Eiswürfelherzmomente – Wenn man in der Prostitution die Seiten wechselt

    Mein Name ist Huschke Mau, ich bin Exprostituierte, und auch wenn ich weiss, und am eigenen Leib erfahren habe, dass Prostitution Gewalt gegen Frauen ist, schreibe ich heute darüber, dass ich mir wünsche, dass eine Zuhälterin ein bisschen mehr Solidarität erfährt.
    Das klingt schockierend – wie begründe ich das?

    Der Stern-Artikel zu Schwesta Ewas Biographie hat für ganz schön Furore gesorgt. Die Rapperin war nach gewaltbesetzter Kindheit lange selber in der Prostitution und sie hat später andere, teils Minderjährige, in die Prostitution vermittelt, und dazu nicht nur das Abhängigkeitsverhältnis, welches bestand (es waren weitaus jüngere Fans) ausgenutzt, sondern sich auch körperlicher Gewalt bedient.
    Vorab: Dass sie dafür bestraft wird, ist natürlich richtig.

    ABER.
    In den Kommentarspalten tobt dazu mal wieder der Mob. Leute, die sonst nichts dagegen haben, dass es eine Riege von Frauen und Mädchen gibt, die die Gesellschaft, oft schon von Vornherein und von der Kindheit an, zum Abschuss freigegeben hat, Leute, die sich gerne selber der Prostitution bedienen, Leute, die vielleicht selber Schwesta Ewas minderjährige Fans ganz gerne mal auf Hausbesuch gehabt hätten, beschimpfen jetzt die Frau, die dafür gesorgt hat, dass das, was sie nutzen (Prostitution, Prostituierte) zur Verfügung gestellt werden konnte.
    Wie verlogen ist das?
    Es ist so deutlich, dass diese Art nur so vor Doppelmoral trieft.
    Freier sein?
    Kein Thema, ist doch normal.
    Hure sein?
    Boah, die Schlampe. Hat es nicht anders verdient.
    Zuhälterin sein? OMG GANZ SCHLIMM, ABSCHAUM.
    Was soll das? Wer Prostitution nutzt, mag, verteidigt, der sollte sich im Klaren darüber sein, dass Prostitution nie sauber ist. Kein Freier kann genau wissen, ob die prostituierte Frau gerade aus ökonomischen Zwängen mit ihm schläft, ob sie Kindheitstraumata reinszeniert, ob sie sonst von Zuhälter (oder von Schwesta Ewa) auf die Fresse kriegt.
    Die Empörung, die sich in den Kommentarspalten zeigt, weist nicht darauf hin, dass diese Gesellschaft etwas dagegen hat, dass es Mädchen und Frauen gibt, denen weder in der Kindheit noch in der Zeit danach geholfen wird, sich vor sexuellem Missbrauch zu schützen. Nein, diese Gesellschaft hat nichts dagegen. Sie will es nur nicht SEHEN. Die Empörung, die sich hier zeigt, ist eine Empörung darüber, SEHEN ZU MÜSSEN, mit welch dreckigen Methoden in der Prostitution agiert wird und welch teils schlimme Schicksale dahinterstehen. Und das überrascht mich nicht, aber natürlich kotzt es mich an.

    Dann ist da aber noch was anderes. Und zwar Hass gegenüber Schwesta Ewa aus den Reihen derer, die sehr wohl erkannt haben, dass Prostitution Gewalt ist. Leute, die finden, sie habe die Seiten gewechselt und das Aller-, Allerschlimmste verdient, weil sie doch gewusst habe, wie furchtbar Prostitution ist und es trotzdem anderen angetan hat. Es sind gehässige Kommentare.

    Ich habe heute Nacht darüber nachgedacht und mich gefragt, woher kommt das?
    Zunächst mal: Ja, Schwesta Ewa ist Täterin. Ganz klar. Ganz klar auch, sie gehört zur Verantwortung gezogen. Auch das Nordische Modell, das ich befürworte, sieht eine Bestrafung für Menschen vor, die andere in die Prostitution bringen oder von der Prostitution anderer profitieren. Aber woher kommt diese Weigerung, Ewas Geschichte nicht als Entschuldigung, aber doch als Erklärung zu sehen? Woher diese Selbstgerechtigkeit von Menschen, die noch nie in der schlimmen Situation waren, sich entscheiden zu müssen eine andere Person zu opfern oder wieder selber den Arsch hinhalten zu müssen, was man aber nicht mehr aushält, weil man zu kaputt ist?
    Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es was mit unserer Vorstellung von “Opfersein” zu tun hat. Denn ich habe in mehreren Kommentarspalten jetzt immer wieder gelesen, Ewa sei kein “unschuldiges Opfer”. Und ich frage mich – ein unschuldiges Opfer, was ist das? Und mir ist aufgefallen, dass Leute, die von “unschuldigen Opfern” reden, immer nur von IMAGINIERTEN Opfern sprechen. Von Opfern, die es nur in der Theorie gibt. Von Opfern, die komplett handlungsunfähig waren, sich immer gewehrt haben, die “alles richtig gemacht haben”.
    Aber welches Opfer macht alles richtig?
    Leute, die von “unschuldigen Opfern” reden sind genau die, die in der PRAXIS realen Menschen, die Opfer geworden sind, genau dieses Opfersein oft nicht zugestehen.
    Weil das Opfer nicht UNSCHULDIG ist.
    Es hat an der Tat teilgenommen. Oder es hat sich nicht genug gewehrt.
    Das Kind, das missbraucht wurde vom Nachbarn, es ist sogar nach mehrmaligem Missbrauch wieder der Einladung des Nachbarn in dessen Wohnung gefolgt, weil es danach immer dort mit der Playstation spielen durfte.
    Die Frau, die mehrmals von ihrem Partner vergewaltigt wurde, sie hat sich nicht sofort getrennt, sie hat sogar noch einem Romantikurlaub zugestimmt.
    Das prostituierte Mädchen, es hatte Kontakt zu einer Ausstiegsberatungsstelle, aber es hat das Angebot, an einem Ausstiegsprogramm teilzunehmen, ausgeschlagen.

