Netzwerk Ella geht online

     

     

     

     

    Ab heute ist die Homepage des neuen Netzwerks Ella online. Netzwerk Ella ist ein Zusammenschluss von Frauen, die in der Prostitution waren oder sind, und die sich dafür einsetzen, dass Prostitution als sexuelle Gewalt anerkannt wird.

    Die Website lautet:

    http://netzwerk-ella.de

    (Oder auf dieser Website ganz rechts auf die Ella-Flagge klicken.)

    Sport? Oder altbackene Männlichkeitsrituale – der SV Oberwürzbach und seine Trikots

      dieser Text erschien zuerst auf http://abolition2014.blogspot.de/

      und hat als Offener Brief mehr als 120 UnterstützerInnen in einer Nacht versammelt. Er wurde verschickt an: Annegret Kramp-Karrenbauer, Ministerpräsidentin des Saarlands; Birgit Rudolf, Frauenbeauftragte des Saarpfalz-Kreises; Deutscher Kinderschutzbund; Kinderschutzbund Saarland; Saarländischer Fussballbund e.V.; Rainer Bommer, Vorsitzender des Jugendausschusses Saarländischer Fussballbund; Sportminister Saarland; Sozialministerin Saarland

      9. November 2017
      Sehr geehrte Damen und Herren,
      vor kurzem hat der Fussballverein SV Oberwürzbach e.V. neue Trikots bekommen, auf denen er mit der Pornodarstellerin Lena Nitro wirbt. Dies hat so weite Kreise gezogen, dass sogar im Ausland Artikel erscheinen, die kritisch fragen, wie man diese Tatsache Kindern, die ein Spiel des Vereins sehen, erklären wolle.
      Der Saarländische Fussballbund hat dem Verein das Tragen der Trikots daraufhin untersagt. Trotzdem spendet die „Erotisma“ Geld pro verkauftes Trikot an den Verein.
      Der Deutsche Fussballbund hat in seinen „Allgemeinverbindliche Vorschriften über die Beschaffenheit und Ausgestaltung der Spielkleidung“, § 10, festgelegt: „Die Werbung darf nicht gegen die allgemein im Sport gültigen Grundsätze von Ethik und Moral oder die gesetzlichen Bestimmungen oder die guten Sitten verstoßen.“ Auf seiner Facebookseite kündigt der SV Oberwürzbach aber an, ein neues Trikot fertigen zu lassen, auf dem weiter mit dem Namen der Darstellerin geworben wird, und zwar mit dem Schriftzug: „Lena Nitro – Ethik und Moral“.
      Dagegen protestieren wir mit folgender Begründung:
      Das Pornolabel der Darstellerin hat mit ihr unter anderem pornographische Filme gedreht, die Inzest verharmlosen und Kindesmissbrauch nachstellen, und zwar mit dem Ziel, ihn zu erotisieren. Einer der Filme heisst „Inzest – Papa, dein Schwanz ist zu groß!“ Weiter geht es hier nicht nur um Pornographie, sondern auch um Prostitution, da die Darstellerin auf mehreren Webseiten als Escort gelistet ist.
      Auf seiner Facebookpräsenz darauf angesprochen, wie der Verein diese Tatsache mit seiner Kinder- und Jugendarbeit in Einklang zu bringen gedenkt, kam auch auf mehrfache Nachfrage keine eindeutige Distanzierung von Filmen, die Missbrauch und Inzest nachstellen. Ein Problembewusstsein ist schlicht nicht vorhanden, es kamen seitens des Vereins Aussagen wie
      • Dass mit Alkohol zu werben viel schlimmer sei
      • Die KritikerInnen seien „kleinkariert“
      • Es interessiere Kinder sowieso nicht, was auf den Trikots stünde
      • Die Kritik sei „heuchlerisch“ und „scheinheilig“
      • Wer gegen derartige Videos Vorbehalte habe, sei „spießig“ und bestimmt auch gegen homosexuelle Partnerschaften
      • Man solle die „Gedanken mal freimachen“
      • Äußerungen, KritikerInnen seien „verbohrt, prüde, untervögelt“ wurden stehengelassen ebenso wie die öffentlich einsehbare Diskussionsunterstützung durch das Laufhaus Lustra, das sich auf Seiten des Vereins stellte.

      Der SV Oberwürzbach hat ganz klare Richtlinien. So sagt die Satzung:

