vergewaltigt, ermordet. Es sind die Zuhälter – und, wenn wir die nicht haben, die Freier.
    Es geht um die Freier. Freier sind gefährlich. 80 Morde an Prostituierten in Deutschland seit 2002. Unzählige Mordversuche. Ungezählte Vergewaltigungen, Schläge, Übergriffe.

    Es geht nicht um die Frage, ob wir Wohnungsbordelle brauchen, es geht um die Frage, wie Prostituierte vor Extragewalt (zusätzlich zum prostitutiven Akt) geschützt werden können, und da müssen wir klar benennen, wer diese ausübt: die Freier!

    Hier anbei der Link zum Artikel in der NZZ: klick mich.

    Prostitution und Grenzüberschreitungen

      Mir als Frau aus der Prostitution geht oft gegen den Strich, wie Prostitution in den Medien verharmlost wird. Man könnte meinen, es sei ein Lifestyle wie jeder andere. Vice Österreich hat mal wieder einen älteren Artikel rausgekramt, in dem es um „Sexarbeiter“ geht – ja, nicht gegendert, denn es sind „Männer und Frauen in der Sexindustrie ihre Körper anbieten“. Ist ja gleich der erste Punkt. Denn ja, das stimmt. Aber hier wird so getan, als wäre das 50-50 – was nicht stimmt. Prostitution, Strippen usw. ist hart gegendert, 9 von 10 Prostituierten sind weiblich – und die männlichen Prostituierten bedienen zumeist auch die männliche Nachfrage. Es gibt keinen Grund, so zu tun, als gäbe es genauso viele Frauen wie Männer in der Prostitution, und als würden genauso viele Männer wie Frauen Sex kaufen. Das ist nicht der Fall. Warum? Weil Prostitution (auch Strippen, Porno etc.) Ausdruck und Stütze patriarchaler Verhältnisse ist.

      In dem Artikel sprechen u.a. eine Escortfrau und eine Prostituierte.

      Die Frau aus dem Escort weist zunächst darauf hin, dass sie immer wieder Freier hat, die es mit der Hygiene nicht so genau nehmen. Da ist natürlich die Frage, woher kommt das? Meiner Meinung nach ist auch das Ausdruck eines ungleichen Geschlechterverhältnisses. Von Frauen wird erwartet, sich immer hübsch zu machen: schminken, Intimbereich rasieren, Beine enthaaren, Achseln ebenso, Fitnessstudio, Cellulitecremes, Faltencremes, gefärbte und gestylte Haare, regelmässige Kosmetikerinnenbesuche, hohe Schuhe, figurbetonte Kleidung usw. Bei diesem Spiel kann man nicht gewinnen. Erfüllt man die Bedingungen, wird man objektifiziert („Schlampe“, „geiles Teil“, „bisschen dumm, aber dumm fickt gut“), verweigert man sich der ganzen Sache, ist man eine prüde, ungevögelte „Birkenstocktante“. An Männer werden diese Ansprüche nicht gestellt. Männer müssen sich nicht irgendwelchen Bedingungen anpassen – sie sind genug, so wie sie sind. Ihre reine Präsenz reicht aus (und berechtigt sie auch behaart, bierbäuchig, müffelnd und halbglatzig dazu, Kommentare und Bewertungen ggü. dem Aussehen von Frauen abzugeben). Dementsprechend  wird ein Mann als gut genug wahrgenommen, sobald er auch nur da ist und dementsprechend hat er oft auch kein Problem damit, seine körperliche (und sexuelle) Anwesenheit Frauen anzubieten, egal, wo es hakt (nicht geduscht? Stinkesocken? Ausschlag? Dreck unter den Fingernägeln? Ach, egal!) – erst recht, wenn er die Frau dafür bezahlt, mit ihm ins Bett zu gehen. Prostitution verstärkt dieses eh schon bestehende Ungleichgewicht hinsichtlich der Geschlechter, denn es baut männlicherseits noch mehr Hemmungen ab.

      Davon mal ab, was soll das für ein Job sein, bei dem man sich dauernd unangenehmer Erscheinungen hinsichtlich der männlichen Körperlichkeit aussetzen oder sie abwehren muss, und das auch noch in sexueller Hinsicht? Denn Freier möchten trotz dreckiger Fingernägel im weiblichen Intimbereich rumfingern, trotz verschwitzter Haut vollen Körperkontakt und von dem Rest fange ich gar nicht mal an  – schliesslich sind sie eh schon Gottesgeschenk genug, und dann haben sie auch noch bezahlt. Prostitution ist Ausdruck ungleicher Machtverhältnisse, und das merkt man spätestens hier, wo oft nicht mal die grundlegende Respektsbasis auf männlicher Seite besteht.

      Beide, die Prostituierte und die Escortfrau, berichten von Grenzüberschreitungen. Immer wieder müssen sie Forderungen nach AO („alles ohne“, also ohne Kondom) abwehren. Und das selbst, wenn vorher bereits klargemacht wurde, dass das nicht möglich ist. Denn Freier haben ein Anspruchsdenken: sie glauben, eben nicht nur dafür zu bezahlen, was offiziell beschönigend „sexuelle Dienstleistung“ genannt wird, nein, oft genug glauben sie, alles zu kaufen, die ganze Frau. Mich haben 8 von 10 Freiern immer gefragt: „Was kostest du?“ Freud lässt grüßen. Die Diskussion um das Weglassen des Gummis kenne auch ich zur Genüge. Könnt ihr euch vorstellen, wie es ist, mit einem Typen zu schlafen, den man ohne Geld niemals anschauen würde, aber man braucht halt die Kohle? Schlimm genug. Und dann will der Typ auch noch NOCH näher an einen ran und in einen rein: die letzte Barriere, das Gummi, soll wegfallen. Sperma schlucken, Sperma in der Scheide haben, Sperma von einem Typen, mit dem man eigentlich nicht schlafen will – was für ein zauberhaftes Angebot. Hinzu kommt, dass Frauen in der Prostitution sehr wohl oft auf ihre Gesundheit achten – Freier aber nicht so häufig. Wer sich in Freierforen umschaut, der sieht, wie viele Freier bedenkenlos überall rumficken, Strassenstrich, Drogenstrich, alles ist dabei – und wenn sie überhaupt einen Test machen, dann gehen sie nicht etwa zum Gesundheitsamt, wo es kostenlos ist, nein, dann gehen sie Blut spenden. Und gefährden damit noch andere Menschen: denn Blutspenden als regelmässiger Freier ist eigentlich nicht erlaubt.