    Was ich damit sagen möchte: Das Bild vom “unschuldigen Opfer”, es ist eine rape myth. Es soll festlegen, wer Opfer sein darf und wer nicht. Und es hat die Funktion, Menschen, die Opfer von vor allem sexuellen Gewalttaten geworden sind, genau dieses Opfersein abzusprechen.
    Denn in der Theorie gibt es sie, die unschuldigen Opfer.
    In der Praxis aber gibt es sie eben nicht.
    In der Praxis findet man Schuld bei jedem Opfer, und schuldige Opfer sind? Genau, keine Opfer mehr.
    Wenn unser Mitgefühl nur den “unschuldigen Opfern” gilt, gilt sie keinem und keiner mehr.

    Gewalt, sexuelle Gewalt, Prostitution – das sind Systeme, die dafür sorgen, dass auch die Opfer sich die Hände schmutzig machen.
    Es ist dies ein Kennzeichen jeglicher sexueller Gewalt.
    Jedes Kind, das missbraucht wurde, kennt die Scham über den Gedanken, froh zu sein, dass es heute Nacht nicht selbst dran ist, sondern die Schwester.
    Jede geschlagene Frau kennt die Schuldgefühle, wenn sie versucht, mit verführerischem Agieren und dem Angebot zum Sex heute Abend mal um die Schläge drumrumzukommen.
    Jede im Park vergewaltigte Frau kennt die Scham darüber, nicht sofort weggerannt zu sein und geschrien zu haben, sondern sich ernsthaft noch 5 Minuten verbal mit dem Vergewaltiger auseinandergesetzt zu haben in der Hoffnung, sie bliebe dann verschont.
    Jede Frau in der Prostitution kennt den Eiswürfelherzmoment, wenn sie anderen Frauen erzählt, es sei alles cool, und sie sollten es doch selbst mal ausprobieren.

    Wir sind alle nicht unschuldig. Wir haben alle Dreck am Stecken. Es gibt keine unschuldigen Opfer. Auch in der Prostitution nicht. DAS ÄNDERT ABER NICHTS AM OPFERSEIN.

    Jede Frau in der Prostitution hat etwas, das Menschen, die ihr den Opferstatus absprechen wollen, ihr vorwerfen können. Die Bordelltür stand doch offen, du hättest doch gehen können. Der eine Freier, du hast doch gesagt, der war nett, da kann es doch nicht so schlimm sein. Du hast doch selber Drogen an deine Kolleginnen abgegeben, warum stellst du dich dann jetzt moralisch über deinen Zuhälter. Usw.
    Niemand, nicht das zwangsprostituierteste Opfer von Zwangsprostitution, bleibt mit so einer Denke Opfer.
    Dabei sollte ganz klar sein, dass, ob jemand den Status den Opferdaseins hat oder nicht, nur daran festgemacht werden sollte, ob ihm oder ihr etwas ANGETAN worden ist – und nicht, welches Verhalten das Opfer dabei an den Tag gelegt hat. DAS sollte für die Zuschreibung als Gewaltopfer ÜBERHAUPT KEINE Rolle spielen.
    Das Schwesta Ewa andere prostituiert (und damit zu Opfern und sich selbst zur Täterin gemacht hat) ändert NICHTS daran, dass sie auf einer anderen Ebene eben auch Opfer war. Es wird nicht dadurch aufgehoben.
    Prostitution ist dreckig. ich kenne keine, die sich dort nicht die Hände schmutzig gemacht hätte. Ich habe das auch: Im ersten Wohnungsbordell in dem ich war, kam eines abends eine Frau mit ihrem Mann. Beide hatten den Gedanken, sie könne dort die gemeinsamen Schulden abarbeiten. Sie sei ja eh sexuell offen usw. Die Frau saß bei uns in der Küche und fragte uns, wie das so sei. Und ich meinte, es sei überhaupt kein Problem, alles easy. (Was hätte ich auch anderes sagen sollen? Ich bin jeden Tag auf Drogen, damit ich das hier aushalte? Ganz sicher nicht.) Und dann klingelte es und ein Freier kam rein. Und ich meinte, schau, den kannst Du doch gleich machen. Fertige den doch ab, wenn Du eh schon hier bist. Kannst Du gleich mal sehen, dass es nicht schlimm ist.
    Sie zögerte und war unsicher.
    Und ich habe sie sozusagen überredet.
    Sie hat den Freier gemacht. Und als ich aus dem Wohnungsbordell weg bin nach mehreren Monaten, war SIE immer noch da.

    Was ich damit sagen will: Sich zu verstricken, Schuld auf sich zu laden, mit der Gewaltsituation oder dem Täter selbst komplizenhaft zu agieren ist die NORM bei sexuellen Gewaltsituationen. Es gibt keine unschuldigen Opfer.
    Das Opfersein (selber Prostituierte gewesen zu sein) hebt das Tätersein (andere Frauen in die Prostitution gebracht zu haben) NICHT AUF.
    Aber das Tätersein hebt eben auch das Opfersein nicht auf.
    Beides kann eine Personalunion sein.
    Entschuldigt nichts.
    Erklärt vieles.
    Bitte bedenkt das, bevor ihr zu Schwesta Ewa oder wem auch immer kommentiert.
    Danke.

    Freier und Zwangsprostitution

      Habt ihr schonmal einen Freier gefragt, wie er zu Zwangsprostitution steht?