      Ҥ 2 Aufgaben des Vereins
      1. Im Interesse des allgemeinen Wohls bezweckt der Verein die Förderung der körperlichen, geistigen und sittlichen Kräfte aller, insbesondere der jugendlichen Mitglieder durch sportliche Betätigung, Beeinflussung gemäß den sportlichen Gesetzen und Pflege der Freundschaft in gemeinschaftsbewusster Gesinnung.”
      Wir sehen hier nicht nur ein problematisches Frauenbild, in welchem legitim ist, Frauen in der Prostitution und Pornographie auszubeuten und zu objektifizieren, wir sehen hier auch ein deutliches Defizit im Problembewusstsein, was Kindesmissbrauch und Inzest angeht. Der Verein wurde mehrfach darauf angesprochen, dass er als in der Kinder- und Jugendarbeit tätiger Verein in einer Vorbildfunktion ist, er sieht aber augenscheinlich kein Problem darin, Kinder über die Werbung mit einer Pornodarstellerin auf deren Filme aufmerksam zu machen, in denen Inzest nachgestellt und erotisiert wird.
      Das finden wir problematisch. Wer Fantasien hat, die eigene Tochter zu missbrauchen oder aber wer diese Fantasien in Ordnung findet und gar mit ihnen wirbt, wie der SV Oberwürzbach, sollte unseres Erachtens nicht in der Kinder- und Jugendarbeit tätig sein. Diese Videos geben zudem problematische Signale an Kinder weiter. Jedes vierte Mädchen, jeder zehnte Junge wird missbraucht. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass auch in den Kinder- und Jugendgruppen in Oberwürzbach solche Kinder sind. Wir glauben nicht daran, dass die betroffenen Kinder den Mut haben werden, sich einem Erwachsenen anzuvertrauen und um Hilfe zu bitten, wenn ihnen zeitgleich von eben jenen Erwachsenen vermittelt wird, dass Inzest und Missbrauch in Ordnung sind. Wir glauben auch nicht daran, dass es für Kinder und Jugendliche hilfreich ist mit Vorbildern aufzuwachsen, die Frauen zum Sexobjekt degradieren und sie als käuflich sehen.
      Letztlich sehen wir auch die Gemeinnützigkeit des Vereins nicht gegeben, da mit §52 der Abgabenordnung die entsprechenden Bedingungen auf Grund oben beschriebener Gegebenheiten vor allem hinsichtlich der Absätze 4 und 18 nicht gegeben ist.
      Wir fordern deswegen eine klare Stellungnahme des SV Oberwürzbach und eine Erklärung, nach welchen Grundsätzen der Verein seine Kinder- und Jugendarbeit betreibt, und wir bitten Sie, öffentlich dazu Stellung zu beziehen und den Verein im Rahmen Ihrer Möglichkeit zurecht- und darauf hinzuweisen, dass Gleichstellung und Kindesschutz keine leeren Worthülsen sind, sondern gelebt werden wollen.
      In diesem Sinne: Sport frei!
      Huschke Mau
      (und 120 UnterzeichnerInnen des Briefs)

      Interview mit Francine Sporenda für Revolution Feministe & Nordic Model Now

      translation: Inge Kleine & Francine Sporenda

       

      das Interview ist auf französisch hier und auf englisch hier erschienen

       

      Wie erklärst Du Dir, dass Deutschland – nach einem bekannten Zitat – das “Bordell Europas” geworden ist? Was führte zu dieser Situation?

      Meiner Meinung nach liegen die Gründe für die Tatsache, dass Deutschland Menschenhandelsumschlagplatz Nummer 1 in Europa ist, nicht nur in der EU-Osterweiterung, sondern sind auch in der Nachfrage zu suchen. Wir haben in Deutschland eine sehr große Nachfrage, bei uns gehen täglich 1,2 Millionen Männer ins Bordell. Dazu kommt die Gesetzgebung. 2002 wurde die Förderung der Prostitution legalisiert, damit ist es jetzt nicht mehr gesetzwidrig, Zuhälter oder Bordellbetreiber zu sein. Zuhälterei ist auch nur noch gesetzeswidrig, wenn sie „ausbeuterisch“ ist, das heisst, wenn der Prostituierten über 50% abgenommen werden. Das gilt allerdings nicht für Zimmermieten, diese sind sehr hoch, 100 bis 180 Euro pro Tag sind keine Seltenheit. Während die Konservativen und Rechten Prostitution oft so ablehnen, dass sie weiterhin heimlich Recht der Männer bleiben soll, die Frauen aber verachtet werden, präsentieren uns Linke und Grüne eine Art Mogelpackung: Prostitution wird als Arbeit verklärt, manchmal sogar als feministisch oder empowernd. Statt Frauen Alternativen oder Ausstiegshilfen anzubieten wird jetzt nur noch versucht, es ihnen in der Prostitution so kuschelig wie möglich zu machen. Dass 89% aller Frauen raus wollen, aber nicht können, wird dabei völlig übersehen.

       

      Kannst Du uns etwas über das kürzlich verabschiedete Prostituiertenschutzgesetz erzählen? Was beinhaltet es? Was sind die negativen und die positiven Folgen für prostituierte Frauen?

      Im diesen Sommer in Kraft getretenen Prostituiertenschutzgesetz werden Regelungen für Betreiber und Prostituierte festgelegt. Betreiber brauchen jetzt eine Erlaubnispflicht, verurteilte Menschenhändler dürfen keine Bordelle mehr betreiben. Prostituierte müssen sich jetzt anmelden, sie müssen auch zu einer Gesundheitsberatung gehen. Außerdem gibt es eine Kondompflicht für Freier, das ist das einzig Gute an dem Gesetz. Wenn Freier auf Verkehr mit Kondom bestehen, müssen sie hohe Bußgelder zahlen. Ansonsten versucht die Politik mit diesem Gesetz nur, die schlimmsten Auswüchse der Prostitution hier in Deutschland glattzubügeln, zum Beispiel Flatrate, Gangbang, das ist jetzt verboten. An der Situation selbst ändert sich aber nichts. Es gibt weiterhin bis auf die Kondompflicht keine Regelung, die die Freier in die Verantwortung nimmt, es gibt weiterhin viel zu wenig Ausstiegshilfen, es gibt weiterhin keine Hilfe bei der Suche nach Alternativen zur Prostitution für die Frauen. Nicht mal ein Mindestalter von 21 Jahren wurde festgelegt, es wurde behauptet, dies käme einem „Berufsverbot“ gleich. Damit können hier weiterhin blutjunge Mädchen aus den Armenhäusern Europas in Deutschland ausgebeutet werden. Zwangsprostitution ist schwer nachzuweisen, auch wenn die Polizei schätzt, dass 9 von 10 Frauen einen Hintermann haben. „Interview mit Francine Sporenda für Revolution Feministe & Nordic Model Now“ weiterlesen

      Eine Bordellführung zur Frankfurter Bahnhofsviertelnacht – Was sich die Stadt Frankfurt so unter „Aufklärung über Prostitution“ vorstellt

      dieser Artikel erschien zuerst in der Kritischen Perspektive und auf treffpunkteuropa

       