      Doch damit nicht genug der Grenzüberschreitungen. Beide Frauen berichten davon, dass Freier versuchen, in ihren persönlichen, privaten Bereich einzudringen, und auch ich kenne das noch gut. Jeder Freier hält sich für etwas Besonderes, schlimm sind immer nur die anderen. Genug Selbstreflektion zu erkennen, dass sie selbst auch nicht anders handeln als die „schlimmen“ besitzen nur ganz wenige Freier (und auch die hält das dann vom Freiersein nicht ab). Damit und weil sie bezahlt haben, sehen sie sich berechtigt, mehr zu bekommen als das, wofür sie bezahlt haben. Mehr als den Sex. Mehr von der Frau. Die ganze Frau. Und zu der gehört: deren Privatleben. Wie heisst du wirklich? Was machst du sonst so? Hast du Kinder? Hast du einen Freund? Können wir uns privat mal treffen? Gibst du mir deine Handynummer, damit wir uns per WhatsApp mal bisschen schreiben können? Hast du Lust, am Samstag mit mir am See baden zu gehen? Ohne Geld natürlich.

      So geht das die ganze Zeit, und man muss ständig ausweichen, abwehren, aber vorsichtig, gell, denn man möchte und darf den Kunden nicht verärgern, ein zu klares Nein bedeutet ein verletztes Männerego, und verletzte Männeregos sind gefährlich. Da fällt der Fick danach auch mal deutlich härter aus oder man hat einen neuen Stalker am Hals. Oder einen Kunden verloren – der sich dann eine Frau sucht, die nicht gelernt hat, ihre Grenzen zu wahren. Eine, bei der er nicht nur im sexuellen Bereich, sondern auch im emotionalen und psychischen Bereich aus den Vollen schöpfen kann. Was übrigens auch harte Arbeit ist.

      Dann gibt es noch die, auch das berichtet die Prostituierte im Artikel und auch das kenne ich noch, die permanent fragen, ob einem das Spass mache. Was sie nicht hören wollen: dass es einem keinen Spass macht. Was sie hören wollen: ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und mit DIR macht es mir megaviel Spass. – Das ist dann echt das letzte: seinen Missbraucher noch davon überzeugen zu müssen, dass einem der Missbrauch gefällt. Seinem Ego zu schmeicheln und ihm zusätzlich zum bezahlten Sex noch sein Ego und sein Gewissen streicheln zu müssen. Du hast das Gefühl, dass dein Freiertum Schäden anrichtet? Nun, wie wäre es damit, dann keine Frau dafür zu bezahlen, dass sie sich überwindet um mit dir ins Bett zu gehen, sondern aufzuhören, Sex zu kaufen? Die Prostituierte im Artikel sagt ganz klar: „Natürlich beruht das alles auf der schönen Idee, dass Sex beiden Parteien Spaß machen sollte. Sex gegen Geld ist aber anders. Die Leute haben oft ein Problem mit der Vorstellung, dass sie sich gehen lassen können und ich mich vollkommen auf sie konzentriere.“ Und sie hat Recht. Sex im Puff ist kein Sex, der beiden Spass macht. So viel muss klar sein. Das ist etwas, dass wir außerhalb der Prostitution im Jahr 2019 nicht mehr akzeptieren. Wir sprechen mittlerweile endlich davon, dass zum konsensualen Sex ein enthusiastisches JA gehört. Und das ist auch richtig so. Sex, der nicht beiden Spass macht, sondern nur einer Partei, während die andere es erträgt, über sich ergehen lässt, abspaltet: nennt man das nicht sexuellen Missbrauch? Na doch. Warum sollte das anders sein, nur weil Geld dafür fließt? Wollen wir eine Sexualkultur, die beiden Parteien Spaß macht, die beiden Parteien gefällt, die beide Parteien wollen? Oder sind wir immer noch der Meinung, unter „bestimmten Umständen“ sei es okay, wenn sich der Mann auf Kosten der Frau auslebt? Und was sind die „bestimmten Umstände“? Ist das nur Prostitution? Oder kann ein „bestimmter Umstand“ auch sein: wenn die Frau betrunken ist, wenn sie mit dem Mann in einer Ehe lebt, wenn sie es „verdient“ hat, wenn sie sich nicht genug wehrt, wenn sie nur leise „Nein sagt? Spätestens jetzt wird klar: Prostitution ist Teil einer rape culture. Und die gehört ja wohl abgeschafft.

      Immer wieder, auch im Artikel angesprochen, Sprüche wie: du bist doch viel zu klug, zu hübsch, zu schlau für den Puff, was machst du hier, du gehörst hier nicht hin. Das nervt unheimlich. Und es ist auch kein Kompliment, denn es zeigt, was Freier wirklich denken: dass es nämlich, im Umkehrschluss, Frauen gibt, die in den Puff gehören. Dass es eine Gruppe von Frauen und Mädchen gibt, die nichts anderes verdienen, als von Männern sexuell benutzt und ausgebeutet zu werden. Eine Gruppe von Frauen, deren Lebensbestimmung es sein soll, die Bedürfnisse von Männern zu befriedigen. Das sagt dann auch alles über das Frauenbild von Freiern, oder?

      Jetzt könnte man sagen: dann such Dir doch Deine Freier aus und nimm solche nicht. Das Problem dabei: die überwiegende Mehrheit der Freier ist so. Und meist erfährt man eben erst im Bett, auf Zimmer, wie der Kunde drauf ist. Also während der sexuellen Aktivität. Nicht umsonst wird das von Männern auch oft „Nahkampf“ genannt – weil sie es als solchen empfinden. Das stellt ihr euch nicht so schön vor? Nun, das ist es auch nicht. Und oft hat man eben nicht die Wahl, den Freier rauszuhauen oder, wenn man ihn schon als übergriffig kennt, abzulehnen. Denn man muss ja Geld verdienen.