      Während meiner Zeit in der Prostitution war es immer so, dass Männer mir ungefragt unterstellt haben, ich würde das freiwillig und aus Spass machen („Hobby zum Beruf gemacht“). Oder aber sie waren sich sicher, dass ich einen Zuhälter habe, und haben versucht, mich damit zu erpressen (zum Beispiel, indem sie vorgegeben haben, sie hätten mit meinem “Chef” telefoniert und ausgemacht, dass ich es ohne Gummi tue, und wenn ich das jetzt nicht täte, gäben sie ihm Bescheid und ich würde Ärger bekommen – blöd nur, dass ich in den letzten jahren keinen Chef mehr hatte…). GEFRAGT danach haben sie nicht. Es ging ihnen nicht um meine Situation. Es ging ihnen um SICH. Entweder darum, auf Teufel komm raus ein gutes Gewissen haben zu können, so wie der Polizist, der mich als Freier besuchte, mir erzählte, im Job ermittle er gegen Menschenhandel und als ich ihn fragte, wie er das zusammenkriege, meinte: “Ach, wieso, ich schade ja niemandem, ich schade dir ja nicht. Du bist freiwillig hier.” (Das legte er einfach mal so fest.) Oder eben sie versuchen, das meiste für sich rauszuholen, und das geht eben gut, wenn sie eine Zwangsprostituierte vor sich haben. Die kann und darf sich nämlich nicht wehren.

      Öffentlich werden Freier immer sagen, dass sie Zwangsprostitution ganz, ganz schlimm finden.

      Aber unter sich, z.B. in Freierforen, sprechen sie offen an, dass sie von Zwangsprostitution wissen. Und es stört sie entweder gar nicht, oder es nervt sie, weil sie es eigentlich nicht sehen wollen – damit das gute Bild von sich selbst erhalten bleibt.
      Fakt ist aber, es gibt keine “sauberen” Freier. Es gibt keine Freier, die sich nicht schuldig machen. Sie konstatieren selbst, dass sie in vielen Fällen gar nicht erkennen können, ob Zwangsprostitution vorliegt. Aber das “Privatleben” von uns prostituierten Frauen geht sie angeblich nichts an.
      Zwangsprostitution finden viele von ihnen gut, weil sie dann mehr für sich raushauen können. Oder sie ist ihnen egal. Oder sie stört sie, weil sie gern weiter “ein guter Mensch” bleiben wollen – heisst, sie wollen sie nicht mitkriegen.
      Aber sie wissen, dass es sie gibt, und sie profitieren davon.
      Die Täter bei Zwangsprostitution sind nicht nur die Menschenhändler und Zuhälter, es sind auch die Freier.
      Denn da SIE den Sexualakt ausführen, ist es IHRE Verantwortung, sicherzustellen, dass sie gerade niemanden vergewaltigen.
      Es gibt nämlich kein “aus Versehen vergewaltigt”. JEDER MANN, der mit einer Frau schläft, ist dafür verantwortlich, dass das, was er da tut, keine Vergewaltigung ist. Diese Verantwortung kann ihm niemand abnehmen. Da kann sich kein Mann drauf berufen, er habe es nicht gewusst, dass sie nicht wollte (war doch ein staatlich genehmigtes Bordell! war doch kein Zuhälter zu sehen! hatte doch keine blauen Flecken!) – es wäre seine Aufgabe gewesen, das sicherzustellen.
      Wenn es um Sex ginge, der NICHT in der Prostitution stattfindet, wären wir entsetzt, wenn ein Mann uns erzählen würde, er wisse nicht, ob der Akt, den er gerade durchgeführt habe, ungewollt gewesen sei und es sei ihm auch egal.
      Warum sollte das anders sein, nur weil irgendwer (die Frau, der Zuhälter) bezahlt worden ist? Der Akt an sich bleibt ja ungewollt. Und ungewollter Sex ist Missbrauch.

      Es wird Zeit, dass wir Freier endlich in die Verantwortung nehmen. Es kann nicht sein, dass sie es geniessen, ungestraft bewusst vergewaltigen zu können oder dass ihnen egal ist, ob sie gerade vergewaltigt haben. das ist ein absolutes No-Go!
      Daran, dass es Zwangsprostitution gibt, sind auch die Freier schuld. Ohne ihre Nachfrage gäbe es nämlich gar keine Zwangsprostitution!
      Es wird niemals “saubere” Prostitution geben. Prostitution besteht immer zu einem gewissen Teil auch aus Zwangsprostitution. Denn es wird nie genug Frauen geben, die das “freiwillig” (und das definiere ich hier mal bloss als: ohne angewandte körperliche Gewalt durch einen Zuhälter) machen werden machen!
      Wer das eine will, muss das andere mögen – es gibt keine Prostitution ohne Zwangsprostitution.
      Und Freier wissen das und nutzen das.

      “Saubere” Freier gibt es nicht, denn Freier und Zuhälter und Menschenhändler sind partners in crime, Komplizen, die alle nur ein Ziel haben:
      So viel wie möglich aus prostituierten Frauen und Mädchen rauszuholen!
      Auf der Seite “Die Unsichtbaren Männer” könnt ihr euch anschauen, wie Freier reden, wenn sie unter sich sind. Wie sprechen sie über Zwangsprostitution und Menschenhandel?

      Garantiert nicht so, wie es gesellschaftlicher Standard sein sollte! Und das sollten, ja, müssen und werden wir ändern.

      Minderjährige in der Prostitution

        Während meiner Zeit in der Prostitution hat mich, selbst als nicht klar war, ob ich volljährig bin, NIE ein Freier gefragt, wie alt ich eigentlich WIRKLICH bin. Und auch nie, ob ich freiwillig hier bin. Bin ich damit ein Einzelfall?