      Schon beim nachmittäglichen Rundgang durch das Frankfurter Bahnhofsviertel, in dem sich ein Puff an den anderen reiht, habe ich das merkwürdige Gefühl, als Zuschauerin hier fehl am Platze zu sein. Wenn ich an den Laufhäusern hochsehe (Verrichtungszimmerfenster an Verrichtungszimmerfenster an Verrichtungszimmerfenster…) habe ich das untrügliche Bedürfnis, lieber „auf Zimmer“ gehen zu wollen: da wüsste ich wenigstens, wie ich mich zu verhalten hätte, da kenne ich die Abläufe, das Programm, das, was ich zu sagen habe, aber so, als Beobachterin im Rotlichtmilieu? Ein schräger Gedanke. Hier zu sein ist wie zu einem Ex zurückzukehren, der einen schlägt: es ist wie nach Hause kommen, alles ist vertraut, aber es fühlt sich gleichzeitig völlig falsch an. Und so ist es dann auch, als ich bei der von Dona Carmen e.V. organisierten Bordellführung mitgehe und in der Taunusstraße 26 in einem Zimmer des Laufhauses stehe: die Erinnerung an meine Zeit in der Prostitution haut mir heftig um die Ohren.

      Die kleinen Zimmer.

      Die farbigen Wände.

      Das schummrige Licht.

      Die abgeklebten Fenster.

      Es ist eng. Es ist heiß. Es ist ganz schön trostlos.

      (Und ich weiß genau, wie schäbig es hier aussehen würde, würde mal jemand das Licht voll anmachen.)

      Einatmen. Ausatmen. Heute bin ich als Zuschauerin hier. Vor allem: als Zuhörerin.

      Mit mehreren Frauen stehe ich hier im Verrichtungszimmer, es wird eng. Die Leiterin der Bordellführung, Juanita Henning, stellt uns (uns? Ich frage mich gerade, könnte man mich mit einer der bürgerlichen Frauen die an der Führung teilnehmen verwechseln?) die Frau vor, die uns einige Fragen beantworten wird. Weil ich nicht weiß, ob es ihr richtiger oder ihr „Arbeitsname“ ist, nenne ich ihn hier nicht, sondern kürze ab, und sie heisst jetzt hier „D.“

      D. steht am einzigen Fenster des Zimmers, das sie ein bisschen geöffnet hat. (Gott sei Dank. Wenn ich jetzt noch diese Puffmischung – Zigarettenrauch, Schweiß, Sperma, Gummi – hätte riechen müssen, ich wäre glaub ich ausgetickt.) Sie sieht müde und abgekämpft aus, das sieht man trotz des Lichtmangels im Raum. D. scheint über 45 zu sein, sie hat legere Kleidung an und ein Basecap auf, vielleicht hat sie dann Feierabend? „Über Prostitution reden von Frauen für Frauen“ wurde uns hier versprochen, und während wir das tun, läuft eine Mitarbeiterin von Doña Carmen nochmal los und holt das Geld, das Doña Carmen dafür zahlt, dass D. uns heute und hier Rede und Antwort stehen wird.

      D. ist Domina, vorher war sie Kosmetikerin. Sie hat vor 10 Jahren damit angefangen. Warum? „Ich bin über eine Freundin da rangekommen.“ „Frauen kommen über Frauen in die Prostitution“, sagt Juanita Henning. (Das, während Angaben von Polizei usw. mitteilen, zwischen 80% und 90% der Frauen arbeiteten nicht selbstbestimmt, sondern haben einen Hintermann.) Ich frage D., was sie für das Zimmer an Tagesmiete zahlt: 100 Euro. Und wo ihr Service beginnt: bei 50 Euro. Ich schaue mich im Zimmer um, ein Bock, an den Wänden Korsagen („umziehen kostet auch alles extra“) und Würgehalsbändern etc. Ich erinnere mich daran, dass ich Dominasein immer anstrengender fand als anderes, ich hab das gehasst, so gebucht zu werden. Wenn man den Standardservice macht, kann man wenigstens den aktiven Part abgeben, sich mal in einem unbeobachteten Moment die Nägel inspizieren oder eine Grimasse ziehen, aber Domina sein, das heißt, immer 100% mit der Aufmerksamkeit beim Kunden sein, sich in ihn hineinzuversetzen, auch noch aktiv etwas tun zu müssen, was man eigentlich nicht will, nämlich, die Fantasien von so einem Typen zu befriedigen, die man eigentlich widerlich findet. Aber das sage ich nicht.

      D. spricht in kurzen Sätzen, und nicht sehr viel. Ab und zu wird sie von Juanita Henning unterbrochen, die ihre Sätze dann vollendet oder etwas „geraderückt“. Aber es ist nicht einfach, etwas geradezurücken, wenn so viele Widersprüche generiert werden wie innerhalb der nächsten Viertelstunde.

      „Du musst halt schon der Typ dafür sein, Domina zu werden“, sagt D., berichtigt aber ein paar Minuten später: „Ich bin keine Domina aus Leidenschaft. Eigentlich ist es mir egal, was ich hier mache. Es berührt mich nicht.“ Was sie anbieten würde? „Es findet eigentlich gar nichts statt. Ich muss mich nicht ausziehen, ich werde auch nicht angefasst. Es finden auch keine sexuellen Handlungen statt. Ganz selten macht es sich mal ein Typ selber.“

      Was sie denn dann machen würde?