      Was ich damit sagen will:

      Prostitution ist im Kern eine Grenzüberschreitung. Denn die eine Person möchte den Sex, die andere nicht. Sie braucht die Kohle.

      Aber zusätzlich zu dieser prostitutionsimmanenten Grenzüberschreitung kommen noch all die vielen kleinen Nadelstiche, die versuchten Übergriffe, die Grenzüberschreitungen dazu. Prostitution ist ein permanenter Kampf um körperliche, sexuelle, emotionale und psychische Grenzen. Der eine Part möchte diese gern bewahren. Der andere Part möchte sie gerne überschreiten. Und das soll also ein ganz normaler Job sein? Das ist höchstens erduldeter Missbrauch mit finanzieller Entschädigung. Wobei „Entschädigung“ es auch nicht trifft, denn den Schaden bezahlt keiner weg. Der bleibt.

      Warum ist das so, dass Prostituierte sich gegen all die vielen zusätzlichen Grenzüberschreitungen wehren müssen, jedes Mal?

      Es ist so, weil Freier Prostitution ganz richtig als Frauenkauf empfinden. Ja, offiziell bezeichnen sie es als „sexuelle Dienstleistung“ und belehren einen gerne darüber, dass das nichts anderes sei, als sich bei Friseur die Haare schneiden zu lassen. Das ganze „es ist ein Job wie jeder andere“-Gerede verdeckt nämlich hervorragend, was Freier wirklich denken und was Prostitution wirklich ist. Sie meinen, sie haben die ganze Frau gekauft, alles an ihr, und sie hätten die volle Verfügungsgewalt. Und sie haben nicht Unrecht: Prostitution ist aus der Sklaverei entstanden, sie hat ihren Ursprung nicht in irgendwelchen „Dienstleistungsgewerben“, und sie war auch nie empowernd für Frauen. Wäre sie empowernd, würden alle Menschen (eben allzuoft Männer), die wirklich Macht haben, dieses Verhalten, sich zu prostituieren, an den Tag legen. Noch nie einen BMW-Vorstandstypen dabei gesehen, wie er sich auf dem Strassenstrich anbietet? Tja, dann wird Prostitution wohl etwas anderes über das Machtverhältnis aussagen, als hier andauernd propagiert wird.

      Prostitution ist eine tragende Säule des Patriarchats, und sie ist zugleich Ausdruck des Patriarchats. Prostitution führt zu patriarchalen Verhältnissen, und sie kommt aus patriarchalen Verhältnissen, und das kann man niemals weichspülen, da hilft nämlich nur eins: abschaffen!

      “Wenn wir das Nordische Modell einführen, nehmen wir behinderten Männern die einzige Möglichkeit, Sex zu haben” – ist das so?

        Während meiner Zeit in der Prostitution hatte ich keinen einzigen behinderten Freier.
        Dennoch wird jetzt so getan, als würde die Einführung des Nordischen Modells in Deutschland massenhaft Behinderte diskriminieren, weil die dann keine Möglichkeit mehr hätten, Sex zu haben.
        Dazu kurz ein paar Worte.

        Erstens sind die meisten Freier nicht behindert. Sie sind nicht mal Männer, die “sonst nicht an Sex kommen”. Denn weit über die Hälfte der Freier lebt in einer Ehe oder Beziehung. Statistiken zeigen zudem, dass Freier selbst ausserhalb ihrer Prostitutionsnutzung viel mehr Sexualpartnerinnen haben als Männer, die nicht zu Prostituierten gehen. “Prostitution ist für Männer, die aus welchen Gründen auch immer sonst keinen Sex haben können” – das ist also ein Argument, das so schon gar nicht zutrifft.

        Zweitens ist die Fokussierung auf die Beibehaltung prostitutiver Praxis unter Rücksichtnahme auf Behinderte behindertenfeindlich. Denn sie geht davon aus, dass Behinderte Menschen sind, mit denen niemand Sex haben will, dass niemand sie anfassen will, dass niemand Lust empfindet bei dem Gedanken, mit ihnen ins Bett zu gehen. Dem ist nicht so. Ich habe vielen Bekannte und FreundInnen, die die eine oder andere Beeinträchtigung haben, und viele von ihnen sind in Partnerschaften oder haben ein Sexualleben. Hört auf, Behinderte als Menschen abzustempeln, mit denen keiner wollen kann! Und hört auf, Menschen mit Beeinträchtigung vorzuschieben, um sicherzustellen, dass ALLE Männer gesicherten Zugang zur Gruppe Frauen kaufen können! Das ist BENUTZEN und sonst nichts. Wenn ihr, liebe Freier, Frauen kaufen wollt, dann sagt das offen so, aber schiebt nicht behinderte Menschen vor. Um die geht es euch nämlich gar nicht.

        Drittens: jedeR hat ein Recht auf Sexualität. Und zwar auf seine eigene. Aber niemand hat das Recht, dafür jemanden zur Verfügung gestellt zu bekommen. Das ist ein Unterschied. Diese Regel hat für ALLE zu gelten. Es gibt so viele Menschen, die ihre Sexualität nicht bzw. nur mit sich selbst ausleben können. Alte Menschen, schüchterne Menschen, körperbeeinträchtigte Menschen, Menschen mit seelischen Belastungen, einsame Menschen. Das ist traurig, aber es wäre noch trauriger, würden wir, um dieses Leid zu lindern, anderes Leid produzieren, nämlich indem wir eine Gruppe von Frauen dazu ausersehen, die Bedürfnisse anderer zu stillen, während sie ihre eigenen wegdrücken müssen. Das ist nicht die Lösung!

        Und viertens, hier zum aktuellen Fall, siehe Screenshot. Ja, dieser Freier sitzt im Rollstuhl. Aber ich sage es mal ganz knallhart:

        1. Dieses “Alle Frauen sind böse”- ist purer Chauvinismus.

        2. Es ist nicht wahr, dass “alle Frauen” denken, im Rollstuhl wäre man nur “ein halber Mann”.

        3. Frauen schulden ihm nichts. Gar nichts. Keinen Sex. Kein Wort. Nichts.

        4. Von Frauen abgelehnt zu werden, gibt ihm nicht das Recht darauf, von irgendwem den Sex, der ihm anderswo nicht abgeliefert wird, zu fordern.

