Bußgelder für Frauen in der Prostitution

Heute möchte ich euch darauf aufmerksam machen, dass der deutsche Staat auch während Corona Frauen in der Prostitution ausbeutet und sich selbst damit zu ihrem Zuhälter macht.

Allein in Hamburg mussten Frauen, die sich aus der Not heraus trotz des aktuellen Prostitutionsverbots zum Sex gegen Geld angeboten haben, insgesamt über 56.000 Euro Strafe zahlen. In Worten: Sechsundfünfzigtausend Euro!

Sie werden das Geld zusammenkriegen, indem sie weiter anschaffen. Anschaffen für den deutschen Staat!

Aber von Anfang an.

In Deutschland ist Prostitution legal.

Freier werden nicht belangt. Freier zu sein, unterliegt in Deutschland keinen Regelungen.

Aber es werden Frauen in der Prostitution kriminalisiert. Es gibt so viele Regeln, dass es unmöglich ist, sich an alle zu halten: es gibt nicht nur die Anmeldepflicht, es sind auch über 80% der Fläche Deutschlands Sperrgebiet. Das bedeutet, dass man sich dort nicht prostituieren darf. Wird man dabei erwischt, muss man als Frau in der Prostitution Strafe zahlen.
Da die meisten Frauen in der Prostitution sind, weil sie dazu gezwungen werden – von Zuhältern, von den Umständen, von Armut – bedeutet das konkret, dass sie trotz ihrer Notlage ständig Gefahr laufen, gegen Regeln zu verstoßen und eine massive Geldstrafe abzahlen zu müssen. Das ist unfair: denn wer in der Prostitution ist, ist es meistens nicht aus Spaß, sondern aus der Not. Ausstiegshilfen bietet der Staat kaum. Aber etwas von dem Geld, dass die Prostituierte anschafft, will er halt schon haben: über Steuern. Und über Bußgelder.
Jetzt ist es nicht nur ein Unding, dass der deutsche Staat Steuern nimmt von Geldern, die durch bezahlten sexuellen Missbrauch erwirtschaftet wurden. Er profitiert damit auch ganz massiv von Zwangsprostitution, denn auch die sind manchmal angemeldet und zahlen Steuern.

Oder, wie ein Finanzamtsmitarbeiter, mit dem ich mal gesprochen habe, es so deutlich ausdrückte: „Wenn ich in den Puffs Kontrollen mache, sehe ich ganz viele Frauen, die ganz offensichtlich nicht freiwillig dort sitzen. Aber das ist mir doch egal, mein Job ist es, sicherzustellen, dass die Steuern zahlen.“

Jetzt ist durch die coronabedingte Krise noch eine weitere Verschärfung der Situation für prostituierte Frauen hinzugekommen: denn an den meisten Orten Deutschlands herrscht jetzt ein Prostitutionsverbot. Mit Bußgeldern bis zu 5.000 Euro pro Verstoß – zu zahlen von der Prostituierten.
Die Sache ist nun aber die, dass die meisten Frauen aus Not in der Prostitution sind und es sich gar nicht leisten können, NICHT anzuschaffen. Weil keine Hilfe für sie greift. Weil es keine Hilfe für sie gibt. Weil sie sonst vielleicht ihre Wohnung verliert, oder ihre Kinder nicht mehr versorgen kann. Oder weil sie sonst von ihrem Zuhälter Dresche kriegt. Das bedeutet, sie schaffen weiter an. Heimlich.

Das ist eine sehr schlimme Situation. Denn die Freier erpressen sie so, es zum Beispiel ohne Gummi zu machen, sonst würde man sie melden. Freier haben jetzt alle Macht. Prostituierte hingegen keine.

Ich bin unglaublich empört darüber, dass der Staat es wagt, von Frauen, denen er eh schon nicht hilft und von deren schwer erficktem Geld er ansonsten eh schon genug wegnimmt, jetzt auch noch insofern zu profitieren, dass er die Bußgelder den Frauen (statt den Freiern!) auferlegt. Wir wissen doch alle, wie die Frauen diese Bußgelder abarbeiten werden.

Stellt euch mal vor, ihr bekommt in einer absoluten Notlage und in Zeiten akuten Geldmangels auch noch ein Bußgeld von 5.000 Euro. 5.000 Euro!!!!! Wisst ihr, wie viele Freier das sind? Wie viele ZUSÄTZLICHE Freier das sind?!
Wie soll eine rumänische oder bulgarische Armuts- oder Zwangsprostituierte, die eh ihr ganzes Geld an einen Zuhälter abliefern muss oder es für ihre Kinder nach Südosteuropa schickt, und die 40 Euro pro Fick nimmt, das jemals abarbeiten?!

27 Frauen in der Prostitution müssen jetzt zusammen 56.000 Euro erficken, um dem Staat das zu geben, von dem er meint, es würde ihm geschuldet. Und das allein in Hamburg. Nur in Hamburg. Wie viel Geld möchte der Staat denn in ganz Deutschland von den Frauen in Notlagen, die es sich nicht mal leisten können, sich NICHT zu prostituieren? Wie viele hunderttausend Euro sind es?

In Berlin haben wir AbolitionistInnen es geschafft, dass es keine Bußgelder für die Frauen in der Prostitution mehr gibt. Nur noch für die Freier.
Das muss überall so werden.
Der deutsche Staat darf nicht länger ein Zuhälter sein!

Frauen in der Prostitution brauchen keine Strafen.
Wir brauchen Rechte, Hilfe, Ausstiegsplätze und Schutz.
Wir haben ein RECHT darauf!

Wenn Du eine Frau aus der Prostitution bist und einen Bußgeldbescheid bekommen hast, wende Dich an uns vom Netzwerk Ella, wir treiben das Geld für Dich auf und zahlen es Dir!

Seid alle solidarisch, schreibt die Ämter eurer Stadt an (Ordnungsdezernat / Stadtverwaltung / Kommune / Landkreis / Gleichstellungsbeauftragte) und fragt nach, ob es bei euch auch so ist und protestiert dagegen!

Jetzt ist die ideale Zeit, das Nordische Modell einzuführen! Mit Ausstiegshilfen für Frauen in der Prostitution, mit einer Freierbestrafung und einer Entkriminalisierung von Frauen in der Prostitution!

Alles andere verschärft die Lage für die Betroffenen – und ganz ehrlich, wer will schon in einem Zuhälterstaat leben?

Quelle für die Zahlen bzgl. Geldern aus Bußgeldbescheiden: hier.