      „Ach, nichts eigentlich, ich fessel die ein bisschen, ich erniedrige sie ein bisschen verbal. Das ist eigentlich gar nichts. Ab und zu mal gebe ich denen einen Klaps, ganz leicht. Das ist hier eigentlich nur Fantasie, mehr ist es nicht, kein Sex oder so. Nichts reales.“ Es klingt ein bisschen so, als schwebten die Freier hier rein, gäben ihr 50 Euro und verschwänden wieder, während sie ihnen vielleicht noch „Du Drecksau!“ hinterherruft. Eine Frau fragt sie, ob sie sich manchmal ekeln würde. „Nein, wovor denn ekeln, es passiert ja eigentlich nichts. Und es hat ja alles überhaupt nichts mit mir zu tun, gar nichts.“

      Es passiert gar nichts. Es hat nichts mit mir zu tun. Ich frage mich, was dieses zwanghafte Kleinreden und Verharmlosen mit Verdrängung und Dissoziation zu tun hat. D. tut mir Leid. D. wurde von Doña Carmen dafür bezahlt, dass sie uns heute Rede und Antwort steht. Und ich hätte dasselbe gemacht, ich hätte mich auch lieber von Doña Carmen bezahlen lassen um was zu sagen: ist schließlich ein Freier weniger. Und ganz ehrlich, was hätte sie anderes sagen sollen, vor mehr als 15 bürgerlichen, soliden Frauen? „Nein, mich kotzt das an, ich finde die Männer widerlich?“ Hätte ich auch nicht gesagt in so einer Situation.

      Schon greift Juanita Henning ein: „Das mit dem ekeln, was ist das denn für eine Frage, das werden doch auch nur Sexarbeiterinnen gefragt.“ D.: „Stell dir mal vor du bist Krankenschwester, das ist doch dasselbe.“ Eine Frau: „Aber die ekeln sich doch auch manchmal.“ Juanita: „Das kannst du doch jetzt nicht vergleichen!“ Die Frau: „Also, du ekelst dich nicht?“ D.: „Nein, nie.“ Juanita: „Ekel ist ja auch irgendwie Attraktion. Sich zu ekeln bedeutet doch, jemanden attraktiv zu finden.“

      Mir ist mittlerweile ganz schwindlig. Kommt das davon, dass hier so heiß ist, oder ist es, weil die Situation so absurd ist? Der ganze Raum ist voller bürgerlicher Frauen, und D. sagt, hier findet nichts statt, aber wofür zahlen die Männer dann eigentlich? Und wie kann es sein, dass es nichts mit ihr zu tun hat, wo sie doch dabei ist, wenn es geschieht? Und dann ist Ekel auch noch Attraktion. Mein Kopf dreht sich. Das hier ist so skurril, dass ich für einen Moment an meiner Wahrnehmung zweifle.

      Eine Frau fragt, ob es manchmal zu Übergriffen komme. Nein, sagt D., sie habe die Situation immer unter Kontrolle. Keine Gewalt, nie. „Ich will diese Gewaltdiskussion hier nicht“, sagt Juanita Henning nachdrücklich. „Gewalt ist nicht Prostitution. Das ist nicht Prostitution!“ „Ja, ich bestimme hier, was gemacht wird“, sagt D. Aber das stimmt ja eigentlich nicht – sie erfüllt auch nur, was die Freierwünsche sind. Und dass diese Wünsche sich auf „es passiert hier eigentlich nichts“ belaufen, wer soll das glauben?

      Wieviele Freier sie habe pro Tag? „Unterschiedlich“, sagt D. „Mal einen, mal zwei.“ „Aber wie kannst du dann die Miete zahlen?“, fragt eine Frau. „Naja, manchmal sind es auch drei oder vier“, sagt D.

      Wie das dann ablaufe, möchte eine Frau wissen. „Naja, erstmal muss ich den Typen in mein Zimmer kriegen. Dann setze ich ihn aufs Bett, und wenn er sagt, nein, dann sage ich doch.“, lacht D., „und dann wird die Geldübergabe gemacht und dann kriegt er am besten einen Ball in den Mund, damit er mich nicht vollquatscht.“ Ihr Lachen klingt ganz schön bitter. Je länger wir hier drin sind, desto mehr tut D. mir Leid. Nicht nur, dass sie nicht darüber reden kann, was hier passiert und dass sie verzweifelt bemüht ist, alles kleinzureden, obwohl der Abscheu durchkommt, sie scheint auch noch nicht viel zu verdienen. Stammkunden habe sie keine, sagt sie.

      Ob sie darüber rede im Bekanntenkreis, fragt eine Frau. „Eigentlich nicht“, sagt D. „Es wissen nur ganz wenige enge Freunde. Den anderen sage ich, ich arbeite im Sportstudio, die fragen mich eh nie nach der Arbeit. Und wenn ich einen Partner habe, sag ich dem das, was ich mach, aber wir reden da auch nie drüber.“ Ob sie mit den anderen Mädchen im Haus rede? „Nö“, sagt sie, „nur hallo und tschüss.“ Ich denke sofort, dass meine Freunde und Bekannte mich eigentlich dauernd fragen, was ich gerade mache. Aber Prostitution macht halt echt einsam.

      „Was ist denn mit den anderen Mädchen hier“, fragt eine, „du bist ja schon ein Sonderfall, oder?“ D. winkt abschätzig ab. „Ja, die, die müssen mehr machen, mehr Leistung und auch mehr Kunden, so 6 oder 7 am Tag, aber ich nicht, ich nicht.“ Aber warum, frage ich mich, müssen die mehr machen? Wenn man doch angeblich ganz gut leben kann davon, und dass, obwohl D. nur sehr wenige Freier hat? Weil sie, im Gegensatz zu D., eben einen Zuhälter haben? Und dann natürlich dieses Abgegrenze, und ich kann es ihr nicht mal übel nehmen. In so einer Situation ist es ein natürlicher Reflex, zu sagen „mir geht’s nicht so schlecht, gugg mal die da, die habens richtig dreckig, die müssen richtig ran“. Die Hierarchien in der Prostitution. Die Escortlady blickt auf die im Wohnungsbordell herab. Und die im Wohnungsbordell auf die im Laufhaus, die sich anglotzen lassen müssen, auf ihrem Hocker auf den Fluren, weil es schon lange Volkssport unter Männern ist, das „Nuttenguggn“. Und die im Laufhaus blicken auf die vom Straßenstrich herab. Sich nach unten abzugrenzen vermittelt wenigstens das Gefühl, eben dort noch nicht angekommen zu sein.