        5. Die Forderung, Frauen zur Auslebung der eigenen Sexualität zur Verfügung gestellt bekommen zu müssen, ist reinste Incel-Denke.

        6. Es gibt kein Recht auf Sex.

        7. Wenn Du, lieber Tweeter, schon begriffen hast, dass Frauen keine Lust auf Dich haben, ist es umso härter, dass Du meinst, Du müsstest trotzdem unbedingt mit ihnen Sex haben. Ich verrate Dir ein Geheimnis: wenn eh schon keine Bock auf Dich hat, dann gilt das für uns Prostituierte erst recht. Wir zeigen es bloss nicht, weil Du zahlst.

        8. Wenn Du denkst, dass es trotzdem okay ist, mit Frauen Sex zu haben, obwohl die keinen Bock auf Dich haben, bist Du ganz tief drin im Vergewaltigergedankengut.

        9. Bei dieser Deiner Einstellung gegenüber Frauen wundert mich nicht, dass Du keinen Sex hast, ohne dafür zahlen zu müssen.

        10. Das Frauen keinen Bock auf Dich haben, liegt nicht am Rollstuhl, sondern daran, dass Du ein ein harter Unsympath bist.

        Nach dem Vorschlag der CDU und Teilen der SPD, die jetzt für das Nordische Modell inklusive Freierbestrafung plädieren, werden wir jetzt öfter das Pseudoargument “Und was ist mit aaaaaaall den behinderten Männern?” hören.

        Dazu hier nochmal der Link zwei Texte über Prostitution und Menschen mit Beeinträchtigung von mir.

        “Sexualassistenz – Wolf im Schafspelz”

        und

        “Warum Sexualassistenz auch nur Prostitution ist”

        Eiswürfelherzmomente – Wenn man in der Prostitution die Seiten wechselt

          Mein Name ist Huschke Mau, ich bin Exprostituierte, und auch wenn ich weiss, und am eigenen Leib erfahren habe, dass Prostitution Gewalt gegen Frauen ist, schreibe ich heute darüber, dass ich mir wünsche, dass eine Zuhälterin ein bisschen mehr Solidarität erfährt.
          Das klingt schockierend – wie begründe ich das?

          Der Stern-Artikel zu Schwesta Ewas Biographie hat für ganz schön Furore gesorgt. Die Rapperin war nach gewaltbesetzter Kindheit lange selber in der Prostitution und sie hat später andere, teils Minderjährige, in die Prostitution vermittelt, und dazu nicht nur das Abhängigkeitsverhältnis, welches bestand (es waren weitaus jüngere Fans) ausgenutzt, sondern sich auch körperlicher Gewalt bedient.
          Vorab: Dass sie dafür bestraft wird, ist natürlich richtig.

          ABER.
          In den Kommentarspalten tobt dazu mal wieder der Mob. Leute, die sonst nichts dagegen haben, dass es eine Riege von Frauen und Mädchen gibt, die die Gesellschaft, oft schon von Vornherein und von der Kindheit an, zum Abschuss freigegeben hat, Leute, die sich gerne selber der Prostitution bedienen, Leute, die vielleicht selber Schwesta Ewas minderjährige Fans ganz gerne mal auf Hausbesuch gehabt hätten, beschimpfen jetzt die Frau, die dafür gesorgt hat, dass das, was sie nutzen (Prostitution, Prostituierte) zur Verfügung gestellt werden konnte.
          Wie verlogen ist das?
          Es ist so deutlich, dass diese Art nur so vor Doppelmoral trieft.
          Freier sein?
          Kein Thema, ist doch normal.
          Hure sein?
          Boah, die Schlampe. Hat es nicht anders verdient.
          Zuhälterin sein? OMG GANZ SCHLIMM, ABSCHAUM.
          Was soll das? Wer Prostitution nutzt, mag, verteidigt, der sollte sich im Klaren darüber sein, dass Prostitution nie sauber ist. Kein Freier kann genau wissen, ob die prostituierte Frau gerade aus ökonomischen Zwängen mit ihm schläft, ob sie Kindheitstraumata reinszeniert, ob sie sonst von Zuhälter (oder von Schwesta Ewa) auf die Fresse kriegt.
          Die Empörung, die sich in den Kommentarspalten zeigt, weist nicht darauf hin, dass diese Gesellschaft etwas dagegen hat, dass es Mädchen und Frauen gibt, denen weder in der Kindheit noch in der Zeit danach geholfen wird, sich vor sexuellem Missbrauch zu schützen. Nein, diese Gesellschaft hat nichts dagegen. Sie will es nur nicht SEHEN. Die Empörung, die sich hier zeigt, ist eine Empörung darüber, SEHEN ZU MÜSSEN, mit welch dreckigen Methoden in der Prostitution agiert wird und welch teils schlimme Schicksale dahinterstehen. Und das überrascht mich nicht, aber natürlich kotzt es mich an.

          Dann ist da aber noch was anderes. Und zwar Hass gegenüber Schwesta Ewa aus den Reihen derer, die sehr wohl erkannt haben, dass Prostitution Gewalt ist. Leute, die finden, sie habe die Seiten gewechselt und das Aller-, Allerschlimmste verdient, weil sie doch gewusst habe, wie furchtbar Prostitution ist und es trotzdem anderen angetan hat. Es sind gehässige Kommentare.