        In Hamburg stehen zwei Männer vor Gericht.
        Sie haben einem Mann ein 15-jähriges Mädchen “abgekauft”. Auch dieser hatte es zur Prostitution gezwungen, es ist nicht klar, wie lange schon.
        Dann haben sie das Mädchen an Freier vermittelt. Ihre Einnahmen hat sie abgeben müssen, um ihre “Schulden” ( = ihren Einkaufspreis) bei ihren neuen Zuhältern abarbeiten zu müssen.
        Schliesslich hat sich die Polizei verdeckt auf eine der Anzeigen gemeldet, in denen sie als frisch 18 geworden beworben wurde und liess die Sache hochgehen.

        Als Argument gegen das Nordische Modell kommt häufig, das sei schwierig, weil die Freier dann Fälle, in denen sie Zwangsprostitution vermuten, nicht mehr anzeigen würden. Denn sie sind über die Freierbestrafung ja eh schon kriminalisiert und müssten dann zugeben, Freier gewesen zu sein. Nun: In dem Fall hier hat sich KEIN EINZIGER FREIER bei der Polizei gemeldet. KEIN. EINZIGER. Und das, obwohl das Freiertum in Deutschland nicht illegal ist. Ja, es gibt mittlerweile ein lächerliches Gesetz hier, was den wissentlichen (!!!), vorsätzlichen (!!!!!!) Besuch bei Zwangsprostituierten (ohne dass “Zwang” allerdings definiert wird) unter Strafe stellt. Ein Gesetz, über das Freier sich herzlich einen ablachen werden. Denn “Zwang” nachzuweisen ist schwer. Und nachzuweisen, dass ein Freier von diesem Zwang wusste, noch schwerer. In diesem Fall hier ist es so, dass klar erkennbar gewesen sein muss, dass das Mädchen nicht volljährig ist – denn sie wurde ja auch schon BEVOR sie 15 war prostituiert, und ein 13- oder 14-jähriges Mädchen kann man von einer 18-jährigen sehr wohl unterscheiden.
        JEDER ihrer Freier hätte bei ihrem Anblick entscheiden können, sie NICHT zu missbrauchen, sondern sofort zur Polizei zu gehen. Ihm wäre NICHTS passiert.
        JEDER ihrer Freier hätte sogar NACHDEM er sie missbraucht hat, zur Polizei gehen können. Ihm wäre nichts passiert, wenn er gesagt hätte, dass ihm erst zum Schluss was komisch vorkam. Ihm wäre nichts passiert.

        KEINER ihrer Freier hat das getan. KEINER ist zur Polizei gegangen. KEINER hat ihr geholfen.
        Ein junges Mädchen wird ge- und verkauft und gezwungen, sich preiszugeben, und all die erwachsenen Männer drumrum entscheiden sich, ihr nicht zu helfen, sondern auch ein Stück vom Kuchen zu ergattern und eben auch mal drüberzurutschen.

        Das Argument gegen das Nordische Modell, dass Freier ständig Zwangsprostituierte melden würden und es dann unter schwedischer Gesetzeslage nicht mehr tun würden, ist keines. Denn sie melden Fälle von Zwangsprostitution, sogar wenn diese offensichtlich ist, weil sie eine Minderjährige vor sich haben, fast nie. Sie haben nichts gegen Zwang. Sie haben nichts gegen Zuhälter. Und sie haben auch nichts gegen Gewalt gegen Frauen und Mädchen in der Prostitution.
        Denn erst der Zwang, erst die Zuhälter, erst die Gewalt (und die Armut, die vorausgegangene sexuelle Gewaltgeschichte usw.) sorgen dafür, dass das Angebot, nach dem sie so sehr nachfragen, zur Verfügung gestellt werden kann.
        Oder woher sollen die “tabulosen”, möglichst jungen Frauen in ihrem Bett sonst kommen?

        Freiersein bedeutet, zu profitieren von Tätern, die vor einem selbst an einer Frau oder einem Mädchen Gewalt ausgeübt haben, um dann noch einen draufzusetzen und auch Gewalt ausüben zu können – möglichst, ohne das Mädchen vorher schlagen oder überwältigen zu müssen. Das haben ja dann andere schon gemacht. Wie praktisch.

        Leider ist die Gesetzeslage in Deutschland so, dass zwar ihre Zuhälter jetzt vor Gericht stehen – ihre Freier aber nicht.
        Die suchen sich einfach die nächste “18-jährige”, die in einer Annonce beworben wird.
        Noch.
        Ich hoffe, dass das in, sagen wir, 5 Jahren nicht mehr möglich sein wird, weil sie dann Angst vor einem Bussgeld oder besser noch vor einer Gefängnisstrafe haben müssen!
        Denn Fakt ist: Zuhälterei und Zwangsprostitution gibt es nur, weil Freier eine Nachfrage nach Prostitution stellen.
        Wenn Männer keinen Sex kaufen würden, würde es auch keine Männer geben, die Frauen und Mädchen zur Prostitution zwingen.
        Diese beiden Zuhälter hier haben getan, was sie getan haben, weil es sich GELOHNT hat. Weil sie damit sehr viel Geld verdient haben. Sie hätten schön auf dem Trockenen gesessen, wenn es keine Freier gegeben hätte.
        Haben sie aber nicht.
        Denn es gibt genug Freier. Und damit auch genug Zuhälter.
        Und damit genug Mädchen und Frauen, die von beiden ordentlich ihren Schaden wegbekommen haben.
        Das muss aufhören – und zwar dalli!

        Gewalt in der Prostitution

          In Thüringen ist eine Frau aus der Prostitution zusammengeschlagen worden. Der Täter war ihr Freier. Angeblich war er mit den “Leistungen”, die sie geliefert hat, nicht einverstanden.
          Wir vom Netzwerk Ella sind alle Frauen aus der Prostitution. Und wir kennen alle diese Angst vor Übergriffen durch Freier.
          Davon mal abgesehen, dass Prostitution an sich schon ein sexueller Übergriff ist – denn es werden sexuellen Handlungen an und mit einer Person durchgeführt, die den Sex nicht will, sondern das Geld braucht -, neigen Freier generell dazu, Grenzen zu übertreten.