      „Lasst euch nicht vollabern, dass das alles so schlimm wäre!“, ruft D. uns hinterher, als wir, nachdem wir danke gesagt haben, aus dem Zimmer gehen.

      Danach gibt es in den Räumen des Vereins eine Diskussion. Juanita Henning beantwortet Fragen. Es ist ein bisschen wie im Kuriositätenkabinett, nur mit mehr Gehirnwäsche.

      Auf die Frage, ob es hier ein Problem mit Zuhältern gäbe, antwortet Juanita Henning: „Zuhälter, das gibt es nicht, das ist ein erfundener Begriff, um das Umfeld der Prostituierten zu stigmatisieren.“ Und Vorstandsmitglied und Mitbegründer des Vereins Gerhard Walentowitz ergänzt: „Es werden eh nur 2 Zuhälter pro Jahr verurteilt. Bundesweit!“ Danach vergleicht sie Homosexualität mit Prostitution, um auf die Diskriminierung hinzuweisen. Ich sitze da und frage mich, seit wann Prostitution eine sexuelle Ausrichtung oder Präferenz ist. Aber Juanita Henning dreht jetzt erst richtig auf. Prostitution sei verboten, um die Sexualität aller Frauen, auch die der Frauen die keine Sexarbeiterinnen seien, zu kontrollieren. Es sei ihnen nur gestattet, mit Männern Verkehr zu haben, zu denen sie eine emotionale oder soziale Bindung haben. Und es klingt ein bisschen so, als wäre Prostitution befreiend und sehr, sehr feministisch. „Das Monopol, Sex zu kaufen, haben die Männer. Ich finde nichts verwerfliches daran. Aber wir Frauen sollten lernen, das auch so zu machen. Wir brauchen mehr Callboys und so.“ Das Ziel, so scheint es, ist, dass wir ALLE künftig Sex haben, ohne uns um unser Gegenüber, seine Sexualität usw. zu kümmern. So einfach kann es sein.

      „Aber die Frau verkauft doch ihre Sexualität“, sagt eine Frau. „Das tut sie nicht, das hat doch mit ihrer Sexualität gar nichts zu tun“, sagt Juanita Henning, die uns gerade eben noch erzählt hat es ginge in der Prostitution um die Befreiung der Sexualität der Frau, „das hat mit ihrer Sexualität gar nichts zu tun. Das hat doch nur was mit der Sexualität des Mannes zu tun, das ist doch alles nur auf seine Bedürfnisse ausgerichtet.“ Aha, denke ich, ein klarer Moment, aber schon ist auch wieder Schluss: „Deswegen werden die Frauen auch nicht krank von der Prostitution, im Kopf jetzt, so Störungen, das haben die alles nicht, weil, das hat mit ihnen und ihrer Sexualität ja nichts zu tun. Die stellen da halt mal kurz ihren Körper zur Verfügung.“

      Eine Frau fragt nach den Hells Angels. Die seien kein Problem, sagt Henning. „Überhaupt nicht. Es gibt hier keine Gewalt in der Prostitution. Die treiben fürs Finanzamt die Steuern ein.“ Ungläubige Nachfrage: „Die treiben fürs Finanzamt die Steuern ein?“ „Ja“, sagt Henning, „die Stadt hat sie damit beauftragt und holt das quasi von denen ab.“ „Also kein Problem?“ – „Nein, kein Problem?“- „Und Zwangsprostitution? Und die ausländischen Frauen? Die geschlagen werden oder die Pässe abgenommen kriegen?“ – „Das sind alles nur Klischees, das gibt es gar nicht.“ – „Alles nur Klischees?“ – „Ja, alles nur Klischees.“ Mir schwirrt der Kopf. Erschreckenderweise gibt es hier Frauen, die all das glauben. „Darüber habe ich noch nie nachgedacht“, sagt eine, „aber ja, es stimmt, eigentlich ist das so, das mit der Sexualität der Frau, und es ist auch unfair, dass es keine Bordelle für Frauen gibt.“

      Warum die Frauen zu Doña Carmen kämen, fragt eine. Eine berechtigte Frage, denke ich mir, wo es doch keine Probleme geben dürfte. „Das ist wegen der Steuer“, sagt Henning, die uns vorhin noch davon vorgeschwärmt hat, dass sich die Bulgarinnen und Rumäninnen hier in der Prostitution schön ein eigenes Häuschen erwirtschaften und vor allem ihre Familie ernähren könnten. „Wenn die aussteigen, kriegen die Probleme mit dem Finanzamt, die schätzen die, und dann sind die durch. Deswegen kommen die hierher. Wenn die aussteigen, sind die alle pleite und haben Schulden. Total arm.“

      Was wollen Prostituierte auch anderes als Steuerberatungen bei einem Verein, der sagt, es gibt keine Zwangsprostitution, keinem Menschenhandel, keine Zuhälter, keine Gewalt in der Prostitution? „Aber machen die Frauen das wirklich freiwillig?“ fragt eine. Juanita Henning schnappt: „Allein die Frage ist schon sowas von diskriminierend!“

      Als wir wieder draußen sind, frage ich einige Frauen, ob sie geglaubt haben, was sie da zu hören bekamen. „Teils teils“, sagen sie. Einige fanden es doch arg übertrieben dargestellt. Aber andere wieder haben für voll genommen, was ihnen hier erzählt worden ist.