          Ich habe heute Nacht darüber nachgedacht und mich gefragt, woher kommt das?
          Zunächst mal: Ja, Schwesta Ewa ist Täterin. Ganz klar. Ganz klar auch, sie gehört zur Verantwortung gezogen. Auch das Nordische Modell, das ich befürworte, sieht eine Bestrafung für Menschen vor, die andere in die Prostitution bringen oder von der Prostitution anderer profitieren. Aber woher kommt diese Weigerung, Ewas Geschichte nicht als Entschuldigung, aber doch als Erklärung zu sehen? Woher diese Selbstgerechtigkeit von Menschen, die noch nie in der schlimmen Situation waren, sich entscheiden zu müssen eine andere Person zu opfern oder wieder selber den Arsch hinhalten zu müssen, was man aber nicht mehr aushält, weil man zu kaputt ist?
          Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es was mit unserer Vorstellung von “Opfersein” zu tun hat. Denn ich habe in mehreren Kommentarspalten jetzt immer wieder gelesen, Ewa sei kein “unschuldiges Opfer”. Und ich frage mich – ein unschuldiges Opfer, was ist das? Und mir ist aufgefallen, dass Leute, die von “unschuldigen Opfern” reden, immer nur von IMAGINIERTEN Opfern sprechen. Von Opfern, die es nur in der Theorie gibt. Von Opfern, die komplett handlungsunfähig waren, sich immer gewehrt haben, die “alles richtig gemacht haben”.
          Aber welches Opfer macht alles richtig?
          Leute, die von “unschuldigen Opfern” reden sind genau die, die in der PRAXIS realen Menschen, die Opfer geworden sind, genau dieses Opfersein oft nicht zugestehen.
          Weil das Opfer nicht UNSCHULDIG ist.
          Es hat an der Tat teilgenommen. Oder es hat sich nicht genug gewehrt.
          Das Kind, das missbraucht wurde vom Nachbarn, es ist sogar nach mehrmaligem Missbrauch wieder der Einladung des Nachbarn in dessen Wohnung gefolgt, weil es danach immer dort mit der Playstation spielen durfte.
          Die Frau, die mehrmals von ihrem Partner vergewaltigt wurde, sie hat sich nicht sofort getrennt, sie hat sogar noch einem Romantikurlaub zugestimmt.
          Das prostituierte Mädchen, es hatte Kontakt zu einer Ausstiegsberatungsstelle, aber es hat das Angebot, an einem Ausstiegsprogramm teilzunehmen, ausgeschlagen.

          Was ich damit sagen möchte: Das Bild vom “unschuldigen Opfer”, es ist eine rape myth. Es soll festlegen, wer Opfer sein darf und wer nicht. Und es hat die Funktion, Menschen, die Opfer von vor allem sexuellen Gewalttaten geworden sind, genau dieses Opfersein abzusprechen.
          Denn in der Theorie gibt es sie, die unschuldigen Opfer.
          In der Praxis aber gibt es sie eben nicht.
          In der Praxis findet man Schuld bei jedem Opfer, und schuldige Opfer sind? Genau, keine Opfer mehr.
          Wenn unser Mitgefühl nur den “unschuldigen Opfern” gilt, gilt sie keinem und keiner mehr.

          Gewalt, sexuelle Gewalt, Prostitution – das sind Systeme, die dafür sorgen, dass auch die Opfer sich die Hände schmutzig machen.
          Es ist dies ein Kennzeichen jeglicher sexueller Gewalt.
          Jedes Kind, das missbraucht wurde, kennt die Scham über den Gedanken, froh zu sein, dass es heute Nacht nicht selbst dran ist, sondern die Schwester.
          Jede geschlagene Frau kennt die Schuldgefühle, wenn sie versucht, mit verführerischem Agieren und dem Angebot zum Sex heute Abend mal um die Schläge drumrumzukommen.
          Jede im Park vergewaltigte Frau kennt die Scham darüber, nicht sofort weggerannt zu sein und geschrien zu haben, sondern sich ernsthaft noch 5 Minuten verbal mit dem Vergewaltiger auseinandergesetzt zu haben in der Hoffnung, sie bliebe dann verschont.
          Jede Frau in der Prostitution kennt den Eiswürfelherzmoment, wenn sie anderen Frauen erzählt, es sei alles cool, und sie sollten es doch selbst mal ausprobieren.

          Wir sind alle nicht unschuldig. Wir haben alle Dreck am Stecken. Es gibt keine unschuldigen Opfer. Auch in der Prostitution nicht. DAS ÄNDERT ABER NICHTS AM OPFERSEIN.

          Jede Frau in der Prostitution hat etwas, das Menschen, die ihr den Opferstatus absprechen wollen, ihr vorwerfen können. Die Bordelltür stand doch offen, du hättest doch gehen können. Der eine Freier, du hast doch gesagt, der war nett, da kann es doch nicht so schlimm sein. Du hast doch selber Drogen an deine Kolleginnen abgegeben, warum stellst du dich dann jetzt moralisch über deinen Zuhälter. Usw.
          Niemand, nicht das zwangsprostituierteste Opfer von Zwangsprostitution, bleibt mit so einer Denke Opfer.
          Dabei sollte ganz klar sein, dass, ob jemand den Status den Opferdaseins hat oder nicht, nur daran festgemacht werden sollte, ob ihm oder ihr etwas ANGETAN worden ist – und nicht, welches Verhalten das Opfer dabei an den Tag gelegt hat. DAS sollte für die Zuschreibung als Gewaltopfer ÜBERHAUPT KEINE Rolle spielen.
          Das Schwesta Ewa andere prostituiert (und damit zu Opfern und sich selbst zur Täterin gemacht hat) ändert NICHTS daran, dass sie auf einer anderen Ebene eben auch Opfer war. Es wird nicht dadurch aufgehoben.
          Prostitution ist dreckig. ich kenne keine, die sich dort nicht die Hände schmutzig gemacht hätte. Ich habe das auch: Im ersten Wohnungsbordell in dem ich war, kam eines abends eine Frau mit ihrem Mann. Beide hatten den Gedanken, sie könne dort die gemeinsamen Schulden abarbeiten. Sie sei ja eh sexuell offen usw. Die Frau saß bei uns in der Küche und fragte uns, wie das so sei. Und ich meinte, es sei überhaupt kein Problem, alles easy. (Was hätte ich auch anderes sagen sollen? Ich bin jeden Tag auf Drogen, damit ich das hier aushalte? Ganz sicher nicht.) Und dann klingelte es und ein Freier kam rein. Und ich meinte, schau, den kannst Du doch gleich machen. Fertige den doch ab, wenn Du eh schon hier bist. Kannst Du gleich mal sehen, dass es nicht schlimm ist.
          Sie zögerte und war unsicher.
          Und ich habe sie sozusagen überredet.
          Sie hat den Freier gemacht. Und als ich aus dem Wohnungsbordell weg bin nach mehreren Monaten, war SIE immer noch da.