          Da hat man schnell mal den Finger im Po, obwohl man gesagt hat, dass anal ein Tabu ist.
          Da hat man schnell mal die Zunge im Hals, obwohl man gesagt hat, dass man nicht küsst.
          Da liegt schnell mal die Hand auf dem Hals, obwohl man gesagt hat, dass man keine Würgespiele macht.

          Warum ist das so?

          Es ist so, weil Freier Männer sind, die glauben, sie hätten ein Recht auf Sex. Es sei etwas, dass ihnen geliefert werden müsse. So, als könnte eine Frau einem Mann Sex geben ohne beteiligt zu sein, so, wie man Leuten, die einen Döner kaufen, das Essen über die Theke reicht. So, als sei ein Blowjob eine Dienstleistung.
          Sex ist aber keine Dienstleistung. Sonst könnten sich die Freier ja den Blowjob ja auch von einem 60-jährigen Mann holen, der auf ALG2 ist und Flaschen sammelt. Den fragen sie aber komischerweise nie nach so einer „Dienstleistung“. Aber wenn es eine wäre, wäre das doch möglich, Dienstleistung ist Dienstleistung, oder?

          In Wirklichkeit ist Prostitution Frauenkauf. Es wird ein bestimmter Körper gekauft. Und Freier wissen das, da können sie von Dienstleistungen reden, wie sie wollen. Sie wissen, dass sie nicht wie auf einer Speisekarte auswählen, welche Praktiken sie gereicht bekommen wollen. Sie wissen, dass sie eine Frau kaufen, auf Zeit. Deswegen fragen viele Freier auch: „Was kostest du?“ statt „Was kostet es bei dir?“
          Freier sind Männer, die denken, dass Sex ihnen zusteht. Und insgeheim sind sie sauer darüber, dass sie dafür noch bezahlen müssen. Wo sie doch so gut im Bett sind. Wo die Hure doch auch was davon hat. Wo sie doch der nette Freier sind. Oder überhaupt geduscht und das.

          Und weil sie insgeheim nicht einsehen, für das, was ihnen zusteht, auch noch bezahlen zu müssen, versuchen sie, so viel wie möglich rauszuholen. Sie beuten Frauen sexuell aus. In ihren Augen haben sie zwar offiziell für eine Dienstleistung bezahlt, aber sie fühlen sich, als hätten sie die Frau gekauft. Und da ist jedes Tabu etwas, das ihnen zu Unrecht vorenthalten wird.
          Und das geht natürlich nicht.

          Freier sind Gewalttäter. Die Gewalttat beginnt dort, wo sie mit einer Frau schlafen, die das eigentlich nicht will. Die eigentlich nur die Kohle will.

          Freier sind Gewalttäter. Die Gewalt geht weiter dort, wo sie ihre öknomische Überlegenheit nutzen, sich Zugang zu einer Frau zu kaufen, die ohne diesen Machtunterschied nie mit ihnen schlafen wollen würde.

          Freier sind Gewalttäter. Vom Akt des Kaufens von „sexuellen Dienstleistungen“ zum weiteren Performen eines sexuellen Aktes mit einer Person, die deutlich Unlust zeigt, die sichtbar ihren Ekel und Unwillen unterdrückt, die vielleicht weint oder Schmerzen hat, ist es kein großer Schritt.

          Freier sind Gewalttäter. Wenn sie diese Grenzen überschritten haben, ist es nicht mehr weit dazu, mehr einzufordern als ausgemacht war. Schliesslich hat man bezahlt. In ihren Augen mehr als genug. In ihren Augen für mehr als ausgemacht war.

          Freier sind Gewalttäter. Von den sexuellen Praktiken, die nicht abgesprochen sind, zu noch mehr Gewalt, zu Schlägen usw. überzugehen erfordert nicht das Überwinden einer großen Hemmschwelle.

          Und von da ist es nicht mehr weit zu Mord.

          Freier sind Männer, die so sehr denken, sie hätten ein recht auf Sex, dass sie die Person, die daran teilnimmt, weil sie sie bezahlt haben, nicht mehr als Mensch wahrnehmen. Als Menschen, der einen Willen hat und der Grenzen hat. Es ist ihnen egal. Sie haben bezahlt. Die andere Person zählt nicht mehr. Sie hat zu tun, was und wie sich die Freier das vorstellen – sonst gibt’s saures. In den Augen von Freiern schulden wir ihnen Sex, ob wir wollen oder nicht. Und wenn wir nicht abliefern wie gewünscht, hat das Konsequenzen – wie in diesem Fall.

          Könnt ihr euch vorstellen, wie es ist, mit einem Mann ins Bett zu gehen, nackt, verletzlich, allein, der so aggressiv ist? Immer mehr fordert? Immer mehr an die Grenzen geht? Dessen Handlungen man immer mehr abwehren muss, ohne ihn aber zu verärgern?
          Ein Job wie jeder andere? Ganz sicher nicht.
          Dieser Freier hier ist keine Ausnahme. Er ist nicht „das schwarze Schaf“ oder „das faule Ei im Korb“. Er hat konsequent weitergeführt, was seine Freierdenke in seinem Hirn angelegt hat.

          Über 80 Morde an Frauen in der Prostitution seit 2002. Die meisten verübt durch Freier.
          Fakt ist: Prostitution zu nutzen bedeutet, es okay zu finden, dass Sex gemacht wird, obwohl nur einer den Sex wirklich will. Prostitution zu nutzen bedeutet, zu glauben, es gäbe für Männer ein Recht auf Sex. Prostitution zu nutzen bedeutet, unter „Sex“ zu verstehen, dass alles sich auf die Wünsche des Mannes ausrichtet.
          Brauchen wir das im Jahr 2019, wo wir über „enthusiastischen Konsens“ reden, wirklich noch? Nein. Haben wir nie gebraucht.