      Ich gehe zurück zur Aktion „Kein Ort des Vergnügens“, einer Aktion, die, anders als Doña Carmen, nicht im Programm der Bahnhofsviertelnacht auftaucht. Abolitionistische Aktivistinnen mehrerer Organisationen haben bunte Plakate auf den Boden gelegt, in denen sie an die ermordeten Frauen in der Prostitution erinnern. Obwohl es sich nur um die Fälle handelt, die recherchiert werden konnten, und nur um Frauen, die in Frankfurt angeschafft haben, sind es erschreckend viele. Menschen kommen näher, legen Rosen auf den Boden und zünden Kerzen an. Es ist ein bedrückendes Bild, und es ist ein heftiger Gegensatz zu dem, was ich soeben gehört habe und auch ein starker Kontrast zu der Umgebung ringsum: mittlerweile sind die Straßen überfüllt, lärmende, trinkende, feiernde Menschen zwischen Freiern, die aus den Bordellen kommen als hätten sie mal eben im Spätshop Zigaretten gekauft. Aktivistinnen drücken den Menschen Flyer in die Hände, diskutieren mit ihnen. Die meisten zeigen sich betroffen. Einige verdrücken Tränchen, andere erzählen, sie hätten auch einen solchen Fall in ihrer Familie, wieder andere berichten von prostituierten Frauen, die in Frankfurt ermordet worden sind und die bisher in keinem Bericht erwähnt wurden.

      In einer Nebenstraße tanzen Stripperinnen auf einem Wagen. In einer anderen tummeln sich völlig zugedröhnte Menschen vor einer Druckstube. Eine transsexuelle Prostituierte läuft die Straßen ab und sucht nach Interessenten. Und ich frage mich, muss man hier wirklich feiern? Ist das nicht unpassend, auf dieses Elend, auf die Gewalt hier Glitzer zu streuen und einen Zirkus draus zu machen? Was geht vor in den Menschen, die herkommen um Party zu machen? Ist ihnen bewusst, dass ihr Adrenalinschub, sich in einer so „verruchten“ Gegend aufzuhalten, zutiefst bürgerlich ist? Dass das, was für sie eine einmalige Gelegenheit ist, für andere Alltag und Gewohnheit darstellt?

      Und ich frage mich auch, ist es das, was sich die Stadt Frankfurt unter angemessener Aufklärung über Prostitution vorstellt? Zwar sind die Bordellführungen nicht mehr im offiziellen Programm, der Verein Doña Camen aber schon, er soll mit dem späteren Vortrag und der anschließenden Diskussion „aufklären“. Neben all den dort gehörten Phrasendreschereien, Verdrehungen und Verharmlosungen, die mir im Kopf rumschwirren, frage ich mich auch, wie das so ist mit den Hells Angels und der Steuer. Liebe Stadt Frankfurt, stimmt das? Arbeitet ihr mit der Organisierten Kriminalität zusammen, um an eure Kohle fürs Finanzamt zu kommen? Und wenn nicht, warum habt ihr dann nichts dagegen, so dargestellt zu werden? Ist das gut fürs „Rotlichtkiez-ohsooooverruchtundspannend“-Image? Ich wundere mich. Eine Organisation, die konsequent von „sogenannter Zwangsprostitution“ und von „sogenanntem Menschenhandel“ spricht, soll laut offiziellem Programmheft der Stadt Frankfurt über Prostitution aufklären, aber von all den Morden zum Beispiel, von all der Freiergewalt, von den Zahlen, die wir über Prostitution haben, erfahren die Leute erst durch ein paar unermüdliche Aktivistinnen, die nicht mal im offiziellen Programmheft stehen. Es scheint, als wären der Stadt Frankfurt ihre Prostituierten egal. Zumindest, wenn sie wegen vorzeitigen Ablebens keine Steuern mehr zahlen können.

      Zuhause finde ich in einem Freierforum Berichte über Frauen aus dem Laufhaus, in dem D. ein Zimmer gemietet hat. Es sind Zitate, die mich schaudern lassen.

      „Sehr geil! Dann können wir die geile Stute auch schwanger AO reiten!“

      „Ja die Kleine steht “leider” irgendwie daneben!

      laß du dich mal täglich von ca. 30 Typen bumsen und besamen.und das Crystal gibt ihr den Rest.“

      „Super Bilder! Da muß sie aber in der Nacht davor ordentlich durchgezogen worden sein, so rot wie ihre Muschi ist!“

      „S. ist eine sehr devote Nutte, manchmal macht sie AVO. Steht unter Drogen, ist absolut willenlos. Kannst alles in ihr machen und ihr alles unten reinstecken. Auch Flaschen, Kerzen usw. Macht nur AO. Hat ein Schwämmchen drin zur Verhütung, lach. Ich ficke sie regelmäßig hart durch und spritze tief vor ihrer Gebährmutter ab.“

      „Hi Leute, auch ich war heute mal bei der (ist absolut nicht böse gemeint) schwangeren Mülltonne “S.” und habe diese (so gut es ging) schön und innig besamt. Das Mädchen ist nur wie bereits erwähnt hochschwanger (im Februar kommt das Kind raus und weg sagte sie) und leider wirklich heftigst drauf und so krass verpeilt, dass man sich eigentlich gar nicht richtig auf’s ficken konzentrieren kann. (man kann sich auch nur sehr schwer mit ihr unterhalten) Sie ist trotz allem sehr nett und ich habe viel mit ihr gelacht, wir hatten beide unseren Spaß, aber irgendwie tut sie mir irgendwo leid. Ich werde sie die Tage auf jeden Fall nochmals besuchen…“

      „War gestern auch dort und habe mich nach ihr umgeschaut, aber in dem Zimmer wo sie vorher war, was auch auf den Bildern zu sehen ist, ist jetzt eine etwas molligere Türkin mit 3-6 Muttermalen im Gesicht… hat sich dann nach Absprache für 25€ ohne Ficken und Besamen lassen.