          Was ich damit sagen will: Sich zu verstricken, Schuld auf sich zu laden, mit der Gewaltsituation oder dem Täter selbst komplizenhaft zu agieren ist die NORM bei sexuellen Gewaltsituationen. Es gibt keine unschuldigen Opfer.
          Das Opfersein (selber Prostituierte gewesen zu sein) hebt das Tätersein (andere Frauen in die Prostitution gebracht zu haben) NICHT AUF.
          Aber das Tätersein hebt eben auch das Opfersein nicht auf.
          Beides kann eine Personalunion sein.
          Entschuldigt nichts.
          Erklärt vieles.
          Bitte bedenkt das, bevor ihr zu Schwesta Ewa oder wem auch immer kommentiert.
          Danke.

          Minderjährige in der Prostitution

            Während meiner Zeit in der Prostitution hat mich, selbst als nicht klar war, ob ich volljährig bin, NIE ein Freier gefragt, wie alt ich eigentlich WIRKLICH bin. Und auch nie, ob ich freiwillig hier bin. Bin ich damit ein Einzelfall?

            In Hamburg stehen zwei Männer vor Gericht.
            Sie haben einem Mann ein 15-jähriges Mädchen “abgekauft”. Auch dieser hatte es zur Prostitution gezwungen, es ist nicht klar, wie lange schon.
            Dann haben sie das Mädchen an Freier vermittelt. Ihre Einnahmen hat sie abgeben müssen, um ihre “Schulden” ( = ihren Einkaufspreis) bei ihren neuen Zuhältern abarbeiten zu müssen.
            Schliesslich hat sich die Polizei verdeckt auf eine der Anzeigen gemeldet, in denen sie als frisch 18 geworden beworben wurde und liess die Sache hochgehen.

            Als Argument gegen das Nordische Modell kommt häufig, das sei schwierig, weil die Freier dann Fälle, in denen sie Zwangsprostitution vermuten, nicht mehr anzeigen würden. Denn sie sind über die Freierbestrafung ja eh schon kriminalisiert und müssten dann zugeben, Freier gewesen zu sein. Nun: In dem Fall hier hat sich KEIN EINZIGER FREIER bei der Polizei gemeldet. KEIN. EINZIGER. Und das, obwohl das Freiertum in Deutschland nicht illegal ist. Ja, es gibt mittlerweile ein lächerliches Gesetz hier, was den wissentlichen (!!!), vorsätzlichen (!!!!!!) Besuch bei Zwangsprostituierten (ohne dass “Zwang” allerdings definiert wird) unter Strafe stellt. Ein Gesetz, über das Freier sich herzlich einen ablachen werden. Denn “Zwang” nachzuweisen ist schwer. Und nachzuweisen, dass ein Freier von diesem Zwang wusste, noch schwerer. In diesem Fall hier ist es so, dass klar erkennbar gewesen sein muss, dass das Mädchen nicht volljährig ist – denn sie wurde ja auch schon BEVOR sie 15 war prostituiert, und ein 13- oder 14-jähriges Mädchen kann man von einer 18-jährigen sehr wohl unterscheiden.
            JEDER ihrer Freier hätte bei ihrem Anblick entscheiden können, sie NICHT zu missbrauchen, sondern sofort zur Polizei zu gehen. Ihm wäre NICHTS passiert.
            JEDER ihrer Freier hätte sogar NACHDEM er sie missbraucht hat, zur Polizei gehen können. Ihm wäre nichts passiert, wenn er gesagt hätte, dass ihm erst zum Schluss was komisch vorkam. Ihm wäre nichts passiert.

            KEINER ihrer Freier hat das getan. KEINER ist zur Polizei gegangen. KEINER hat ihr geholfen.
            Ein junges Mädchen wird ge- und verkauft und gezwungen, sich preiszugeben, und all die erwachsenen Männer drumrum entscheiden sich, ihr nicht zu helfen, sondern auch ein Stück vom Kuchen zu ergattern und eben auch mal drüberzurutschen.

            Das Argument gegen das Nordische Modell, dass Freier ständig Zwangsprostituierte melden würden und es dann unter schwedischer Gesetzeslage nicht mehr tun würden, ist keines. Denn sie melden Fälle von Zwangsprostitution, sogar wenn diese offensichtlich ist, weil sie eine Minderjährige vor sich haben, fast nie. Sie haben nichts gegen Zwang. Sie haben nichts gegen Zuhälter. Und sie haben auch nichts gegen Gewalt gegen Frauen und Mädchen in der Prostitution.
            Denn erst der Zwang, erst die Zuhälter, erst die Gewalt (und die Armut, die vorausgegangene sexuelle Gewaltgeschichte usw.) sorgen dafür, dass das Angebot, nach dem sie so sehr nachfragen, zur Verfügung gestellt werden kann.
            Oder woher sollen die “tabulosen”, möglichst jungen Frauen in ihrem Bett sonst kommen?

            Freiersein bedeutet, zu profitieren von Tätern, die vor einem selbst an einer Frau oder einem Mädchen Gewalt ausgeübt haben, um dann noch einen draufzusetzen und auch Gewalt ausüben zu können – möglichst, ohne das Mädchen vorher schlagen oder überwältigen zu müssen. Das haben ja dann andere schon gemacht. Wie praktisch.

            Leider ist die Gesetzeslage in Deutschland so, dass zwar ihre Zuhälter jetzt vor Gericht stehen – ihre Freier aber nicht.
            Die suchen sich einfach die nächste “18-jährige”, die in einer Annonce beworben wird.
            Noch.
            Ich hoffe, dass das in, sagen wir, 5 Jahren nicht mehr möglich sein wird, weil sie dann Angst vor einem Bussgeld oder besser noch vor einer Gefängnisstrafe haben müssen!
            Denn Fakt ist: Zuhälterei und Zwangsprostitution gibt es nur, weil Freier eine Nachfrage nach Prostitution stellen.
            Wenn Männer keinen Sex kaufen würden, würde es auch keine Männer geben, die Frauen und Mädchen zur Prostitution zwingen.
            Diese beiden Zuhälter hier haben getan, was sie getan haben, weil es sich GELOHNT hat. Weil sie damit sehr viel Geld verdient haben. Sie hätten schön auf dem Trockenen gesessen, wenn es keine Freier gegeben hätte.
            Haben sie aber nicht.
            Denn es gibt genug Freier. Und damit auch genug Zuhälter.
            Und damit genug Mädchen und Frauen, die von beiden ordentlich ihren Schaden wegbekommen haben.
            Das muss aufhören – und zwar dalli!