          Freiertum ist Gewalt und führt zu noch mehr Gewalt.

          Alles Gute an die Kollegin!

          Wenn Freier einen darüber belehren, wie Prostitution wirklich ist…

            Ich als Exprostituierte, die sich für die Einführung der Freierbestrafung in Deutschland einsetzt und die offen darüber spricht, wie Prostitution so ist, bekomme andauernd Zuschriften von Freiern, die mich davon überzeugen wollen, dass es „nicht so ist“, wie ich es erlebt habe. Eigentlich veröffentliche ich die nicht, aber heute habe ich mich doch mal dazu entschlossen, damit ihr mal einen Einblick bekommt in die Art, wie Freier denken. Geschrieben hat mir einer aus der Kategorie, die wir im Bordell „Liebeskasper“ genannt haben. Er ist einer von den “netten Freiern”. Aber ist er deswegen harmlos?

            Das hier ist seine Mail:

            Betrachtet man diese seine Zuschrift analytisch, kann man folgendes feststellen:

            1. Er ist davon überzeugt, dass er anders ist. Nicht so schlimm wie die anderen.

            2. Eigentlich findet er es schlimm, Sex zu kaufen. Damit heuchelt er, ein Gewissen zu haben (als würde das etwas besser machen, wenn man weiss, dass etwas schlimm ist und man tut es trotzdem).Nur wenn ER es tut, dann ist es nicht so schlimm.

            3. Und ja, er findet, Prostitution ist Missbrauch. Aber er missbraucht nur ein kleines bisschen, denn er penetriert die Frau nicht, er lässt sich „nur“ einen runterholen. Das sei etwas, was er noch mit sich vereinbaren könne. Ein kleines bisschen Missbrauch, noch dazu von etwas ganz besonderem wie IHM, ist also okay.

            4. Er behauptet, dieser Frau gutzutun: mit langen Gesprächen, mit Massagen, indem er „auf ihre Wünsche eingeht“. Und er bemerkt nicht oder will nicht bemerken, dass er damit nur versucht, noch mehr aus dieser Frau rauszuholen als andere Freier: mit den Gesprächen versucht er, in ihre Privatssphäre einzudringen, sie muss Extraarbeit leisten (emotionale und psychische), indem sie sich auf ihn einstellt, ihm Sachen von sich verrät, damit er sich weiter „besonders“ fühlen kann, denn das ist, was er hier kauft. Sie muss ertragen, endlos von ihm gestreichelt, massiert, abgeleckt zu werden und sie muss vorgeben, dies seien ihre Wünsche, wo ihr einziger Wunsch wahrscheinlich doch ist, dass er geht (und sie nicht anfasst). Das ist auch Extraarbeit: noch so tun zu müssen, als gefiele es einem, 2 Stunden lang den Ekel, die Abscheu wegdrücken, lächeln, „ach du tust mir so gut, du bist so anders“ usw.

            5. Er bringt ihr Geschenke mit und glaubt, damit nicht so schlimm zu sein wie andere Freier, aber meint hier irgendwer, diese Geschenke mache er ihr selbstlos?

            6. Er nutzt ihre wirtschaftliche Lage aus, in dem er vorgibt, aus Gewissensgründen nicht mehr zu ihr kommen zu können, und holt sich so über Erpressung eine Bestätigung für sein Ego ab: er sei ihr „liebster Kunde“, habe sie ihm gesagt, „ein Lichtblick“. Er weiss genau, dass sie das Geld nötig hat, und das nutzt er, um sie sagen zu lassen, er sei doch nicht so schlimm wie die anderen. Danach kann er sagen, sie habe es ja so gewollt, unter Tränen habe sie ihn angefleht, nicht wegzubleiben. Ist das widerlich oder ist das widerlich?

            7. Wenn sie ihm wirklich so Leid tut und er der Samariter ist, als der er sich hier ausgibt, warum gibt er ihr dann nicht einfach das Geld und geht wieder? Aber nein, er missbraucht sie 2 Stunden lang, lässt sie noch emotionale und psychische Arbeit verrichten, indem er sie sein Ego und Selbstbild streicheln lässt und indem er sie aus purer Not sagen lässt, er müsse doch kein schlechtes Gewissen haben.

            8. Er hofft, dass sie aussteigt, weil „die anderen Freier“ ja so schlimm sind und sie kaputt machen. (Er natürlich nicht.) Und für den Fall, dass sie aussteigt, hat er ihr auch gleich seine private Nummer gegeben, damit er ihr dann „helfen“ kann. Er lässt sich versichern, dass sie ihn danach weitertreffen wird. Und er glaubt natürlich: ohne Kohle. Sprich: er denkt, er könne sich hier seine eigene kleine Privathure aus dem Bordell holen, natürlich kostenlos.

            9. Und so kommt er, der einer der schlimmsten Blutsauger unter den Freiern ist, zu dem Schluss: „Ich weiß, dass ich mit dem was ich tue auch zur Unterstützung der Prostitution beitrage und das ist schlecht.Trotzdem schäme ich mich dafür nicht, weil ich die Spanierin in einer schlimmen Gesamtsituation unterstütze und sie als das behandle was sie ist.Nämlich eine wundervolle Frau und ein wertvoller Mensch.“

            Dabei sollte er sich sehr wohl was schämen. Auch die Tatsache, dass er mir seitenweise Ergüsse schreibt, ist der Versuch, sich von mir emotionale Arbeit zur Aufrechterhaltung seines Selbstbildes zu erschleichen. Plus, glaubt eigentlich irgendwer, es sei cool, wildfremde Frauen mit ungebeten eingesandten detaillierten Schilderungen von „Streichelsex“ beeindrucken zu können? Was ist das anderes als ein Penisbild in Schriftform?
            Also hier, bitte schön, die Zuschrift von heute Nacht. Lest es euch durch und fragt euch, ob es auch harmlose Freier gibt. Oder teilt es und fragt eure Bekannten, die bisher der Meinung waren, es gäbe doch auch nette Freier, ob sie die jetzt immer noch so furchtbar NETT finden.