      Sexspielzeug ist kein Problem. In einem anderen Forum wird beschrieben, dass sie einen Dildo eingesetzt hat den sie irgendwo gefunden hat.“

      „Wenn sie nicht schwamger ist, fress ich nen Besenstiel…….. Die ist ja mal total durch: Fetter Kugelbauch, fettige Haare, die Füsse in den Badelatschen zur Schau getragen an vielen Stellen total lädiiert, total zerzauste fettige und blondierte Haare….. Wenn ich an ihre Anfangszeit zurück denke……. Auf sie wird offensichtlich fremd gesteuert zu viel Druck aussgeübt oder Kohle rausgepresst……..“ (alles aus dieser Quelle)

      „L. gilt ja als eines der größten Spermaendlager im BHV. Der Beschreibung oben ist nicht hinzu zu fügen, ich finde sie typisch Ziggo-Nutten-Hübsch. Kaum nähert man sich ihrem Zimmer beginnt sie eine Show mit Tittenzeigen, Fotze massieren (in meinem Fall hatte sie nur einen BH an, kein Höschen) und fasst einem sofort an die Hose. “Komm Schatzi, spritzen Sperma in mein Muschi”. Was soll man da machen? Auch der Preis war mit €30 in Ordnung.“ (Quelle)

      „Am frühen Abend war S. auch schon einigermaßen dicht, sei es von ihren Medikamenten oder anderen psychoaktiven Substanzen. Sie saß in einem ihrer merkwürdigen Pseudo-Nuttenfummel auf dem Bett und miaute als ich eintrat. Einen beherzten Zungenkuss und meine gierigen Grabbelfinger an Titten und Möse ließ sie einfach geschehen. Ohne Gequatsche zog ich zuerst mich aus, dann sie. Eine 3-Finger-Probe in ihrer von der Geburt zerfurchten, wulstigen Möse ergab einen soliden Spermapegel in der Nutte.“ (Quelle)

      Aber ist ja alles kein Problem. Denn Ekel bedeutet ja, jemanden attraktiv zu finden. Und wird eh in der Prostitution nie empfunden. So habe ich es heute gelernt.

      Darauf ein Bier, eine Zigarette, ein bisschen laute Musik, und Party mit den KollegInnen – Bahnhofsviertelnacht Frankfurt olé! Denn wenn das hier kein Grund zum Feiern ist, was ist es dann?

      (C) Huschke Mau 2017

       

      In eigener Sache

        In eigener Sache

        Liebe Leserinnen und Leser. Ich stelle immer wieder fest, dass Anfragen
        für den von mir mit gegründeten Verein Sisters e.V. bei mir landen, und
        Anfragen an mich dort.

        Ich habe den Verein vor über einem Jahr mitbegründet, weil es mir sehr
        wichtig war, dass tatsächliche Ausstiegshilfen geschaffen werden und
        Frauen, die aussteigen möchten, nicht die gleichen Erfahrungen machen
        müssen wie ich, die ich bei Beratungsstellen keine Unterstützung
        erhalten habe.

        Mein politischer Schwerpunkt ist heute (nach erfolgreichem Anstoßen von
        Sisters e.V.) wieder ein anderer. Das bitte ich bei Anfragen zu
        berücksichtigen.

        Also: wenn ihr mit Sisters reden wollt, richtet eure Anfrage bitte an den Sisters e.V.

        Wenn ihr mit mir reden wollt, richtet eure Anfrage bitte an mich: huschke.mau@web.de

         

        Herzlichen Dank und einen schönen Sommer,

         

        Huschke

        Gegen Prostitution oder gegen die Prostituierten? Prostitutionsgegnerschaft oder Abolitionismus?

        Hallo.

        Ich möchte heute mal was in eigener Sache sagen.

        Die letzten Tage waren für mich, gelinde gesagt, nicht schön.  Ich hab auch jetzt seit 3 Nächten nicht geschlafen und viel geheult.

        In den letzten Tagen sind merkwürdige Diskussionen zustandengekommen und  so komische Sprüche gefallen. Sowas wie:

        • Prostituierte wissen nicht, was gut für sie ist, „normal denkende Menschen“ wissen das
        • Prostituierte wissen nicht, was gut für sie ist, „psychisch gesunde Menschen“ können es ihnen sagen
        • Prostituierte haben ihre „Würde“ nicht genug verteidigt, anstatt, wie „normale Leute“ auch, einfach anständig arm zu sein (und heroisch zu verhungern)
        • Prostituierte prostituieren sich nicht, weil sie in einer ökonomischen, seelischen oder sonstigen Notlage sind, sondern weil sie einen „Hang zur Prostitution“ haben

        Das kam von Frauen, die sich „Verbündete“ nennen. Einige dieser Frauen sehen es auch als legitim an, prostituierte Frauen, die zur Pro-Prostitutionslobby gehören, als „Nutten“ zu bezeichnen und merken dabei nicht, dass, wenn sie eine Frau für ihre Prostitution beschämen, sie ALLE Prostituierte für die Prostitution beschämen und dass es einen Unterschied macht, ob ich jemanden wegen seiner Gedanken ablehne, weil ich diese für falsch halte, oder für seine Prostitution.

        Einige Frauen haben sich in Diskussionen mit Frauen von der Lobby verwickeln lassen. Aber anstatt über das Konzept Prostitution zu diskutieren, haben sie prostituierte Frauen beschämt, sie für das Elend anderer Frauen verantwortlich gemacht und sich in anmaßender Weise zu Vertreterinnen von Zwangs- und Armutsprostituierten aufgeschwungen, ohne zu sehen, dass sie gerade selber Armutsprostituierte vor sich haben. Nein, nicht alles, was von der Lobby kommt, ist Müll, nur weil es von der Lobby kommt. Ja, wenn prostituierte Frauen erzählen, warum sie eingestiegen sind, sollten wir zuhören. Ja, wenn diese Frauen uns erzählen, was sie am Ausstieg hindert, sollten wir ganz Ohr sein. Nein, einer Prostituierten und Betreiberin wie Felicitas Schirow den Ausstieg via HartzIV nicht zu gönnen, ist nicht okay. Nein, sie ist nicht schuld daran, dass sie, wie sie angibt, sich jetzt prostituieren muss, ohne es zu wollen, weil ihr Leistungen des ALG2 verweigert werden.