            Gewalt in der Prostitution

              In Thüringen ist eine Frau aus der Prostitution zusammengeschlagen worden. Der Täter war ihr Freier. Angeblich war er mit den “Leistungen”, die sie geliefert hat, nicht einverstanden.
              Wir vom Netzwerk Ella sind alle Frauen aus der Prostitution. Und wir kennen alle diese Angst vor Übergriffen durch Freier.
              Davon mal abgesehen, dass Prostitution an sich schon ein sexueller Übergriff ist – denn es werden sexuellen Handlungen an und mit einer Person durchgeführt, die den Sex nicht will, sondern das Geld braucht -, neigen Freier generell dazu, Grenzen zu übertreten.

              Da hat man schnell mal den Finger im Po, obwohl man gesagt hat, dass anal ein Tabu ist.
              Da hat man schnell mal die Zunge im Hals, obwohl man gesagt hat, dass man nicht küsst.
              Da liegt schnell mal die Hand auf dem Hals, obwohl man gesagt hat, dass man keine Würgespiele macht.

              Warum ist das so?

              Es ist so, weil Freier Männer sind, die glauben, sie hätten ein Recht auf Sex. Es sei etwas, dass ihnen geliefert werden müsse. So, als könnte eine Frau einem Mann Sex geben ohne beteiligt zu sein, so, wie man Leuten, die einen Döner kaufen, das Essen über die Theke reicht. So, als sei ein Blowjob eine Dienstleistung.
              Sex ist aber keine Dienstleistung. Sonst könnten sich die Freier ja den Blowjob ja auch von einem 60-jährigen Mann holen, der auf ALG2 ist und Flaschen sammelt. Den fragen sie aber komischerweise nie nach so einer „Dienstleistung“. Aber wenn es eine wäre, wäre das doch möglich, Dienstleistung ist Dienstleistung, oder?

              In Wirklichkeit ist Prostitution Frauenkauf. Es wird ein bestimmter Körper gekauft. Und Freier wissen das, da können sie von Dienstleistungen reden, wie sie wollen. Sie wissen, dass sie nicht wie auf einer Speisekarte auswählen, welche Praktiken sie gereicht bekommen wollen. Sie wissen, dass sie eine Frau kaufen, auf Zeit. Deswegen fragen viele Freier auch: „Was kostest du?“ statt „Was kostet es bei dir?“
              Freier sind Männer, die denken, dass Sex ihnen zusteht. Und insgeheim sind sie sauer darüber, dass sie dafür noch bezahlen müssen. Wo sie doch so gut im Bett sind. Wo die Hure doch auch was davon hat. Wo sie doch der nette Freier sind. Oder überhaupt geduscht und das.

              Und weil sie insgeheim nicht einsehen, für das, was ihnen zusteht, auch noch bezahlen zu müssen, versuchen sie, so viel wie möglich rauszuholen. Sie beuten Frauen sexuell aus. In ihren Augen haben sie zwar offiziell für eine Dienstleistung bezahlt, aber sie fühlen sich, als hätten sie die Frau gekauft. Und da ist jedes Tabu etwas, das ihnen zu Unrecht vorenthalten wird.
              Und das geht natürlich nicht.

              Freier sind Gewalttäter. Die Gewalttat beginnt dort, wo sie mit einer Frau schlafen, die das eigentlich nicht will. Die eigentlich nur die Kohle will.

              Freier sind Gewalttäter. Die Gewalt geht weiter dort, wo sie ihre öknomische Überlegenheit nutzen, sich Zugang zu einer Frau zu kaufen, die ohne diesen Machtunterschied nie mit ihnen schlafen wollen würde.

              Freier sind Gewalttäter. Vom Akt des Kaufens von „sexuellen Dienstleistungen“ zum weiteren Performen eines sexuellen Aktes mit einer Person, die deutlich Unlust zeigt, die sichtbar ihren Ekel und Unwillen unterdrückt, die vielleicht weint oder Schmerzen hat, ist es kein großer Schritt.

              Freier sind Gewalttäter. Wenn sie diese Grenzen überschritten haben, ist es nicht mehr weit dazu, mehr einzufordern als ausgemacht war. Schliesslich hat man bezahlt. In ihren Augen mehr als genug. In ihren Augen für mehr als ausgemacht war.

              Freier sind Gewalttäter. Von den sexuellen Praktiken, die nicht abgesprochen sind, zu noch mehr Gewalt, zu Schlägen usw. überzugehen erfordert nicht das Überwinden einer großen Hemmschwelle.

              Und von da ist es nicht mehr weit zu Mord.

              Freier sind Männer, die so sehr denken, sie hätten ein recht auf Sex, dass sie die Person, die daran teilnimmt, weil sie sie bezahlt haben, nicht mehr als Mensch wahrnehmen. Als Menschen, der einen Willen hat und der Grenzen hat. Es ist ihnen egal. Sie haben bezahlt. Die andere Person zählt nicht mehr. Sie hat zu tun, was und wie sich die Freier das vorstellen – sonst gibt’s saures. In den Augen von Freiern schulden wir ihnen Sex, ob wir wollen oder nicht. Und wenn wir nicht abliefern wie gewünscht, hat das Konsequenzen – wie in diesem Fall.

              Könnt ihr euch vorstellen, wie es ist, mit einem Mann ins Bett zu gehen, nackt, verletzlich, allein, der so aggressiv ist? Immer mehr fordert? Immer mehr an die Grenzen geht? Dessen Handlungen man immer mehr abwehren muss, ohne ihn aber zu verärgern?
              Ein Job wie jeder andere? Ganz sicher nicht.
              Dieser Freier hier ist keine Ausnahme. Er ist nicht „das schwarze Schaf“ oder „das faule Ei im Korb“. Er hat konsequent weitergeführt, was seine Freierdenke in seinem Hirn angelegt hat.