            Freiwilligkeit und Prostitution

              Als Exprostituierte bin ich oft müde davon, zum hundertsten Mal ausdiskutieren zu müssen, ob Prostitution freiwillig ist. Denn die Frage nach dem Existenzrecht von Prostitution hängt nicht davon ab, ob es irgendwo eine gibt, die es “freiwillig” macht.

              Wir brauchen mehr politische Analyse und weniger Fokusverschiebung auf die, die durch die Prostitution in der handlungsbeschränkteren Lage sind (das sind wir prostituierten Frauen). Prostitution wird nicht dadurch okay, dass irgendwo irgendeine sagt, dass sie es “freiwillig” tut, genauso wenig, wie partnerschaftliche Gewalt dadurch okay wird, dass eine Frau “freiwillig” bei ihrem schlagenden Mann bleibt.

              Diese Konzentration auf das “ja” der Frau erinnert an Victimblaming. Wir brauchen mehr politische Analyse, wir brauchen einen Blick darauf, in welchen UMSTÄNDEN das “JA” gegeben wurde, und dann sehen wir: Ein “Ja”, das gegeben wird, weil ein “Nein” hiesse, negative Konsequenzen zu tragen (nichts zu essen, kein Geld für die Miete, Schläge) kann kein Konsens sein.
              Abgesehen von der politischen Analyse fehlt mir auch oft der Blick auf die Freier. Warum wird andauernd das Verhalten derer, die sich prostituieren, kritisiert und zum 100. Mal durchgekaut? Wir sind doch schon lange an dem Punkt, an dem wir wissen, was Frauen dazu bringt, sich zu prostituieren.
              Drehen wir doch den Spieß mal um und betrachten die Freier. Während man einer Frau sehr wohl zugestehen muss, dass sie mit ihrem Körper machen kann, was sie will (oder muss, um zu überleben), kann man einem Menschen wohl kaum genehmigen, mit dem Körper eines anderen zu tun, was er will – das sind nämlich zwei verschiedene Paar Schuhe.

              Ist es okay, alles zu tun, um das eigene Überleben zu sichern, ist es okay, mit seinem eigenen Körper zu tun, was man möchte? Klares Ja.
              Ist es okay, sich sexuellen Zugang zum Körper einer anderen Person zu kaufen? Klares Nein.
              Das Main Echo hat mit einigen Freiern gesprochen und ich bin froh, dass sie der Freiersicht Raum gegeben haben. Die Interviews mit ihnen machen klar: Freier gehen zu Prostituierten,

              – weil sie es mögen, dass Frauen dort nicht nein sagen (können) und dass sie verfügbar sind (sein müssen)

              – weil sie es mögen, dass die Frauen dort ihre Grenzen nicht wahren dürfen (ein Freier z.B. bezeichnet alle deutschen Prostituierten als “Abzockerinnen”, bei denen es viel kostet und man wenig bekommt – es sollte also am besten auch noch kaum was kosten)

              – weil sie so mit anderen Männern “bonden” können, sich ihrer Zugehörigkeit zur privilegierten Gruppe sichern, sich ihrer (überlegenen) Männlichkeit versichern können, indem sie Frauen als Gruppe abwerten

              – weil sie Frauen in der Prostitution nicht wie Menschen behandeln müssen (“einfach mal das primitive Schwein raushängen lassen”, “Die Prostituierten müssen für mich Deutsch reden können. Aber ob sie freiwillig dort sind, das interessiert mich nicht. Da bin ich kalt.”,”Ob die Frauen freiwillig im Bordell sind, hat für mich eigentlich keine Rolle gespielt, solange sie leidenschaftlich dabei war.”)

              – weil der pornographisierte Sex, der üblich ist ausserhalb des Bordells und in dem alles auf die Bedürfnisse des Mannes konzentriert ist bei gleichzeitiger Lust an der Demütigung und Abwertung von Frauen, im Prinzip dasselbe ist wie das, was man im Puff bekommt (“Eigentlich merkt man gar keinen Unterschied, wenn man zu einer Prostituierten geht.”)

              Dass Sex Geld kostet, führt leider nicht dazu, dass Männer diesen Sex (der ja komplett auf allein ihre Bedürfnisse ausgerichtet ist) dann mehr wertschätzen, im Gegenteil, es geht auf Kosten des Subjektstatus von Frauen.
              Der Blick des Freiers auf Frauen in der Prostitution und damit auf alle Frauen ist einer, der nur auf den sexuellen Nutzwert der Person, die gar nicht mehr als Person begriffen wird, ausgerichtet ist.
              Schauen wir uns mehr die Freier an! Hören wir ihnen zu! Dann wissen wir, was Prostitution ist – und warum Freiertum verboten gehört.

              Sperrbezirke

                In Deutschland ist es ja so, dass Prostitution legal ist, aber nicht entkriminalisiert. Verkürzt bedeutet das, es ist erlaubt, sich zu prostituieren, aber es gibt so viele Regeln, die dabei einzuhalten sind, dass es fast unmöglich ist, keine davon zu brechen.
                Was ganz klar sein muss, ist, dass die Forderung nach der Entkriminalisierung prostituierter Frauen eine Kernforderung des Abolitionismus ist. Strafen, Bussgelder, Regeln, die wir nicht einhalten können, helfen uns kein Stück und sorgen nur dafür, dass sich der Staat an dem Geld, das wir mühsam ervögeln, noch bereichert.
                Klar ist: Wenn es Sperrbezirke gibt, dann sollen die gegen die Verstöße zahlen, die Prostitution nachfragen. Und das geht, die Gesetze kann man so auslegen, dass die Freier zur Kasse gebeten werden, und nicht wir.
                Aber braucht es Sperrbezirke überhaupt?