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        Abolitionismus: Immer gegen das System der Prostitution, niemals gegen die Prostituierten!

          Dieser Beitrag erschien zuerst bei den Störenfriedas.

           

          Ein Beitrag von Carolin Werner, Huschke Mau und Manuela Schon

          Gestern erschien ein kurzer Text von Felicitas Schirow, in welchem sie beschrieb, „mal mehr und mal weniger gerne als Prostituierte gearbeitet“ zu haben. Seit 10 Jahren sei sie dieser Tätigkeit nicht mehr nachgegangen, sehe sich jetzt aber wegen großer finanzieller Probleme und Problemen mit den Behörden nicht mehr anders in der Lage, als diese wieder aufzunehmen. Sie habe seit 2015 keine Einnahmen mehr und warte seit einem Jahr (!) auf beantragte Leistungen aus „Hartz IV“. Das Jobcenter unterstelle ihr Einnahmen, die sie nicht habe, prüfe ewig und lehne alles ab. Deswegen sehe sie sich nun gezwungen, wieder als Escort zu arbeiten, da sie sonst immer mehr Schulden mache, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Sie schreibt: „Hilfe, ich bin eine Zwangsprostituierte (…) der Staat zwingt mich in die Prostitution.“ und relativiert später, sie mache diesen Job gerne, möchte aber selber entscheiden, wann und ob.

          Es gibt als Feministin und Abolitionistin sehr viele Gründe Felicitas Schirow, geborene Weigmann, nicht zu mögen. Sie ist…

          … eine Frau, die Jahrzehnte an der Prostitution anderer verdient hat.

          … eine Frau, die seit vielen Jahren Lobbyismus für die Sexindustrie betreibt und aktuell eine Verfassungsklage von Bordellbetreibenden, Freiern und prostituierten Personen gegen das neue „Prostituiertenschutzgesetz“ als Sprecherin vertritt, damit die liberalen und ausbeuterischen Prostitutionsmärkte in Deutschland so wie bisher erhalten bleiben.

          … eine Frau, die Prostitution als „Grundbedürfnis des Mannes“ und als „Menschenrecht“ definiert.

          … eine Frau, die gerne auch mal AfD-Posts auf ihrer Seite teilt, freudestrahlend mit AfD-Gründer Bernd Lucke im Titelbild posiert und seit einiger Zeit für dessen marktradikale AfD-Folgepartei ALFA/LkR die Werbetrommel rührt und selbst auf Listen dieser Partei kandidierte.

          Felicitas Schirow ist eine Frau, die man als „Handmaiden of Patriarchy“ bezeichnen kann. Mit diesem Begriff sollte man nicht inflationär um sich schmeißen, bei ihr ist er jedoch passend.

          Ja, sie ist eine Täterin: Ihr Wirken hatte und hat negativen Einfluss auf das Leben vieler Frauen, die Prostitution nicht als “Beruf wie jeden anderen” ansehen, und die zu den 9 von 10 Frauen in der Prostitution gehören, die lieber gestern als heute aussteigen würden.

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          Willkommen in Katzachstan – Eine Liebeserklärung an mein Katerchen

             

            Liebstes Katerchen! Heute hast Du Geburtstag. Und weil Du schon alles hast, dachte ich mir, ich schreibe Dir einen Text. Aber sicherheitshalber gibt’s danach natürlich noch ein Extraschmus mit vielen leckeren Nommies.

            Vor 13 Jahren bist Du zu mir gekommen, zu einer Zeit, als es mir wahnsinnig dreckig ging. Ich war mit 17 von Zuhause weggelaufen, durch das soziale Netz gefallen und im Bordell gelandet. Ich nahm Drogen, um das durchzustehen, ich hab sehr doll getrunken. Ich hatte kein richtiges Zuhause, weil ich gerade frisch von dem Mann, der mich in die Prostitution eingeführt hatte, getrennt war und nun nach einer Zeit in Hotels bei einem merkwürdigen Freund der Puffmutter wohnte. Ich hatte keine sozialen Kontakte außerhalb des Puffs, zu meinen Eltern seit ich wegelaufen war eh nicht mehr. Ich war eine von den Prostituierten, bei denen nicht mal auffällt, wenn sie verschwinden. Weil keine(r) nachfragt oder überhaupt bemerkt, dass sie verschwunden sind. Ich war die wandelnde Selbstverletzung und so suizidal, dass ich mich nicht mal mehr umbringen konnte, weil ich dazu keine Kraft mehr hatte. Ich hab einfach gewartet, dass mich eines Tages mal eine Überdosis erwischt, ein Auto überfährt oder ein Freier „wegschafft“.

            Und dann kamst Du. In dem Puff, in dem ich gerade war, gab es eine Bordellchefin. Deren Sohn hatte einen Klassenkameraden, und dessen Katze hatte gerade Junge. Die galt es zu verteilen, also brachte der Sohn der Puffmutter eine Miezi mit heim: Dich. Aber die Puffmutter wollte Dich nicht, sie hatte Angst um ihr teures Ledersofa. Also schleppte sie Dich mit in den Puff und hielt Dich mir vor die Nase mit der Frage: „Willste den haben?“ Und ich hab Dich gesehen, kleines oranges Fellknäuel das Du warst, mit Deinen damals noch klatschblauen Glubschguggln, und ich wusste sofort, wie Du heisst und auch, dass Du zu mir gehörst. Gar keine Frage. (Und ich hab sofort geflennt, so gerührt war ich über Dich.) So haben wir uns das erste Mal gesehen. „Willkommen in Katzachstan – Eine Liebeserklärung an mein Katerchen“ weiterlesen