              Über 80 Morde an Frauen in der Prostitution seit 2002. Die meisten verübt durch Freier.
              Fakt ist: Prostitution zu nutzen bedeutet, es okay zu finden, dass Sex gemacht wird, obwohl nur einer den Sex wirklich will. Prostitution zu nutzen bedeutet, zu glauben, es gäbe für Männer ein Recht auf Sex. Prostitution zu nutzen bedeutet, unter „Sex“ zu verstehen, dass alles sich auf die Wünsche des Mannes ausrichtet.
              Brauchen wir das im Jahr 2019, wo wir über „enthusiastischen Konsens“ reden, wirklich noch? Nein. Haben wir nie gebraucht.

              Freiertum ist Gewalt und führt zu noch mehr Gewalt.

              Alles Gute an die Kollegin!

              Über Victimblaming

                “Du hattest doch eine Wahl, man hat immer eine Wahl”

                “Du wolltest es doch so, und jetzt magst du nicht zugeben, dass du dabei Spass hattest”

                “Als du dafür Geld bekommen hast, hast du dich ja auch nicht beschwert”

                “Warum hast du überhaupt damit angefangen, du hättest alles anders machen können”

                “Warum hast du dich nicht von deinem Freund getrennt, als du gemerkt hast, dass er dich in die Prostitution bringen möchte”

                “In den Videos sieht es aber überhaupt nicht aus, als hättest du dabei Angst gehabt”

                “Du bist doch klug genug, warum landet so eine Frau in der Prostitution, da gibt es doch ganz andere Möglichkeiten”

                “Es sind immer alle anderen schuld und nie du, es war doch aber deine Entscheidung”

                “Warum hast du dich auch in so einem Umfeld rumgetrieben”

                “Ich kenne so viele Frauen, die missbraucht worden sind, und keine ist in der Prostitution gelandet, es muss also an dir liegen”

                “Du hättest doch jederzeit damit aufhören können, was hat dich denn bitte gehindert”

                “Es gibt genug Hilfesysteme, Jugendamt, Polizei und Beratungsstellen, warum haben die dir nicht geholfen, das muss an dir liegen”

                “In Deutschland muss niemand obdachlos sein oder sich für Essen prostituieren, warum hat dir kein Amt geholfen, vielleicht hast du dich nicht gut ausgedrückt bei denen”

                “Wenn er so schlimm war, warum bist du dann wieder zurückgegangen”

                “Wenn ein Freier gewalttätig wird schmeisst man ihn raus und gut, warum hast du das nicht getan”

                Warum
                Warum
                Warum

                Warum hast du
                Warum hast du nicht
                Du hättest xyz tun sollen

                … Du hattest einen zu kurzen Rock an, warum warst du auch nachts im Park, du wusstest dass er shady ist warum bist du mit ihm mitgegangen. Das ewige Lied des Patriarchats.

                Hört auf die Opfer zu beschuldigen. Es gibt niemals einen Grund oder eine Entschuldigung, sexuelle Übergriffe, ob bezahlt oder nicht, im Verhalten derer zu suchen, die sie erlitten haben.
                Beschuldigungen, Beschämungen führen zum Schweigen derer, die sowas erlebt haben.
                Wenn darüber nicht gesprochen wird, existiert das Problem öffentlich auch nicht. Es gibt dann kein Problem, es ist also auch keine politische Analyse der Gesamtsituation von Nöten – und wenn es keine Analyse gibt, bedarf es auch keiner veränderten Handlungen und alles kann so bleiben, wie es ist.

                ES DARF ABER NICHT SO BLEIBEN, WIE ES IST.

                Deswegen:

                Wer Opfer beschuldigt und beschämt, steht auf der Seite der Täter.
                Hört auf damit!

                #EndVictimBlaming

                Was bedeutet Solidarität mit Prostituierten?

                Dieser Text ist zuerst bei den Störenfriedas (hier) und in der Huffington Post (hier) erschienen.

                 

                Seit Tagen treibt mich die Frage um, wie ich ausdrücken kann, was für mich Solidarität mit Prostituierten ist. Der Grund dafür ist das Prostituiertenschutzgesetz, welches diesen Sommer kommt, und die darin enthaltene Anmeldepflicht.

                Ich sage das gleich am Anfang: sollte ich jemals wieder anschaffen müssen, weil ich in einer Notlage bin, die jetzt noch nicht abzusehen ist, werde ich mich nicht anmelden. Eher hack ich mir die rechte Hand ab als das das zu tun.

                Ich habe mich für die Forderung nach einer Anmeldepflicht (ebenso wie für die Beratungs- und Kondompflicht) ausgesprochen, weil die Einführung des Nordischen Modells mit seiner Freierbestrafung in Deutschland leider noch nicht ernsthaft zur Debatte stand und steht, wiewohl ich mir das auch wünschen würde, und weil die Anmeldepflicht für die ausländischen Prostituierten, die aus den Armenhäusern Europas kommen und hier anschaffen (müssen), und die mittlerweile 70 – 90% aller Prostituierten ausmachen, eine Verbesserung ihres Status´ im Vergleich zu ihrem Status jetzt bedeutet. Die Anmeldepflicht ermöglicht nicht nur, nachvollziehen zu können, wo die Frauen gerade sind – das ist ein Schutz für die, die von Stadt zu Stadt herumgereicht werden ohne zu wissen, wo sie sind, und für die, die „verschwinden“, wenn sie verbraucht, zu kaputt sind oder Widerstand leisten. Sie ermöglicht auch, dass ausländische Prostituierte, die hier „gearbeitet“ (denn so sieht es der deutsche Staat, der fleißig profitiert von dem kommerziellen sexuellen Missbrauch der Frauen) und Steuern gezahlt haben, endlich auch statt Steuerpflichten einige Rechte zugestanden bekommen, zum Beispiel das Recht auf Sozialleistungen, was ihnen den Ausstieg ermöglichen kann. Das ist wichtig. Dass wir Abolitionistinnen das durchgesetzt haben, war richtig und wichtig, und doch gibt es ein ABER. Das ABER ist riesengroß.

                „Was bedeutet Solidarität mit Prostituierten?“ weiterlesen