                Ich kann verstehen, dass es Orte gibt, an denen Prostitution nicht stattfinden sollte. Kindergärten, Schulen… Freier, die Schulmädchen ansprechen (und das tun sie), braucht kein Mensch.
                Ausserdem sorgt die Tatsache, dass es Sperrbezirke gibt, dafür, dass Prostitution eben nicht überall stattfinden kann, nicht überall sichtbar ist und damit auch nicht normalisiert wird.
                Aber bringt das was, wenn sie gleichzeitig weiter stattfindet?
                Haben wir Frauen dadurch eine Option mehr bekommen, oder geht es nur darum, uns zu verdrängen?
                Ich habe immer gemischte Gefühle, wenn eine Stadt mal wieder feiert, dass sie einen Sperrbezirk durchgesetzt hat. Denn einerseits ist es ein ehrenwertes Motiv, zu sagen: „Wir finden Prostitution nicht normal, wir finden sie frauenverachtend, wir wollen das nicht.“
                Andererseits ändern Sperrbezirke nichts an der Realität, dass es Prostitution gibt.
                Keine Frau kann dadurch, dass es einen Sperrbezirk gibt, aussteigen.
                Das heisst, wir prostituieren uns weiter, oft, weil wir müssen, nur eben nicht mehr dort, wo jetzt der Sperrbezirk ist.
                Und das bedeutet unter Umständen: dort, wo es unsicherer ist. Im Gewerbegebiet, am Stadtrand, im Wald…
                Einerseits ist die Gefahr, vergewaltigt, umgebracht oder geschlagen zu werden, in Wohnungsbordellen, bei Haus- und Hotelbesuchen oder eben am Stadtrand nicht unbedingt kleiner. Andererseits ist es halt schon ein besseres Gefühl, wenn man schon anschaffen und mit potentiell gewalttätigen Freiern umgehen muss, es dann wo zu tun, wo noch andere Leute sind – in einem Hotel z.B.
                Oder auf dem Parkplatz neben dem Strich.

                Aber jetzt mal alle Sicherheitsmassnahmen, die wir prostituierten Frauen treffen (Kennzeichen aufschreiben, bei einem Hausbesuch einer Freundin die Adresse weitergeben,…) beiseite:

                Hat eine Gesellschaft, die duldet, dass Frauen sich prostituieren müssen um zu überleben, ja, die das sogar fördert und davon profitiert, ein Recht, eben diese Prostitution nicht sehen zu müssen?

                Es ist doch genau diese Doppelmoral, seit Jahrhunderten: Es gibt Prostitution und all die „ehrenwerten“ Männer nutzen sie, und das ist okay, aber die Prostitution selbst darf nicht sichtbar sein, und die prostituierten Frauen sind pfui Spinne.
                Wie ist das mit geschützten Räumen für prostituierte Frauen?
                (Mal abgesehen davon, dass Prostitution niemals sicher und ausserdem ein Übergriff an sich ist.)
                Oftmals werden Strassenstrichs und altgediente Prostitutionsorte aufgelöst. Dafür wird dann im Gewerbegebiet ein Laufhaus oder ein Eroscenter hingebaut.
                Das wollen viele von uns aber gar nicht, weil es das reinste Konkurrenzspektakel ist, weil wir weniger Verhandlungsfreiheit haben, mehr Vorschriften, weil wir dort weniger vom Geld behalten können. Es beschränkt uns noch mehr in der Prostitution, in der ja bekanntermassen die Wahl-, Entscheidungs- und Handlungsfreiheit eh nicht riesengroß ist.

                Andererseits, Prostitution einen Ort zuzuweisen, das ist auch problematisch. Wie beim Dortmunder Strassenstrich, an dem man Verrichtungsboxen aufstellte, und plötzlich wurde er zum größten Strich Europas, massenweise wurde südosteuropäische Frauen hingekarrt, weil ihre „Freunde“, Männer, Zuhälter befanden, da sei es legal und geregelt und das wäre doch auch mal eine Idee, dort eine Frau hinzustellen.

                Geschützte, zugewiesene Orte entwickeln also immer auch eine Sogkraft hinsichtlich Zuhälterei und Menschenhandel, und sie geben Freiern auch das Signal: es ist okay, was du tust, es ist hier ausdrücklich erlaubt.
                Wie also umgehen mit der Sichtbarkeit von und dem Schutz von Frauen in der Prostitution, ohne Prostitution zu normalisieren und zu akzeptieren?
                Sperrbezirke ja oder nein, und unter welchen Bedingungen, und warum seht ihr das, wie ihr es seht, aus welcher Position sprecht ihr?

                Es geht mir nicht um die Forderung nach dem Nordischen Modell, ihr wisst ja, dass ich mich dafür einsetze. Im Nordischen Modell werden Freier bestraft, und das ist auch richtig so. Das bedeutet, im ganzen Land ist sozusagen ein Sperrbezirk eingerichtet, und zur Verantwortung gezogen werden die Freier. Wichtig ist, dass wir bedenken, dass das NM aus 5 Säulen besteht und dass alle durchgesetzt werden müssen, das heisst, die Freier werden bestraft, gleichzeitig wird der Frau aber ein Hilfsangebot gemacht und sie hat ein Recht auf einen Ausstiegsplatz, also eine Möglichkeit, sich nicht weiter prostituieren zu müssen. Ohne das geht es nicht!